Hochwasser-Katastrophe

AfD-Politiker will Klimakrise widerlegen - und scheitert

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Gaffer in Hochwasserregionen

Gaffer in Hochwasserregionen

Der Südwesten von Deutschland ist aktuell mit den Aufräumarbeiten des starken Unwetters beschäftigt. Viele Familien vermissen Angehörige und müssen ihr Zuhause verlassen. Gaffer erschweren diese Situation.

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Berlin.  Tausende Bilder kursieren von der Hochwasser-Katastrophe im Netz. Eines wird in rechten Foren geteilt - ist aber besonders irreführend.

Die Hochwasser-Katastrophe in Deutschland hat schon jetzt Tausende Bilder produziert. Manche bewegen, etwa das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beim Besuch des Katastrophengebietes an der Hand hält und stützt. Andere lassen verzweifeln, angesichts der gigantischen Schäden und des Leids. Und wieder andere führen in die Irre – und werden von rechten Gruppierungen verbreitet.

So geschieht das derzeit in den sozialen Netzwerken, bei Twitter und Facebook etwa, wo ein historischer Wasserstandsanzeiger geteilt wird. Auf dem Bild zu sehen sind Markierungen, die Hochwasserstände in bestimmten Jahren zeigen. Die höchste Markierung stammt dabei aus dem Jahr 1852.

Was das Bild, über das unter anderem auch die Watchblogs „Volksverpetzer“ und „Correctiv“ berichten, zeigt: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hat es extreme Hochwasser gegeben. Leugner der Klimakrise sehen sich bestätigt: Extreme Wetterereignisse und deren Häufung sind scheinbar kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, schlussfolgern sie. Einen Zusammenhang mit der Klimakrise gebe es nicht. Vor allem in rechten Kreisen kursieren solche Ansichten. Maximilian Kneller, AfD-Politiker aus NRW, etwa nahm das Bild und twitterte es unter dem Hashtag #hochwasser mit dem Kommentar: „Klimakatastrophe von 1852 war besonders schlimm“.

Hochwasser: Gepostetes Bild zeigt Stadt in der Schweiz

Was NRW-Politiker Kneller ignorierte oder nicht wusste: Das Bild stammt nicht aus Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen, sondern aus der Schweizer Stadt Olten an der Aare.

Das ist der erste Punkt, der an Knellers Post irreführend ist. Punkt Nummer zwei: Drei von sieben der abgebildeten Hochwasserstände stammen aus den letzten 20 Jahren, vier aus dem 20. Jahrhundert. Damit lässt sich am Wasserstandsanzeiger ablesen, dass sich in der Schweiz Überschwemmungen häufen. Der Versuch, die Klimakrise mit dem Bild aus Olten zu widerlegen, ist demnach gescheitert - schließlich zeigt das Foto genau die Entwicklung, auf die Wissenschaftlerinnen und Forscher seit Jahrzehnten hinweisen: nämlich die Häufung von extremen Klima-Ereignissen wie Überflutungen seit dem Beginn des fossilen Zeitalters.

„Correctiv“ zitiert dazu aus dem Statement eines Wissenschaftlers der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), der über Zusammenhänge zwischen schweren Niederschlägen und Klimawandel schreibt. Das könnte Sie interessieren: Hochwasser-Held – Dieser Mann rettete die Steinbachtalsperre

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Demnach werde aus bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen klar, „dass die klimaänderungsgetriebene Tendenz von stärkeren und starken Niederschlägen sowohl in Häufigkeit wie Intensität in Richtung Zunahme geht“. Im Klartext: Es wird in Zukunft immer öfter kräftig regnen.

In Deutschland geht auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) geht davon aus, dass „Hochwasserereignisse, verursacht von Starkregen, vermutlich als Folge des Klimawandels zunehmen werden“. Tatsächlich ist die Frage, ob Starkregenfälle und Unwetter mit der Klimakrise zusammenhängen, ist in der Forschung noch nicht abschließend beantwortet, ein Zusammenhang wird aber angenommen.

Klimakrise: Olten an der Aare hat Maßnahmen ergriffen

So sagte etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) dem „Science Media Center“ dazu: „Bei Niederschlagsextremen ist die Zunahme (im Vergleich zu Hitzerekorden, Anm. d. Red.) noch nicht so groß, weil die natürlichen Schwankungen im Vergleich zum Effekt der Erderwärmung stärker sind.“ Man könne daher nicht sagen, ob dieses Ereignis eine Folge der Erderwärmung sei. „Aber man kann festhalten, dass derartige Ereignisse durch die Erderwärmung häufiger werden.“

Carl-Friedrich Schleussner, Forschungsgruppenleiter am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, zeigte sich dem „Science Media Center“ gegenüber weniger abwägend. Es sei bekannt, dass Erwärmung zu Zunahme von Starkregen führe, gleichzeitig nähmen Wetterlagen zu, die zu Extremwetterereignissen führten. „Im Jahre 2021 stellt sich nicht mehr die Frage, ob der Klimawandel dazu beigetragen hat. Die Frage ist nur noch, wieviel“, so Schleussner.

Die Schweizer Gemeinde Olten an der Aare stellt sich jedenfalls der Klimakrise. Die Ortschaft schützt sich mit umfangreichen Flutschutz-Projekten gegen Überschwemmungen. Die Bauarbeiten sind erst seit November 2020 abgeschlossen, das Flussbett der Aare wurde dabei stellenweise auf bis zu 70 Meter verbreitert. (pcl)

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