Pandemie

Virusvarianten: So hoch wird die Corona-Sommerwelle

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Omikron-Variante: Die Sommerwelle ist da

Corona-Welle im Sommer wegen Omikron-Variante?

Die Sommerwelle ist schon da, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Die Omikron-Variante BA.5 breitet sich trotz heißer Sommertage hierzulande rasant aus.

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Berlin.  Im Sommer wollen sich die Menschen eigentlich von der Pandemie erholen. Doch in diesem Jahr droht bereits jetzt die neue Corona-Welle.

Bisher waren die Sommer der Pandemiejahre Atempausen. Ein paar Monate lang blieben die Infektionszahlen niedrig, die Lage vergleichsweise entspannt. Doch dieses Jahr ist das anders. Denn mitten in der warmen Jahreszeit baut sich gerade eine neue Welle der Pandemie auf. Die Ausbreitung von BA.5, einem Subtyp der Omikron-Variante, nimmt Fahrt auf.

Die Trendwende kam schon Ende Mai. Bis auf rund 200 war die Sieben-Tage-Inzidenz gesunken, als sie wieder zu steigen begann. Nach Pfingsten kletterte die Kurve steil nach oben – am Mittwoch verzeichnete das RKI 472 Fälle pro 100.000 Einwohner in einer Woche. Von der Pandemie-Pause der vergangenen zwei Jahre ist nichts zu sehen.

Corona: Virustyp BA.5 ist noch ansteckender

Verantwortlich dafür ist nach Einschätzung von Experten Omikron-Subtyp BA.5, der sich rasant ausbreitet. Derzeit würden zwei Effekte gegeneinander arbeiten, sagt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auf der einen Seite die Jahreszeit, mit vielen Veranstaltungen draußen, warmen Temperaturen und UV-Strahlung, die es dem Virus schwer machen. Und auf der anderen Seite ein Virustyp, der noch ansteckender ist als die bisher da gewesenen.

Vollständig aufheben werde BA.5 den saisonalen Effekt wohl nicht, sagt Watzl dieser Redaktion. Doch die Welle dürfte hoch werden. „Wahrscheinlich werden wir es mit Inzidenzen im Bereich von 500, 600, 700 zu tun haben.“ Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte dem Fernsehsender RTL/ntv, dass er vierstellige Inzidenzen für möglich halte.

In einigen Landkreisen sind diese schon erreicht, große Teile Niedersachsens, NRWs und Bayerns verzeichnen zudem aktuell Werte über 600. Und das in einer Situation, in der viele Fälle gar nicht in der Statistik auftauchen, weil Infizierte ihre Ansteckung nicht mehr per PCR-Test bestätigen lassen.

Krankenhäuser sind auf ansteigende Fallzahlen vorbereitet

Auch wenn Omikron zu weniger schweren Verläufen führt als die Delta-Variante, mehren sich deshalb auch die Hospitalisierungen. „Die Krankenhäuser registrieren deutlich steigende Belegungszahlen mit Corona-positiven Patientinnen und Patienten auf den Normalstationen“, sagt Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Auf den Intensivstationen allerdings blieben die Zahlen konstant.

Die Krankenhäuser seien zwar nach mehr als zwei Jahren Pandemie gut auf wieder ansteigende Fallzahlen vorbereitet, sagte Gaß. Trotzdem könnte die Sommerwelle zum Problem werden, weil bei hohen Fallzahlen Quarantäne und Erkrankungen für Ausfälle beim ohnehin knappen Personal sorgen.

In den Gesundheitsämtern ist man angesichts dieser Entwicklung beunruhigt. „Wir haben uns sicher gefühlt und das war ein Fehler“, sagte Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), dieser Redaktion.

Einheitliche Vorgaben aus der Politik sind nötig

In den Gesundheitsämtern, bei denen vor Ort die Fäden der Pandemiebekämpfung zusammenlaufen, trifft das Virus laut Nießen auf Behörden, die sehr unterschiedlich vorbereitet sind auf eine Welle mitten im Sommer. Vielerorts fehle immer noch Personal, neben der Pandemiebekämpfung versuchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter endlich andere Aufgaben zu bearbeiten, die in mehr als zwei Jahren mit Corona liegen geblieben waren.

„Die Ämter sind nun bemüht, ihre Ressourcen für die Pandemiebekämpfung wieder hochzufahren“, sagte Nießen. Doch dafür bräuchten sie Rückendeckung: „Wir müssen jetzt einheitlich agieren, dafür sind entsprechend einheitliche Vorgaben aus der Politik nötig.“

Das allerdings geben die aktuellen Rahmenbedingungen zur Pandemiebekämpfung kaum her. Denn Maßnahmen, die über den Basisschutz für vulnerable Gruppen hinausgehen, sind nach der jüngsten Änderung des Infektionsschutzgesetzes nur noch regional möglich, wenn ein Landesparlament eine Region per Landtagsbeschluss zum Hotspot erklärt.

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Corona-Regeln für den Herbst sollen geplant werden

Und in der Ampel-Koalition im Bund ist man sich nicht einmal einig, ob das auch noch möglich sein soll nach dem 23. September, wenn diese Version des Infektionsschutzgesetzes ausläuft. Während SPD und Grüne zur Vorsicht mahnen, signalisiert die FDP schon jetzt, dass sie flächendeckende Maßnahmen im Herbst und Winter ablehnt.

Janosch Dahmen, Gesundheitsexperte der Grünen, drängt darauf, möglichst bald zu klären, wie die Pandemiebekämpfung dann aussehen soll. „Wir sollten das Warnsignal, das von dieser Sommerwelle ausgeht, sehr ernst nehmen“, sagte er dieser Redaktion. „Wenn wir unvorbereitet in den Herbst gehen ohne ein breit angelegtes Programm für Auffrischungsimpfungen und ohne eine Rechtsgrundlage, die wirkungsvolle Maßnahmen wie Maskenpflicht in Innenräumen möglich macht, dann müssen wir befürchten, dass es insbesondere in den hochbetagten Altersgruppen nochmals viele Todesfälle zu beklagen geben könnte.“

Die Koalition, fordert er, sollte sich deshalb schnell damit auseinandersetzen, welche Regeln nach dem 23. September gelten werden. Denn es bleibe nicht viel Zeit. Die Regierungsfraktionen sollten „noch vor der Sommerpause“ einsteigen in die parlamentarische Befassung für ein neues Infektionsschutzgesetz.

Dieser Artikel ist zuerst auf morgenpost.de erschienen.