Trauer

Die selbstbeherrschte Herrscherin: Ihr Leben für den Thron

| Lesedauer: 9 Minuten
Queen Elizabeth II ist tot

Queen Elizabeth II ist tot

Unerschütterlich erschien die Queen in den vergangenen Jahrzehnten in farbenfroher Kleidung bei Einweihungen, Ordensverleihungen und Thronreden. Doch zuletzt wirkte die britische Königin Elizabeth II. gesundheitlich angeschlagen. Nun ist die Queen verstorben.

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London.  Niemand regierte länger als Queen Elizabeth II. Ihre Familie, ihre Politik, ihre Hinterlassenschaft – ein Nachruf auf eine Ikone.

Queen Elizabeth II. ist tot. Die britische Königin starb im Alter von 96 Jahren auf Schloss Balmoral. In ihren letzten Stunden war ihre Familie bei ihr. Prinz Charles und dessen Ehefrau Camilla, Prinzessin Anne, Prinz Andrew und Prinz Edward und auch Prinz William eilten schnell zu ihr. Und welch ein Glück für sie, dass auch Prinz Harry zu ihr nach Schottland reisen konnten, weil er wegen der Invictus Games in Europa war.

Die Queen hinterlässt vier Kinder, acht Enkelkinder, zwölf Urenkelkinder und geschätzt 350 Millionen Euro. Sie war das Staatsoberhaupt von 16 Ländern, von so vielen wie niemand sonst. Neben dem Vereinigten Königreich herrschte sie auch über Kanada, Australien, Neuseeland und mehrere Inselstaaten in der Karibik und im Pazifik.

Die Königin war eine Dienerin – unermüdlich im Einsatz für ihr Reich. Noch 2015 hatte sie so viele Termine wie das Jahr Tage hat. Als sie die 90 überschritt, waren es immer noch knapp unter 300. „Man muss gesehen werden, um geglaubt zu werden“, war ihr Motto.

Die Queen war die älteste und die am längsten regierende Monarchin der Welt

Ihr Pflichtbewusstsein war das einer vergangenen Epoche – sie klagte nie, aber sie erklärte sich auch nie. Mit Queen Elizabeth II. stirbt somit nicht nur ein Mensch, sondern eine der größten Symbolfiguren der vergangenen 100 Jahre, die prägendste Repräsentantin der westlichen Zivilisation.

Sie war die Konstante in Jahrzehnten, in denen sich die Welt ein paarmal komplett veränderte. Kritiker der Monarchie würden sagen: Sie war ein Relikt.

In diesem Jahr hatte sie gerade noch ihr Thronjubiläum gefeiert. Damit war sie die älteste und die am längsten regierende Monarchin der Welt. Den Rekord ihrer Ururgroßmutter Königin Victoria brach sie bereits 2015.

Und kein britischer Thronfolger hing so lange in der Warteschleife wie der neue König von Großbritannien, Elizabeths Erstgeborener Charles. Noch nie war ein britischer König beim Amtseintritt so alt wie der inzwischen 73-Jährige.

Die Queen erlebte 14 Premierminister von Winston Churchill bis Liz Truss. Noch am 6. September ernannte sie Truss formal zur neuen Premierministerin. Zum ersten Mal in ihrer kompletten Regentschaft passierte dieses Ritual auf Schloss Balmoral.

Mit Margaret Thatcher verband sie so einiges. Zwei reservierte Frauen von eiserner Disziplin – das Verhältnis der beiden wurde als unterkühlt beschrieben.

Zudem überlebte die Queen einen Weltkrieg und 1981 bei einem Ausritt sechs Schüsse, die ein 17-Jähriger auf sie abfeuerte. Es waren Platzpatronen. Ein Jahr später stand ein verwirrter Eindringling in ihrem Schlafzimmer. Die Queen verwickelte ihn in ein Gespräch, bis der Sicherheitsdienst endlich seinen Job tat.

Das sind die Enkelkinder der Queen
Das sind die Enkelkinder der Queen

Queen als Ikone: Vom Großreich bis zum Brexit

Sie überstand auch den Verlust ihres Empires. Von dem größten Reich der Geschichte, das einst ein Viertel der Erdoberfläche ausmachte, blieben zuletzt nur das Kernland, Gibraltar und ein paar verstreute Inseln. Sie erlebte aber auch den Eintritt ihres Landes in die EU – und den Austritt. Den Brexit soll sie nicht gutgeheißen haben.

Elizabeth II. war auch Popkultur, ihr ikonisches Porträt zierte exotische Währungen, Kaffeetassen und Kunstwerke von Andy Warhol bis Lucian Freud. Sie wurde verspottet von Punkbands wie den Sex Pistols, eine bald ebenfalls legendäre Rockband benannte sich nach ihr. Helen Mirren gewann 2006 den Oscar für ihre Titelrolle im Kinofilm „The Queen“, die Netflix-Serie „The Crown“ erzählt die Saga ihrer Familie.

Natürlich war sie auch eine Mode-Ikone: Ihre Kombinationen aus pastellfarbenen Mänteln, Hüten, Handschuhen und Handtaschen waren ein zeitloses Markenzeichen. Die Art, wie sie ihre Handtasche hielt, diente ihrer Entourage als ein Geheimcode. Ein Armwechsel etwa bedeutete: Ich will weiter.

Ihrem größten Quälgeistern, den Boulevardblättern, konnte sie nicht entkommen. Doch wie ein Fels trotzte sie den Skandalen. Denn ihre Verwandtschaft führte sich auf wie in einem Shakespeare-Drama – und immer öfter wie in einer Seifenoper.

„Wie alle besten Familien haben wir unseren Anteil an Exzentrizitäten, an ungestümen und eigensinnigen Jugendlichen und an familiären Meinungsverschiedenheiten“, seufzte sie.

Ihr Amt verdankte die Queen einer verbotenen Liebe

Allerdings verdankte sie einem Skandal überhaupt erst ihr Amt: Ihr Onkel König Eduard wirft 1936 hin und brennt mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson durch. Ihr Vater George, ein Stotterer, übernimmt – plötzlich ist der Teenager Kronprinzessin. Mehr zum Thema: Prinz Harry schreibt Memoiren und überrumpelt seine Familie

Eine Schule besucht sie nie, aber sie wird am Hof auf ihre Rolle vorbereitet. Mit 14 hält sie ihre erste Radioansprache. Zu schade ist sie sich für nichts: Sie lässt sich zur Automechanikerin und Kraftfahrerin ausbilden. Als ihr Vater 1952 mit nur 56 Jahren stirbt, besteigt die 26-Jährige den Thron.

Ihre Krönung wird das erste Großereignis des noch jungen Mediums Fernsehen – 300 Millionen weltweit sehen zu. Mit Disziplin und Würde meistert sie fortan in turbulenten Jahrzehnten ihre Aufgabe.

Dianas Rache am Palast

Das schlimmste Jahr ist für sie 1992: Schloss Windsor brennt, in Schutt und Asche liegen auch die Ehen ihrer Kinder. Andrew lässt sich von Sarah Ferguson scheiden. Zuvor waren Bilder aufgetaucht, auf denen ein Liebhaber an Fergusons Zeh nuckelt. Charles trennt sich von seiner Frau Diana. Es kommt noch schlimmer: Die einst so scheue Schwiegertochter rächt sich für im Palast erlittene Schmach mit Buch und Interview. Lesen Sie hier: Prinzessin Diana: Was ist noch übrig von ihrem Mythos?

Als „Königin der Herzen“ inszeniert sie sich nun und wird beliebter als die Royal Family. Als Diana 1997 verunglückt, gerät ein Land in den Ausnahmezustand. Die Queen verschanzt sich, kümmert sich um die verstörten Enkel. Doch das Volk fordert eine Gefühlsregung. Die Queen gibt nach, hält eine Ansprache und kittet in letzter Minute den Riss zwischen ihr und den Briten. Es ist ihre größte Krise. Auch interessant: Legendäres Interview: Wie Diana die Monarchie erschütterte

Ihre Popularität steigt wieder und ihre Ausdauer zollt selbst Monarchiegegnern Respekt ab. Die Skandale in der Familie reißen jedoch nicht ab. Zuletzt machen ihr ihr abtrünniger Enkel Harry und ihr Sohn Andrew, der in ein Missbrauchsverfahren verwickelt ist, Kummer. Im April 2021 verliert sie ihren Ehemann. 70 Jahre waren sie und Prinz Philip verheiratet, die längste Ehe in der Geschichte der Monarchie.

Als Mutter soll sie eher kühl gewesen sein, das Protokoll ließ eben nicht viel Spielraum. Doch als Großmutter war sie liebevoll. Ansonsten liebte sie ihre Corgis, Pferde, Autos, Earl Grey Tea, Toastbrot (ohne Kanten), Krimis, Fußball. Und sie hatte einen trockenen Humor. Ihre Parodien der Premierminister waren eine Gaudi, erzählt man.

Noch im Oktober vergangenen Jahres lehnte sie eine Auszeichnung zum „Oldie des Jahres“ ab. Begründung: Man sei nur so alt, wie man sich fühle. Sie erfülle daher die Kriterien nicht.

Vorname Elizabeth Alexandra Mary
Nachname Mountbatten-Windsor
Titel Königin von Großbritannien, Nordirland und 14 weiteren souveränen Staaten
Geboren 21. April 1926 in London
Gestorben 8. September 2022 in Schottland
Sternzeichen Stier
Partner Prinz Philip
Kinder Prinz Charles, Prinz Andrew, Prinzessin Anne, Prinz Edward

An die Queen wird man sich lange erinnern

Politisch äußern durfte sie sich nie. Einige sehen sie jedoch als treibende Kraft hinter dem Ende der Apartheid Südafrikas. Ihr Irland-Besuch 2011 galt als wichtiges Symbol der Aussöhnung. Und natürlich setzte sie als mächtige Frau weltweit auch ein mächtiges Zeichen.

So weigerte sie sich, dem erwarteten Frauenbild – nahbar, adrett, nett – zu entsprechen. „Es ist unfair“, stellte sie einmal fest. „Wenn ein Mann nicht lächelt, gilt er als ernsthaft, nicht als mies gelaunt.“

Der Tod der Queen macht deutlich, dass alles, wirklich alles einmal endet. Aber die Queen lebt weiter, sie wird wohl noch für Jahrhunderte Teil des kollektiven Gedächtnisses bleiben. Die robuste Familie von Thronfolger Prinz William ist zudem ein Glücksgriff für den Fortbestand der Monarchie.

Als Identitätsstifterin hat die Queen ihr Land geeint, jetzt sind die Briten vereint in Trauer. „Trauer ist der Preis, den wir für die Liebe zahlen“, sagte sie einmal.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.