Corona: Warum die Todeszahlen dramatisch ansteigen könnten

Berlin.  In Deutschland stecken sich wieder vermehrt ältere Menschen mit dem Coronavirus an. Intensivmediziner erwarten steigende Todeszahlen.

Merkel: "Der Winter wird uns allen noch viel abverlangen"

Die Deutschen müssen sich nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf weitere Monate mit Corona-Beschränkungen einstellen: "Der vor uns liegende Winter wird uns allen noch viel abverlangen", sagte Merkel am Samstag in ihrem wöchentlichen Video-Podcast.

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  • Am Mittwoch meldete das Robert-Koch-Institut mehr als 17.500 Corona-Neuinfektionen in Deutschland
  • In den vergangenen Wochen steckten sich vor allem jüngere Menschen mit dem Coronavirus an – jetzt infizieren sich auch wieder ältere
  • Dieser Trend kann bedeuten, dass die Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 in der kommenden Zeit wieder steigen könnten
  • Auch die Intensivstationen werden voller: Das RKI geht davon aus, dass etwa 50 Prozent aller künstlich beatmeten Intensiv-Patienten mit Covid-19 sterben

Deutschland befindet sich inmitten der zweiten Pandemiewelle, seit Wochen werden täglich Tausende neue Infektionen registriert. Doch obwohl wir gut dreimal mehr Neuinfizierte am Tag zählen als noch im Frühjahr, steigt die Anzahl gemeldeter Todesfälle von Corona-Patienten bisher glücklicherweise nicht im gleichen Maße mit: In der zweiten Novemberwoche verstarben laut Robert Koch-Institut (RKI) 1201 positiv auf das Coronavirus getestete Menschen – trotz deutlich mehr Erkrankungen waren es damit rund 400 weniger als Anfang April.

Ein genauer Blick auf die Zahlen verrät jedoch: Der Trend verheißt nichts Gutes.

Die Hoffnung, dass das Virus schwächer und weniger tödlich geworden wäre, erfüllte sich nicht. Zwar sorgte ein italienischer Mediziner mit dieser Aussage bereits im Sommer für viel Aufregung, doch die Weltgesundheitsorganisation WHO und weitere Wissenschaftler weltweit konnten dem nur widersprechen. Für eine solche Veränderung der Eigenschaften des Virus gebe es keinerlei Anzeichen, andere Faktoren seien für die Entwicklung verantwortlich.

Corona-Statistik: Alter der Infizierten spielt große Rolle

Auch das RKI erklärte die bisher vergleichsweise niedrigen Todeszahlen der zweiten Welle Corona-mit dem Alter der Infizierten. Denn die zweite Pandemiewelle wird von 20 bis 39 Jährigen angeführt: 35 Prozent aller seit Oktober gemeldeten Neuinfektionen betreffen Menschen dieser Altersgruppe, zusammen mit den unter 20-Jährigen machen sie sogar die Hälfte des Infektionsgeschehens aus.

Ob es zu einem schweren Krankheitsverlauf kommt und der Patient sogar verstirbt, darauf nehmen vor allem Alter und Vorerkrankungen Einfluss. Laut RKI waren 85 Prozent aller bisher verstorbenen Infizierten über 70 Jahre alt.

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In der ersten Welle im Frühjahr stiegen die Todesfälle parallel zu der Zahl der Infizierten an, vor allem bei älteren Menschen ab 80 wurde das Virus nachgewiesen.

Trotz steigender Neuinfektionszahlen seit Oktober blieb die absolute Anzahl Infizierter Menschen über 60 zunächst unterhalb der Höchstwerte der ersten Welle.

Doch in den letzten Wochen steckten sich auch wieder mehr ältere Menschen mit dem Virus an.

  • Seit Anfang November wurden knapp 13.000 Menschen im Alter von 80 Jahren und älter positiv auf das Virus getestet.
  • Das sind 4000 mehr als in den ersten beiden Aprilwochen, den zwei Wochen mit den meisten Infizierten aus dieser Altersgruppe der ersten Welle.

Laut RKI müsse man daher in den nächsten Wochen mit mehr Patienten mit schweren Verläufen rechnen, die Intensivstationen sind in Alarmbereitschaft. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) forderte in einer Pressemitteilung Anfang November die Einstellung des Regelbetriebs und den Notfallmodus für Kliniken in Ballungsgebieten.

Schon jetzt seien sprunghafte Anstiege von Patienten mit Covid-19 auf den Intensivstationen zu beobachten – und erste Kliniken erreichten ihre Belastungsgrenze. Und das, obwohl Intensivmediziner erst in den nächsten vier bis sechs Wochen den Höhepunkt der Patientenzahlen auf den Intensivstationen erwarten.

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Auch beim RKI befürchtet man wegen der Zunahme von Erkrankungen unter älteren Menschen eine neue Rekordzahl Intensiv-Patienten mit dem Coronavirus. Ein steiler Anstieg der Todesfälle könne nur vermieden werden, wenn die Ausbreitung von Sars-CoV-2 durch die Maßnahmen verlangsamt würde, heißt es in einem der Situationsberichte. Das Institut geht davon aus, dass etwa 50 Prozent aller künstlich beatmeten Intensiv-Patienten mit Covid-19 sterben, im Schnitt etwa 18 Tage nach dem Auftreten erster Symptome.

Erste Corona-Welle in der deutschen Sterbefallstatistik sichtbar

Ob die Coronavirus-Pandemie in Deutschland zu einer Übersterblichkeit führt, also zu einer im Vergleich mit den Vorjahren höheren Anzahl von Sterbefällen, wird sich final erst an ihrem Ende zeigen, wenn Wissenschaftler die verschiedenen Todesursachen und Faktoren während dieser Zeit mit vergangenen Jahren vergleichen.

Um sich der Frage anzunähern, hat das Statistische Bundesamt Ende Oktober eine Sonderauswertung mit den vorläufigen Sterbefallzahlen dieses Jahres im Vergleich zu den Jahren 2016 bis 2019 veröffentlicht. Die Grafik zeigt den Dreijahres-Durchschnitt in blau, Höchst- und Niedrigstwerte sind als blauer Schatten hinterlegt. Die rote Linie zeigt die vorläufigen wöchentlichen Sterbefallzahlen 2020. Die orangene untere Linie zeigt den Anteil mit Covid-19 infizierter Verstorbener.

Die Auswertung zeigt, dass sich die Pandemie bereits in der Sterbefallstatistik niederschlägt. Ein deutlicher Anstieg der Sterbefälle im April ist zu sehen, dem Höhepunkt der ersten Coronawelle. Doch schon Anfang Mai bewegen sich die Sterbefallzahlen zunächst wieder im Durchschnitt. Ein erneuter, deutlicher Anstieg im August kann hingegen nicht mit dem Virus erklärt werden. Hier gehen die Wissenschaftler von erhöhten Todeszahlen durch die starke Sommerhitze aus.

Die Sonderauswertung endet mit der ersten Oktoberwoche, als die Neuinfektionen noch unter dem Niveau vom Frühjahr lagen. Ob sich die zweite Welle ebenfalls in einer Übersterblichkeit niederschlägt, bleibt abzuwarten. Darüber entscheiden wird die Entwicklung der nächsten Wochen, die Auslastung der Intensivstationen und ob die November-Maßnahmen die Welle brechen können.

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