Einzelhandel

Wolfsburgs Radhändler am Limit ­­– So lange muss man warten

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Fahrradwerkstatt Schael:  Andrea Miceli (links) und Eric Linnenkohl haben alle Hände voll zu tun. Radfahren boomt in Wolfsburg

Fahrradwerkstatt Schael: Andrea Miceli (links) und Eric Linnenkohl haben alle Hände voll zu tun. Radfahren boomt in Wolfsburg

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Wolfsburg.  Der Sommer naht, die Spritkosten sind hoch, etliche Wolfsburger wollen aufs Rad. Händler leiden allerdings unter Lieferkettenproblemen.

Einen Platten selber flicken können ist natürlich das allerbeste. Was aber, wenn das nicht gelingt, oder eine Inspektion ansteht, Ersatzteile benötigt werden? Bundesweit stöhnt die Branche über Lieferschwierigkeiten bedingt durch Lockdowns und gestörte Lieferketten. Wie sieht es in Wolfsburg aus? Wie lange muss man auf Termine in der Fahrradwerkstatt und womöglich auf ein neues Rad warten? Wir haben uns umgehört.

In Wolfsburgs ältestem Fahrradgeschäft (Zweirad Schael ist 90 Jahre alt) beschreibt Geschäftsführer Georg von Cramer die Lage so: „Seit die Kraftstoffpreise so durch die Decke gegangen sind, überlegen sich viele in Wolfsburg, zumindest teilweise aufs Rad umzusteigen. E-Bikes stehen natürlich ganz hoch im Kurs. Allerdings sind die Lieferketten ein riesiges Problem. Wartezeiten von Monaten, manchmal ein, zwei Jahren gehören dazu.“

Die Ware kommt und kommt nicht

Bundesweit stünden manche Radläden schon leer, weil keine Ware mehr da sei, schildert der Schael-Geschäftsführer. Man selbst sehe sich dabei noch gut aufgestellt, auch was die Personalkapazitäten betreffe. „Wir haben die Lieferschwierigkeiten durch die Lockdowns ein bisschen kommen sehen und frühzeitig so viel Ware wie möglich geordert. Und steuern auch unsere Personaldecke so, dass wir Schwankungen bei Angebot und Nachfrage hinbekommen.“ An die 16 Mitarbeiter hat Zweirad-Fachhändler Schael. Der berühmte platte Reifen sei normalerweise innerhalb eines Tages zu reparieren.

Bei größeren Reparaturen ist Geduld angesagt

Bei größeren Reparaturen, gerade, was Akku und Antrieb von E-Bikes betrifft, muss man schon mehr Geduld und Zeit aufbringen. Und erst recht bei Neukäufen. So heißt es auch bei Zweirad Wichmann. „Es wird noch dauern, bis die Folgen der Produktionsstopps in Asien bewältigt sind“, schildert Inhaberin Ina Wichmann. „Räder, die wir im September 2020 bestellt haben, kommen jetzt erst an.“ Auch bei Komponenten wie Schaltwerk, Kette, Zahnkranz, Bremshebel, Felge habe man es mit Lieferzeiten zu tun, die über Monate, wenn nicht Jahre gingen. (Der japanische Hersteller Shimano ist beispielsweise nicht aus dem bundesdeutschen Fahrradhandel wegzudenken. Eine Abhängigkeit, deren negative Seite sich jetzt durch die gestörten Lieferketten zeigt).

Termine für Inspektionen sollten frühzeitig gemacht werden, unterstreicht Ina Wichmann, die in ihrer Werkstatt zwei Fachkräfte beschäftigt. „Und auch beim Platten zwischendurch bitten wir um Geduld. Wenn ein anderer Kunde auf sein Rad wartet, können wir ja nicht alles stehen und liegen lassen.“ Besonders unglücklich haben die Probleme gestörter Lieferketten den Kinderfahrzeughersteller Pucky getroffen. Der hatte vor der Corona-Krise gerade von deutscher auf asiatische Produktion umgestellt und finde sich nun selbst im Reigen der betroffenen Händler, schildert Ina Wichmann. Man versuche insgesamt so gut es ginge, wenn es sein müsse in stundenlanger Suche, an Produkte und Ersatzteile für alles zu kommen.

Bei Zweirad Vogel in Fallersleben werden auch Motorroller repariert - sofern die Ersatzteile ad hoc zu bekommen sind. Heike Vogel: „Wir geben unser Bestes, aber manchmal stehen die Roller hier und es fehlt nur noch ein Teil, das partout nicht an Land kommt. Ärgerlich. Aber da kann man die Kunden nur um Geduld bitten.“ Auch bei Fahrrädern versuche man mit allen Mitteln Händler aufzutun, die noch Ware im Lager haben, so Heike Vogel.

Einzelhandel ist ohnehin gefordert

Geduld und Freundlichkeit, das seien ohnehin Qualitäten, die der Einzelhandel verlange, sagt in dem Zusammenhang Sabrina Klamt von Bike und Niess in Vorsfelde. „Es ist ja schon heftig, wenn man zwei Jahre Lieferzeit für Reifen genannt bekommt. Da muss man selbst erstmal schlucken und es dann dem Kunden erläutern.“ Wenn es allerdings nicht gleich um einen ganzen Reifen sondern nur ums Flicken ginge, sei dies zwischendurch kein Problem, sagte die Verkaufsleiterin. „Das bekommen wir kurzfristig hin.“

Einen Ein-Mann-Betrieb betreibt Meik Perschke in Fallersleben. Der gelernte Zweiradradmechaniker greift in Sachen Lieferengpässe auch auf alte Kontakte zu anderen Radhändlern zurück. Alle Hände voll zu tun gibt es bei Meiks Bikerepair derzeit natürlich auch. Sein Prinzip: „Du kommst mit deinem Rad vorbei, ich schaue, was gemacht werden muss, wir machen einen Termin und ich besorge zu dem dann die Ersatzteile.“ Perschke will demnächst eine zweite Kraft einstellen. Anders ist die Reparaturnachfrage der radelnden Wolfsburger nicht mehr zu bewältigen.