Die Harzer Wandernadel oder: Der Weg zum Harzkaiser ist das Ziel

Die Harzer Wandernadel wird immer beliebter. Unsere Autorin ist seit 3 Jahren dabei: Mittlerweile ist das Ziel, der 222. Stempel, in Sichtweite. 

Die Harzer Wandernadel wird immer beliebter. Unsere Autorin ist seit 3 Jahren dabei: Mittlerweile ist das Ziel, der 222. Stempel, in Sichtweite. 

Foto: Anna Waiblinger

Goslar  Warum es sich lohnt, 222 grüne Kästen im Harz anzulaufen und Stempel zu sammeln. Und weshalb wandern nicht nur ein Rentnerhobby ist.

Silbrig graue Nebelschwaden drücken auf die Tannenwipfel und Felsenberge. Mit feinperlenden Tröpfchen legen sie sich aufs Gesicht, weichen schleichend Haare und Kleidung durch – und treiben einen unweigerlich zu der Frage: Warum tue ich mir das an?

Warum habe ich vor, auch bei schlechtem Wetter an 222 grüne Kästen zu marschieren, die kreuz und quer im Harz verteilt stehen, an jeder Station ein kleines Heftchen zu zücken, die richtige Seite aufzuschlagen, den Stempel aufs Kissen zu drücken und dann im richtigen Feld aufs Papier zu pressen – nur, damit irgendwann alle Felder voll sind? Um irgendwann Harzkaiserin zu heißen? Denn das ist der Titel, den jeder erhält, der wie ich bei der Harzer Wandernadel mitmacht.

222 Stempel sind das Ziel

Und dann wandert man weiter durch den Nebel, wird immer klammer, klettert über schroffe Felsen, krabbelt unter umgefallenen Bäumen hindurch – und dann steht er da, der nächste Kasten, hinter der nächsten Kurve. Und wartet auf das leere Stempelfeld. Und alle Strapazen sind vergessen.

Es ist ein erleichterndes Gefühl, wenn die Seiten des Stempelheftchens voller werden. Wenn Stempel um Stempel dazu kommt. Wenn sich der Abstand zu den finalen 222 verkürzt. Pro Stempel legt man gerne fünf Kilometer zurück – manchmal mehr, manchmal weniger. Pro Wanderung planen wir mindestens fünf Stempel ein.

Die Ausrüstung wird mit der Zeit professioneller

Angefangen habe ich vor knapp drei Jahren. Die Idee kam von meinem Freund. Er hatte sich bei einem Ausflug mit Kollegen auf dem Brocken das Stempelheft besorgt. Ob das nicht was für uns sei? Na gut, sagte ich – wir werden ja sowieso nie fertig. Also fingen wir an zu wandern.

Zunächst mit Turnschuhen an den Füßen und einem Jutebeutelchen über der Schulter. So sind wir alle paar Wochen in den Harz gezuckelt, haben in Goslar und Bad Harzburg leichte Touren zum Beispiel zum Luchsgehege gemacht. Und dann packte uns der Ehrgeiz. Dann wurden aus Turnschuhen gute Wanderschuhe, aus Jutebeuteln Wanderrucksäcke. Wir sind mittlerweile für eine mehrtägige Alpenüberquerung gerüstet.

Der Weg in den Harz und aus dem Alltag

Sobald wir noch zuhause die nächste Tour planen, die sinnvollste Route festlegen und unsere Rucksäcke mit Proviant befüllen, passiert es: Wir verlassen unsere Alltagswelt. Wenn wir im Harz angekommen, die Wanderschuhe geschnürt sind und der Rucksack geschultert ist, dann sind nur noch wir zwei und die uns umgebende Natur übrig.

Dann ist der Stress auf der Arbeit vergessen, die wartende Steuererklärung, die To-Do-Liste der kommenden Tage. Ein Kollege nannte meine Harzkaiser-Ambition mal scherzhaft „Rentnerhobby“ – wenn er nur wüsste, wie viele junge Menschen man mittlerweile auf den verschiedenen Wegen trifft. Auf dem Weg zu den Zeterklippen, im Bodetal, bei den Sandsteinhöhlen bei Blankenburg. Es sind spannende Orte, die sich entdecken lassen.

Die Harzer Wandernadel bietet unterschiedliche Themenhefte an

Und auch die Harzer Wandernadel wird immer vielfältiger: Es gibt mittlerweile zusätzliche Wildnis-Entdeckerhefte, einen Burgenpass, Hefte nur für den Nordharz – und Geisterjäger können „Geisterstempel“ suchen – ehemalige Stempelstellen, die nur noch per GPS verzeichnet sind.

Mehr Infos zur Harzwandernadel gibt es hier.

Wir haben unterwegs schon fahrradfahrende Paare getroffen, die uns berichteten, das gemeinsame Wandern habe sie fast zur Scheidung getrieben – Radfahren sei aber ok! Uns tut das Wandern gut. Mit etwas Abstand, zwischen dunkelgrünen Fichten im mystischen Harz, lässt sich ganz anders auf die Themen des Alltags blicken. Wenn wir zusammen und doch jeder für sich über Stunden vor uns hin wandern, mal schweigend, mal plaudernd, dann sind alle Akkus wieder voll, wenn wir zurück am Parkplatz sind.

Das Ziel ist in Sichtweite

In den vergangenen drei Jahren haben wir 196 Stempel gesammelt. Oder wie wir zählen: nur noch 26. Das geht auch schneller – manche schaffen den Harzkaiser in wenigen Monaten. Wir lassen uns Zeit. Haben Ehrgeiz, aber keinen Stress. Unseren letzten Stempel werden wir auf dem Wurmberg in unser Heft drücken – und dann mit der Seilbahn wieder nach unten fahren.

Die Harzwandernadel ist das perfekte Hobby für:

Abenteuerlustige, Naturmenschen, Familien mit Kindern, Gestresste Großstädter