Granitfelsen und Wasserfälle – Zum Ottofelsen bei Wernigerode

Wernigerode.  Auf dem Wanderweg im Harz geht es vorbei an schroffem Gestein und wildromantischen Bächen. Unterwegs können Wanderer Stempel sammeln.

Der Ottofelsen ist das Highlight der Wanderung bei Wernigerode im Harz. Auch Kletterer sind dort unterwegs.

Der Ottofelsen ist das Highlight der Wanderung bei Wernigerode im Harz. Auch Kletterer sind dort unterwegs.

Foto: Christoph Matthies / cm

Irgendwo in der Nähe der „Bunten Stadt am Harz“, wie der Dichter Hermann Löns Wernigerode einst nannte, muss es einen Jungbrunnen geben. Der wohl berühmteste Einwohner des Erholungsortes in Sachsen-Anhalt, den alle als „Brocken-Benno“ kennen, besteigt auch mit 88 Jahren noch beharrlich Norddeutschlands höchsten Gipfel. Dieter Runge, ebenfalls aus Wernigerode, muss sich vor dem rüstigen Rekordjäger nicht verstecken. Der stellvertretende Hauptwanderwart des Harzklubs springt trittsicher und ausdauernd wie ein Gamsbock von Fels zu Fels – im September wird er 81 Jahre alt. Die Strecke an Steinerner Renne und Kleiner Renne entlang zum Ottofelsen kennt Runge, der schon als 14-Jähriger durch die Wälder um Wernigerode streifte, so gut wie seine eigene Küche. Wer will es ihm verdenken? Die wunderschöne Gegend gehört zum Besten, was es im Harz zu erwandern gibt.

Am Wasserkraftwerk Steinerne Renne beginnt die Tour

Die Tour beginnt südwestlich des Stadtteils Hasserode an einem kleinen Wasserkraftwerk, dessen kaiserzeitliche Industrie-Architektur in Teilen erhalten geblieben ist. Auf einem hübschen Pfad geht es zunächst an der Holtemme entlang, einem 47 Kilometer langen Nebenfluss der Bode. Hier, an seinem Oberlauf, trägt das Flüsschen beziehungsweise sein Flusstal den Namen Steinerne Renne. Mächtige Granitfelsen und große Kiesel im Flussbett, eiszeitliche Relikte, lassen kleine Bachschnellen entstehen und sorgen für ein beruhigendes Plätschern und Brausen. Für naturnahe Fließgewässer wie dieses ist das Wort „wildromantisch“ einst erfunden worden.

Der erste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten

Die Wegbeschilderung, für die sich im gesamten Mittelgebirge der Harzklub verantwortlich zeichnet, ist rund um Wernigerode vorbildlich. Verlaufen ist hier selbst ohne Wanderkarte fast nicht möglich. Schlappmachen schon. „Jetzt geht’s erstmal 100 Höhenmeter bergauf“, warnt Runge kurz nach dem Queren einer Brücke, die vom Hauptweg in Richtung Kleine Renne abgezweigt war. Es handele sich hier immerhin um einen Teilabschnitt des „anspruchsvollsten Weges zum Brocken“, betont er. Einen kurzen Moment erfreut uns noch der kleine Wasserfall des Bächleins, dann wird’s anstrengend.

„Bei meinen Kursen sage ich immer: Wer diese 100 Höhenmeter in 15 Minuten nicht schafft, muss noch ein bisschen an sich arbeiten“, erzählt der Maschinenbau-Ingenieur im Ruhestand, der seit Jahren Wanderführer ausbildet. An diesem heißen Sommertag fällt es leicht, sich vorzustellen, wie so mancher Wanderführer-Aspirant nach dem Sauerstoffzelt lechzt, während sein 80-jähriger Ausbilder munter den steilen, felsigen Pfad hinauf pirscht – und nicht mal ins Schwitzen gerät.

Zweifel an der Familientauglichkeit der Strecke räumt Runge aus. „Was meinen Sie, was Kindern so eine Tour für einen Spaß macht“, stellt er klar. Den Kinderwagen sollte man auf diesem Abschnitt jedoch wirklich besser zu Hause lassen. Wer es weniger fordernd und dennoch idyllisch mag, hält sich vor der angesprochenen Brücke links und folgt einfach der Steinernen Renne.

Alle Wanderungen im Rahmen unserer Wanderserie:

Der Borkenkäfer hat seine Spuren hinterlassen

Am Ende des steilen Pfades angekommen, geht es auf einem Forstweg ohne größere Höhenunterschiede an den Wodansklippen vorbei in Richtung Gasthaus Steinerne Renne. Ein gesprächiger Wandersmann mit Regenschirm und Umhängetäschchen schließt sich uns eine Weile an und gibt ungefragt Tourentipps und etymologische Abhandlungen über die Namen der Harzdörfer zum Besten.

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Das Wirken des Borkenkäfers wird nun allmählich sichtbar, einige einst stolze Fichten am Wegesrand sind nur noch graue Baumgerippe. „Die beiden trockenen Jahre haben die Bäume sehr mitgenommen. Da hat der Borkenkäfer leichtes Spiel“, erklärt Runge. Dies betreffe nicht nur Fichten, sondern auch andere Arten, die Buche zum Beispiel. Größtenteils sieht der Baumbestand auf unserer Tour aber noch recht vital aus.

Runge sieht für die Zukunft des Waldes dennoch schwarz und hält mit seiner Kritik an der Philosophie des benachbarten Nationalparks, nicht gegen den Schädling vorzugehen, nicht hinterm Berg: „Das eigentliche Ziel des Nationalparks, der Schutz des Harzwaldes, wurde nicht erreicht.“ Am Gasthaus angekommen, ist die Vorfreude auf ein alkoholfreies Weizenbier groß – doch leider hat die Einkehr vormittags bis 11 Uhr geschlossen.

Der Ottofelsen eignet sich auch zum Klettern

Obwohl das Schankfenster noch zu ist, herrscht am Gasthaus schon reger Verkehr. Nicht zuletzt der benachbarte Wasserfall, von einer Brücke überragt, macht es zu einem beliebten Ausflugsziel und Fotomotiv. Das Gleiche lässt sich über den Ottofelsen sagen, der rund 20 Minuten später erreicht ist. An dem imposanten Granitmassiv kann man häufig Kletterer beobachten. Weniger waghalsige Naturen, die trotzdem schwindelfrei sein sollten, erklimmen den Koloss über Leitern.

Oben angekommen, ist die Aussicht betörend: Westlich thront majestätisch der , im Norden schweift der Blick über Runges Heimatstadt ins Harzvorland. Auch das pittoreske Schloss Wernigerode, das „Neuschwanstein des Nordens“, grüßt von seinem Agnesberg.

Auf dem Hippelhangweg geht es zurück

Mehrere Routen führen vom Ottofelsen zurück nach Hasserode. Dieter Runge wählt den Hippelhangweg, der schöne Blicke ins Tal und auf Gesteinsformationen erlaubt. Eine Rauchwolke über den Wipfeln verrät die Brockenbahn. Als das Wasserkraftwerk schließlich erreicht ist, hat Runge die Trinkflasche in seinem Rucksack nicht ein Mal angerührt. „Aber ich schwitze ja auch nicht“, erklärt der sportliche Harzkenner und schmunzelt. Besagter Jungbrunnen war in den drei Stunden übrigens nicht auszumachen – es muss wohl am Wandern liegen.

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Wanderwochen 2020: Die große Serie

Wer den Sommerurlaub in der Natur verbringen will, muss nicht lange fahren: In unserer großen Serie „Wanderwochen“ stellen wir ausgewählte Wanderrouten zwischen Harz und Heide vor. Wir empfehlen, welche Routen sich in der Region besonders lohnen, und welche Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke warten: Das kann eine familienfreundliche Strecke sein, oder aber eine anspruchsvollere Tour, die Kondition erfordert.

Außerdem geben wir unter der Woche Tipps und Informationen rund ums Thema Wandern – und gehen mit Experten auf besondere Themenwanderung.

Außerdem möchten wir gerne von Ihnen wissen: Warum wandern Sie gerne? Welche besondere Erlebnisse hatten Sie auf einer Ihrer Wanderungen? Und wo sind Sie am liebsten unterwegs? Schreiben Sie uns gerne ein paar Zeilen und schicken Sie uns ein Foto an chefredaktion@bzv.de. Eine Auswahl der Einsendungen veröffentlichen wir.

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