Hollywood trotz Corona: Besuch in Braunschweigs Autokino

Braunschweig.  Das Astor Filmtheater veranstaltet in Corona-Zeiten ein Open-Air-Kino am Schützenplatz. Wir haben uns „Joker“ im Autokino angesehen.

Mit der sinkenden Sonne steigt die Spannung des Films.

Mit der sinkenden Sonne steigt die Spannung des Films.

Foto: Lukas Dörfler

Autokino! Allein das Wort weckt in mir Gedanken an Marilyn Monroe und James Dean, an Pärchen, die auf der Rückbank schmusen, an ein Hollywood, das es so wahrscheinlich nie gab. Doch die Nostalgie speist sich nicht aus eigenen Erinnerungen, sondern nur aus amerikanischen Filmen. Ist ein Besuch im wirklich so romantisch?

Schon von Weitem sieht man die Schlange an Autos, die auf den Schützenplatz einfahren. Es ist der erste Tag des Autokinos des Astor Filmtheaters in Braunschweig und die Vorstellung ist restlos ausverkauft. Bei dem Online-Ticketkauf zu dem Film Joker war der Ansturm so groß, dass die Internetseite zeitweise überlastet war.

Aber ich bin dabei! In Zeitlupe fahre ich vorbei, an winkenden Menschen die mir den Weg lotsen. Vorbei an der improvisierten Bar, an der man sich i m Vorfeld Snacks hätte bestellen können, was ich leider vergessen habe. Bis meine Mitbewohnerin, ich und unser Auto, mit dem wir vorher extra noch in der Waschstraße waren, vor der riesigen Leinwand stehen.

Mit dem Auto vor dem Kino in die Waschstraße? Vielleicht ist das die neue Art, sich zurechtzumachen, in Zeiten von Corona und dem Revival der Autokinos.

Der Sound kommt übers Radio

Auf der Leinwand steht die Frequenz, die wir bei dem Radio einstellen müssen, um den Ton zu hören. Das funktioniert einwandfrei. Und auch die Leinwand ist überraschend groß und hat ein klares Bild, trotz Sonnenschein. Die Leinwand, der offene Himmel, das Auto. Ein Gefühl von Freiheit steigt in mir auf. Doch ist das wirklich Freiheit? Ich schaue mich um. Abgesehen von den Lotsen und den Leuten in den Autos direkt neben mir kann ich keine Menschen erkennen.

Ich sehe nur Maschinen. Metallene Käfige, die die Kinobesucher vor einer unsichtbaren Bedrohung schützen sollen. Schnell schiebe ich diese düsteren Gedanken beiseite und wende mich meiner Mitbewohnerin zu. Wo die Cola sei? Hier darf man nämlich selbst Getränke und Snacks mitbringen. Während wir uns verquatschen gleitet mein Blick immer wieder über die Autoreihen, zur tief stehenden Sonne, zur Leinwand. Oh nein, da ist schon Joaquin Phoenix zu sehen! Der Film hat schon angefangen!

Ablenkung lauert überall

In dem Auto fühlt es sich an wie in einem privaten Raum, man quatscht, man schaut auf sein Handy. Anders als im Kino gibt es keine kollektive Aufmerksamkeit, die die Spannung hält. Und so haben wir den Anfang verpasst. Also schnell das Radio lauter und auf den Film konzentrieren.

Auch wenn es noch nicht dunkel ist und überall Ablenkung lauert, sei es bei dem wunderschönen Himmel oder einem vorbeilaufenden Hund, kehrt die Aufmerksamkeit immer wieder zu den intensiven Bildern und dem irren Lachen des „Jokers“ zurück. Dann hat Hollywood es mal wieder geschafft. Ich verliere mich in dem Film und vergesse, dass ich in einem Autokino sitze und nicht in Gotham City bin.

Doch dann holt die Natur mich ein. Ich muss auf die Toilette. Kurz versuche ich, den Drang zu ignorieren, doch dann entscheide ich mich, die Sanitäranlagen zu suchen. Also Maske auf und raus. Durch die Reihen von Autos, zur anderen Seite des Platzes. Ich hatte erwartet, dass ich nichts mehr hören würde, sobald ich mein Auto verlasse. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich bekomme auf meinem Weg noch alles mit auf. Aus unzähligen kleinen Radios setzt sich der Sound des Jokers nun zusammen.

Die Toilette ist ein sehr sauberer Wagen. Sobald ich ihn verlasse muss ich einen Moment innehalten. Von hier hat man einen tollen Blick über den gesamten Platz. Die Sonne geht gerade unter und glitzert wie auf einem See auf den Dächern der Autos. Ein Kino für sich.

Die Magie des Kinos

Zeitgleich mit dem dunkler werdenden Himmel wird auch der Film düsterer, intensiver. Die Geschichte eines verrückten, aber gutmütigen Außenseiters, der von der Gesellschaft in die Boshaftigkeit und Zerstörungswut getrieben wird. Grandios gespielt von Joaquin Phoenix, der für seine Leistung mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Es wird so spannend, so emotional, dass mir die Luft wegbleibt. Moment, vielleicht ist es auch einfach stickig geworden in dem Auto. Also: Fenster runter. Und das Atmen fällt leichter.

Nachdem der Film vorbei ist, werden die Autos reihenweise nach draußen gewunken. Das ist ein Schauspiel für sich. Die Autos fahren nacheinander los. Es sieht aus wie ein Wasserballett aus Maschinen, choreographiert von den Mitarbeiter, die mit grünen Leuchtstäben die Befehle geben.

Auf dem Heimweg bin ich begeistert. Das Autokino war eine ganz eigene Erfahrung. Durch den geschützten Raum im Auto privat, aber trotzdem öffentlich. Ganz anders als das Heimkino auf der Couch Zuhause. Hier lebt die Magie des Kinos wieder auf.

Das Programm des Autokinos finden Sie hier.

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