Wolfsburg: April 2020 ist Monat mit bisher höchster Sterblichkeit

Wolfsburg.  Um die Wolfsburger Covid-19-Situation einschätzen zu können, haben wir den Krisenstab der Stadt um eine statistische Einordnung gebeten.

Liebevolle Geste in Corona-Zeiten: eine Gedenklampe vor dem Hanns-Lilje-Heim.

Liebevolle Geste in Corona-Zeiten: eine Gedenklampe vor dem Hanns-Lilje-Heim.

Foto: Darius Simka / regios24

Die Stadt Wolfsburg führt die Statistik der an oder zumindest mit Corona-Verstorbenen in der Region mit großem Abstand an – Grund ist die dramatische Infektionskette im Hanns-Lilje-Heim. Um die Wolfsburger Covid-19-Situation einschätzen zu können, haben wir den Krisenstab um eine statistische Einordnung gebeten. Die zuständige Sozialdezernentin Monika Müller gab folgende Antworten auf unsere Fragen:

Wie steht Wolfsburg im deutschlandweiten Vergleich der Corona-Pandemie dar?

In Wolfsburg ist die Zahl der mit Covid-19 infizierten Personen im deutschlandweiten Vergleich nicht überdurchschnittlich. Würde der bislang größte „Infektionsherd“ außen vor gelassen, wäre die Zahl der infizierten Menschen unterdurchschnittlich. Leider liegen wir mit 51 verstorbenen Menschen, bei denen sich vor oder nach dem Tod ein positiver Coronatest ergeben hat, weit über dem Durchschnitt. 45 davon lebten zuletzt im Hanns-Lilje-Heim.

Wie viele Menschen sterben in einer normalen „Wintersaison“ – eventuell auch einer mit ordentlicher Grippewelle – in Wolfsburger Altenheimen?

In den letzten Jahren versterben in Wolfsburger Heimen jährlich laut Statistik etwa 320 Bewohner, wobei die Spanne von 273 bis 372 Menschen reicht. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass die Zahl der Heimbewohner insgesamt von Jahr zu Jahr oder Monat zu Monat schwankend ist, also mitunter eine größere Zahl an Bewohnern zugrunde liegt und daher die absolute Zahl nur eingeschränkt aussagekräftig ist. Auffällig ist, dass auch in den letzten Jahren immer mal wieder die Sterblichkeit in einigen Monaten deutlich höher ist als in anderen Monaten, wobei insbesondere die Wintermonate besonders hohe Sterblichkeit aufweisen – oder Monate in denen eine Grippewelle in den Heimen besonders zu Tage tritt.

Haben Sie schon aktuelle Zahlen zur Sterblichkeit in Wolfsburg in Corona-Zeiten?

Die Sterblichkeit in den Wolfsburger Heimen ist im April 2020 im Vergleich zu den Vorjahren und auch im Vergleich zu allen anderen Monaten in den letzten sieben Jahren leider am höchsten – auch höher als die „Ausschläge“ in Wintermonaten vergangener Jahre.

Im Hanns-Lilje-Heim werden nur demente Menschen betreut. Sind solche Spezialeinrichtungen bei solchen Krankheitswellen besonders gefährdet?

Heime mit an Demenz erkrankten Menschen haben besondere Herausforderungen zu erfüllen, die gerade in Zeiten infektiöser Erkrankungen besonders deutlich werden: Das Krankheitsbild der Demenz wirkt sich auf die Einsichtsfähigkeit, das Erinnerungsvermögen und die Tagesstruktur oft so stark aus, dass der Umgang mit Hygiene- und Abstandsregelungen von den Betroffenen nicht erwartet werden kann. Auch die Angehörigen können bei der Vermittlung leider nur bedingt unterstützen, während ansonsten bei Heimbewohnern die Angehörigen als Mittler und Unterstützung eine wichtige Rolle einnehmen können.

Welche Rolle spielen dabei die Pflegekräfte einerseits und die Angehörigen andererseits?

Die Heime müssen stets die gesetzlichen Betreuer einbinden, was für zusätzlichen Aufwand sorgt. Die Pflege ist in diesen Heimen sehr intensiv gefordert, vor allem auch, weil es darum geht, die verschiedenen Stadien der Demenz immer angemessen zu begleiten. Dafür gebührt allen Mitarbeitern großer Respekt und Anerkennung, denn diese Aufgabe ist körperlich, vor allem aber auch seelisch ein täglicher Kraftakt. Angehörige sind bei demenziell Erkrankten der Anker in die Vergangenheit und damit in das Leben vor der Krankheit und in die früherer Identität. Sie sind diejenigen, die Liebe und Fürsorge und damit das so wichtige Gefühl der Geborgenheit vermitteln können, so dass es wichtig wäre, die Kontakte für demenzerkrankte Heimbewohner wieder zu ermöglichen. Zur Gesundheit gehört auch und dringend die Nähe zu Angehörigen und Freunden, das gilt für Demenzkranke wie für jeden anderen Menschen auch.

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