Braunschweiger Firma forscht an einer Corona-Antikörper-Therapie

Braunschweig.  Die Biotechnologen um Professor Dübel sagen: „Wir haben sehr vielversprechende Gegenmittelkandidaten.“ Studien könnten in wenigen Monaten starten.

Yumab-Geschäftsführer Thomas Schirrmann und Prof. Stefan Dübel von der TU.

Yumab-Geschäftsführer Thomas Schirrmann und Prof. Stefan Dübel von der TU.

Foto: Peter Sierigk / Archiv

Die negativen Schlagzeilen zum Coronavirus überschlagen sich in den Medien. Es gibt jedoch auch Positives zu vermelden, was die Lungenkrankheit Covid-19 betrifft. Biotechnologen der Technischen Universität Braunschweig (TU) forschen derzeit an einer Antikörper-Therapie.

Auch das Unternehmen Yumab, eine Ausgründung der TU, hat aus eigenen Forschungsarbeiten bereits „SARS-Cov-2-spezifische und damit sehr vielversprechende Gegenmittelkandidaten im Kühlschrank“, sagt Professor Stefan Dübel. Warum der Erfolg mit den neutralisierenden Antikörpern für ihn eine Sensationsmeldung ist, erklärt der Forscher der TU im Interview mit unserer Zeitung.

Corona in Braunschweig- Alle Fakten auf einen Blick

Wie entstehen neutralisierende Antikörper?

Antikörper (Immunglobuline) sind die häufigsten vom Menschen selbst erzeugten Abwehrstoffe gegen Erkrankungen in unserem Blut. Jeder Mensch erzeugt fortwährend solche Antikörper gegen verschiedene Krankheitserreger, die in ihn hineingelangen. Moderne biotechnologische Methoden – insbesondere das von uns entwickelte Antikörper-Phagendisplay – ermöglichen es uns heute, solche rein menschlichen Antikörper auch komplett außerhalb des menschlichen Körpers herzustellen. Dazu wurde die gesamte Vielfalt der menschlichen Antikörper-Gene (etwa 10 Milliarden unterschiedliche Sequenzen, aus denen man Antikörper gegen praktisch alle bekannten und unbekannten Erreger herstellen kann), im Labor vervielfältigt, sodass ein einzelner, genau den gewünschten Erreger bekämpfender Antikörper herausgefunden werden kann. Nach Produktion im Bioreaktor sind solche im Labor erzeugten menschlichen Antikörper praktisch nicht mehr von körpereigenen Antikörpern unterscheidbar, was ihr sehr günstiges Nebenwirkungsprofil erklärt.

Es sind also keine Nebenwirkungen zu erwarten?

Antikörper sind im Gegensatz zu klassischen chemisch erzeugten Medikamenten körpereigene Stoffe. Jede Antikörpersequenz, die wir an der TU oder bei der Yumab isolieren, stammt direkt aus einem Menschen. Die Nebenwirkungen sind deshalb als sehr gering zu erwarten. Natürlich kann man im Voraus noch keine hundertprozentige Prognose abgegeben, da die Antikörper gegen den Coronavirus noch nicht an Menschen getestet wurden. In den Medien wird von klinischen Studien mit Malaria-Mitteln im Kampf gegen Covid-19 gesprochen.

Das ist gruselig. Die haben völlig unspezifische starke Nebenwirkungen: von Organversagen bis Depressionen. Bei Antikörpern ist das anders: Antikörper gegen andere Viren sind heute schon sogar für die vorbeugende Behandlung von Säuglingen zugelassen.

Wie helfen neutralisierende Antikörper im Kampf gegen Covid-19?

Neutralisierende Antikörper können als Medikament eingesetzt werden. Viren binden meist an die Moleküle auf der Außenseite menschlicher Zellen, die Rezeptoren. Diese Bindung muss erfolgen, bevor der Virus in die Zelle eindringen kann und sie infiziert. Wird die Virus-Aufnahme verhindert, entsteht keine Erkrankung. Neutralisierende Antikörper verhindern diese erste Bindung an menschliche Zellen, indem sie dazwischengehen. Sie können außerdem den Virus für menschliche Immunzellen als Feind sichtbar machen und entsorgen.

Der erste Medizinnobelpreis im Jahr 1901 wurde Emil von Behring genau für ähnliche neutralisierende Antikörper verliehen: gegen Diphtherie und Tetanus. Diese wurden allerdings damals noch nach der Impfung von Pferden aus deren Blut gewonnen. Unzählige verabreichte Dosen in den letzten 120 Jahren belegen allgemein die sehr geringen Nebenwirkungen. Die häufigste Nebenwirkung beruhte bei diesen Medikamenten auf der Herkunft aus Tieren. Zur Herstellung unserer menschlichen Antikörper benötigen wir dank Antikörper-Phagendisplay aber gar keine Tiere mehr.

Inwiefern unterscheiden sich neutralisierende Antikörper von einer Impfung?

Der momentan an anderen Stellen entwickelte Impfstoff besteht aus nicht-infektiösen Proteinen oder Fragmenten des Virus. Wenn ein Mensch diesen Impfstoff gespritzt bekommt, dann passiert das Gleiche wie bei einer Infektion: die Geimpften entwickeln selbst neutralisierende Antikörper dagegen, welche sie danach schützen. Das Problem dabei ist aber, dass diese Art von Impfung Patienten, die schon erkrankt sind, nicht helfen kann.

Warum?

Die Erkrankten, bei Covid-19 oft ältere Menschen, können nicht mehr so schnell eigene Antikörper bilden, um mit der Verbreitung des Virus in ihrem Körper Schritt zu halten. Gäbe man ihnen früher neutralisierende Antikörper von außen dazu, gibt man ihnen mehr Zeit, ihre eigene Immunabwehr aufzubauen. In ein, zwei Jahren ist es gut, wenn wir einen Virus-Impfstoff haben, der die Menschen schützt, bevor sie infiziert sind. Jetzt haben wir aber die Erkrankten auf den Intensivstationen. Ein Impfstoff bringt ihnen nichts. Da sie den Virus bereits in sich tragen, helfen ihnen nur die Antikörper.

Schützen neutralisierende Antikörper Gesunde vor Infektionen?

Allgemein wird für neutralisierende Antikörper angenommen, dass sie gesunde Menschen schützen. Auch für Covid-19 gibt es dafür bereits wissenschaftliche Belege. Eine aktuelle Veröffentlichung aus China hat dies an Affen erfolgreich für natürlich entwickelte Antikörper gegen den Virus gezeigt. Unsere Antikörper sollten deshalb auch medizinisches Personal für mehrere Wochen schützen.

Ab wann können die Yumab-Antikörper eingesetzt werden?

Im besten Fall und unter besonderen Genehmigungsbedingungen könnten erste Studien in wenigen Monaten beginnen. Wir müssen so schnell wie möglich mit der Weiterentwicklung der Antikörper zu einem Medikament starten. Zurzeit sterben jeden Tag auf der Welt mehr als 1000 Menschen an dem Virus.

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)