Braunschweigs Einzelhändler kämpfen um ihre Existenz

Braunschweig.  Die Corona-Krise beschert dem Einzelhandel dramatische Umsatzeinbußen. Etliche versuchen, mit Lieferservice und Onlinehandel gegenzusteuern.

Bestes Wetter für einen Cappuccino auf dem Kohlmarkt – doch der ist in diesen Tagen wie leergefegt. Die Händler in der Innenstadt kämpfen um ihre Existenz und und weichen verstärkt aufs Internet aus.

Bestes Wetter für einen Cappuccino auf dem Kohlmarkt – doch der ist in diesen Tagen wie leergefegt. Die Händler in der Innenstadt kämpfen um ihre Existenz und und weichen verstärkt aufs Internet aus.

Foto: Stefan Lohmann

Für viele familiengeführte Geschäfte hat sich die Corona-Krise innerhalb weniger Tage zu einer existenziellen Bedrohung entwickelt. Hohe laufende Kosten für Miete, Mitarbeiter und Lieferungen sind weiterhin zu stemmen – doch die Ladentüren bleiben geschlossen, die Einnahmen sind dramatisch eingebrochen.

„Unsere größte Sorge ist zurzeit, dass die Quarantäne länger als fünf Wochen andauert und unsere Reserven nicht reichen, um die Kosten zu decken. Das wäre dann das Ende“, sagt Julia Ebel, die gemeinsam mit ihrem Mann Marco Ebel seit vielen Jahren das Geschäft Bürobedarf Weiss führt.

Einkaufen per Instagram, Videotelefonat und E-Mail

Hinter den Kulissen sei die Branche gut vernetzt und man tausche derzeit Tipps aus, wie das Online-Geschäft ausgebaut werden könne, erzählt Julia Ebel: „Unser Onlineshop konzentriert sich eigentlich auf die Basics. Viele Artikel, die wir außer der Reihe im Laden anbieten, konnte man bislang nicht online bestellen. Nun fotografieren wir diese Artikel und stellen sie bei Instagram vor. Noch lieber aber ist es uns, wenn die Kunden telefonisch bei uns bestellen.“ Denn dann sei die persönliche Beratung am besten umzusetzen, für die der Fachhandel ja steht. Und so telefonieren Julia und Marco Ebel derzeit viel mit Kunden, bei Bedarf auch per Videotelefonie, um bestmöglich beraten zu können.

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Alexandra Kinnen, Inhaberin von Svaneke Fashion, hat ihre dänische Mode bislang gar nicht online angeboten: „Mein Konzept ist ja eigentlich das Einkaufserlebnis im kleinen Laden vor Ort, wo man in Ruhe alles anprobieren und sich beraten lassen kann.“ Doch nun ist ihr Ladenlokal in der Schützenstraße bis auf Weiteres geschlossen, und auch Alexandra Kinnen ist dabei, die Ware nach und nach zu fotografieren und bei Instagram hochzuladen. Sie ist froh, dass das neue Versandangebot gut angelaufen ist: „Das ist ja jetzt meine einzige Einnahmequelle.“

Geschäftsinhaberin liefert dänische Mode selbst zu ihren Kunden

Per Telefon berät Alexandra Kinnen die Kunden, bringt ihnen die gewünschte Ware persönlich mit dem Pkw vorbei und holt wieder ab, was nicht passt oder nicht gefällt. „Das ist natürlich deutlich mehr Arbeit bei weit weniger Umsatz, aber immerhin kann ich etwas tun“, sagt sie. „Natürlich ist die Schließung der Läden richtig, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Doch seit der Gründung vor drei Jahren habe ich so viel Herzblut, Liebe und Geld in den Laden reingesteckt – und jetzt muss ich hilflos zusehen, wie höhere Gewalt alles zunichte zu machen droht“, sagt sie. Als besonders belastend empfindet die Unternehmerin die Ungewissheit: Wie lange müssen die Geschäfte geschlossen bleiben? Und wie lange wird der Lieferservice noch möglich sein?

Lieferliste38 bei Instagram bündelt lokale Händler, die einen Lieferservice bieten

Die Journalistin Julia Perkowski (35), die sich gerade in Elternzeit befindet, will den lokalen Handel unterstützen. Sie hat bei Instagram die „Lieferliste38“ eingerichtet, wo jeder nachschauen kann, welche Händler aus der Region ihre Ware jetzt online anbieten und per Post oder persönlich liefern. Mehr als 100 Anbieter sind dort bereits gelistet. Das Angebot ist kostenfrei. „Ich finde es so schön, dass es hier in der Region so tolle inhabergeführte Geschäfte gibt und will helfen, diese Vielfalt zu erhalten“, erzählt Julia Perkowski am Telefon. Nach dem Vorbild einer österreichischen Zeitung konzipierte sie also kurzerhand die Instagram-Lieferliste: „Es ist in der Krise besonders wichtig, dass wir die lokalen Anbieter unterstützen und möglichst bei ihnen Ware bestellen statt bei den großen Onlinehändlern.“ Motto: Support your local dealer – unterstütze den Handel vor Ort!

Das Stadtmarketing Braunschweig und die Braunschweig Zukunft GmbH haben diese Woche ein ähnliches Angebot online gestellt für Braunschweiger Gastronomen und Einzelhändler: Diese können ab sofort auf den städtischen Internetseiten auf ihre Abhol- und Lieferangebote hinweisen: www.braunschweig.de/bestellen-liefern. Betriebe können sich schnell und unkompliziert über ein Kontaktformular in die Übersicht aufnehmen lassen

Bei Graff werden besonders viele Kinder- und Jugendbücher bestellt

In der Buchhandlung Graff glüht derweil die Frankiermaschine, wie Frederick Wrensch erzählt, der das Familienunternehmen gemeinsam mit seinem Onkel Joachim Wrensch in vierter Generation führt. „Online kommen derzeit mehr Bestellungen rein als zur Weihnachtszeit“, sagt er. Per Post geht vieles raus, zudem seien derzeit vier bis fünf Fahrzeuge und mehrere Fahrräder für Auslieferungen im Einsatz. Versandkostenfrei. „Besonders gefragt sind derzeit Kinder- und Jugendbücher. Wir freuen uns, dass unsere Kunden so supertreu bei uns bestellen“, sagt Wrensch. Auch eine Abholstation am Nebeneingang gibt es. Doch die Verluste im Ladengeschäft fangen Onlinegeschäft und Abholstation bei weitem nicht auf: „Wir haben riesige Einbußen. Einen Monat schaffen wir es, das zu überbrücken. Sollte die Schließung länger dauern, hoffen wir auf schnelle Unterstützung vom Staat“, so Wrensch.

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Alle kämpfen ums Überleben. So auch Anne-Kathrin Strauß, die den Hey-Store am Ziegenmarkt betreibt. Auch sie bietet vermehrt Artikel auf Instagram an, sogar persönliche Shopping-Termine per Videotelefonie können Kunden mit ihr vereinbaren. Für ihre Mitarbeiter hat die Unternehmerin Kurzarbeit beantragt: „Aber bis die genehmigt ist, muss ich die Löhne selber zahlen.“ Zuschüsse, Kredite, Kurzarbeitergeld – sie habe schon einiges in die Wege geleitet. „Aber natürlich hat man Zweifel. Ware, die gerade frisch reingekommen ist, biete ich schon jetzt zum Schlussverkaufpreis an. Die Kunden fragen nach Osterware – aber soll ich die wirklich noch bestellen und Gefahr laufen, dass ich darauf sitzen bleibe, wenn wir bald vielleicht nicht mehr ausliefern dürfen? Es kann einem ja niemand sagen, wann es wieder bergauf geht.“

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