Mit künstlicher Intelligenz gegen Kinderpornografie

Hannover.  Niedersachsen testet die Analyse der riesigen Datenberge mit neuer Software. Das soll die Ermittler entlasten und die Verfolgung beschleunigen.

Friedo de Vries (links), Präsident des Landeskriminalamtes Niedersachsen, und Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD) stellten bei einer Pressekonferenz im Landeskriminalamt in Hannover eine Software zum Erkennen von Kinderpornografie vor.

Friedo de Vries (links), Präsident des Landeskriminalamtes Niedersachsen, und Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD) stellten bei einer Pressekonferenz im Landeskriminalamt in Hannover eine Software zum Erkennen von Kinderpornografie vor.

Foto: Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Innenminister Boris Pistorius (SPD) begann mit einem Dank an die Fahnder. Sie würden beim Sichten kinderpornografischer Dateien zwangsweise Zeugen abscheulicher Taten. Mit dem Einsatz moderner Software als „künstlicher Intelligenz“ wollen Landeskriminalamt (LKA) und Polizeidienststellen die Verfolgung dieser Taten beschleunigen. „Wir sind schneller dran an den Bildern“, stellte LKA-Präsident Friedo de Vries in Aussicht.

„Missbrauch geht immer voraus“

Bevor beide die neue Strategie vorstellten, beschrieb de Vries erst einmal die Dimension des Themas. Von der „hässlichen Fratze der Digitalisierung“ sprach Pistorius. 1314 Terabyte Daten wurden laut LKA 2018 in Niedersachsen sichergestellt. In einem Terabyte könnten bis zu einer Million Bilder stecken, so der LKA-Präsident. Ein Ermittler schafft es nach einer Modellrechnung des LKA in einem Jahr, 4,75 Terabyte zu sichten. Ein Rechner mit der intelligenten Software dagegen brauche für die gleiche Datenmenge 3 Tage. Das Programm soll Daten in Kategorien (nicht pornografisch/pornografisch) einteilen und so das Auswerten der Dateienberge beschleunigen. Vom Sommer 2017 an hatte Niedersachsen zum Entwickeln des Programms junge Wissenschaftler „frisch von der Hochschule“ eingestellt. „Wir sind die ersten in Deutschland, die das so tun“, sagte Pistorius. Allein auf Software verlassen wollen sich die Fahnder allerdings nicht. In der Pilotphase des Projekts würden sich die Polizisten weiterhin alle Bilder anschauen, hieß es. Perspektivisch sollen es dann die von der „Künstlichen Intelligenz“ selektierten Bilder sein, die durch die Ermittler ausgewertet werden. Dabei spiele die „Bildszeneninterpretation“ eine entscheidende Rolle, so ein LKA-Fachmann. Dem Besitz und der Verbreitung von Kinderpornografie gehe der sexuelle Missbrauch voraus, betonten Pistorius und de Vries. 2019 stieg das Verbreiten pornografischer Schriften laut LKA um 75 Prozent, Missbrauchsverfahren um 20 Prozent.

Viele Hinweise kommen aus den USA

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Dietmar Schilff begrüßte, dass die „extreme dauerhafte Belastung unserer Kolleginnen und Kollegen“ reduziert werde. „Verkürzt sich auch die Ermittlungsdauer, bedeutet dies, dass die Polizei im Kampf gegen Kinderpornographie schneller und effektiver handeln kann“, sagte Schilff weiter. Geeignete technische Ausstattung, rechtliche Grundlagen und ausreichend Fachpersonal müssten ineinandergreifen, um die Kinderpornographie einzudämmen. Auch der FDP-Landtagsabgeordnete Marco Genthe begrüßte das Projekt. „Was jedoch nach wie vor fehlt, ist mehr Personal bei Polizei und Justiz, damit die Strafverfolgung effektiv und ohne Zeitverluste gewährleistet ist“, erklärte Genthe. Viele Aufklärungserfolge verdanken sich im Ursprung Hinweisen aus den USA, die über das Bundeskriminalamt an die Länder weitergegeben werden, wie de Vries sagte. 2018 waren es rund 70 000. Sie kommen von der Organisation NCMEC, die sich um verschwundene und missbrauchte Kinder kümmert. Die deutsche Justizministerkonferenz hatte sich im Juni 2018 mit einer effektiveren Verfolgung von Kinderpornografie und Missbrauch durch verdeckte Ermittler befasst. Diese könnten sich mit dem Hochladen von computergenerierten „Materials“ Zugang in die abgeschotteten Netzwerke der Täter verschaffen. Der Bund hatte im November 2019 Offenheit signalisiert. Das Problem: selbst künstlich erzeugt, handelt es sich um kinderpornografische Inhalte - die man doch gerade bekämpfen will. Pistorius gab sich am Rande der LKA-Pressekonferenz bei dem Thema zurückhaltend. Doch Niedersachsen wird bald Farbe bekennen müssen: Der Bundestag will an diesem Freitag abschließend darüber beraten. „Damit soll es den Ermittlungsbehörden ermöglicht werden, selbst computergenerierte Kinderpornografie zu verwenden, um Zugang zu Portalen zu bekommen und Täter, Hintermänner und Portalbetreiber ermitteln zu können“, erklärte ein Sprecher des Bundesjustizministeriums unserer Zeitung zu einem Beschluss des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz. Der Einsatz bedarf der Zustimmung des Gerichts.

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