4000 Niedersachsen haben „Schwer-in-Ordnung“-Ausweis

Hannover.  Eine Hülle mit diesem Aufdruck ist seit März beim Landesamt für Soziales, Jugend und Familie erhältlich. Auslöser war die Initiative einer Schülerin.

Ein Mann zeigt seine neue Hülle für seinen Schwerbehindertenausweis. Auf der Hülle ist „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ zu lesen. Mit der Aktion soll zur Inklusion beigetragen werden.

Ein Mann zeigt seine neue Hülle für seinen Schwerbehindertenausweis. Auf der Hülle ist „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ zu lesen. Mit der Aktion soll zur Inklusion beigetragen werden.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Schon 4000 Menschen in Niedersachsen haben ihren Behindertenausweis in einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ umgewandelt. Eine Hülle mit diesem Aufdruck ist seit März diesen Jahres beim Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Hannover erhältlich. „Aus unserer Sicht wird die Hülle sehr gut angenommen“, sagte der Sprecher des Amtes, Michael Haase. Es habe viel positive Rückmeldungen gegeben.

Auslöser für die Produktion der Hülle war eine Schülerin aus Schleswig-Holstein gewesen. Das Mädchen mit Trisomie 21 hatte sich darüber geärgert, auf dem Schulweg im Bus immer seinen Schwerbehinderten-Ausweis vorzeigen zu müssen. 2017 hatte sich die damals 14-jährige Hannah Kiesbye deswegen selbst eine „Schwer-in-Ordnung“-Hülle für ihren Ausweis gebastelt und dafür viel Zuspruch erhalten.

„Ich finde Schwerbehinderten-Ausweis ist nicht der richtige Name für meinen Ausweis“, sagte das Mädchen aus Pinneberg damals. Sie schrieb auch ein Gedicht darüber, das in einer Zeitschrift veröffentlicht und in Social Media-Kanälen tausendfach geteilt wurde.

Umbenennung könnte sinnvol sein

Der Sozialverband Niedersachsen zeigte sich mit der Resonanz auf den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ zufrieden. „Sofern sich Menschen mit Behinderung durch die Bezeichnung des Schwerbehinderten-Ausweises diskriminiert fühlen, muss man über eine neue Bezeichnung nachdenken“, sagte Sprecherin Stefanie Jäkel. Eine Umbenennung könne da durchaus sinnvoll sein. „So wird der Inhaber des Ausweises nicht in erster Linie als Behinderter definiert.“

Die Sprecherin betonte aber auch, dass es mit einem neuen Namen für den Ausweis allein nicht getan sei. „In den Bereichen Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit gibt es für Menschen mit Behinderung noch immer massive Probleme. Die müssen dringend angegangen werden.“

Gegen die „Schwer-in-Ordnung“-Hülle spricht sich die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Petra Wontorra, aus. „Wir brauchen keine Hülle, wir brauchen Inhalte. Diese Hülle ist bloße Augenwischerei, man kann schnell einen Haken dahinter machen und es kostet nichts“, sagt sie. „Für eine bestimmte Klientel mag diese Aktion schön und gut sein. Die Idee von Hannah finde ich wunderbar, wenn sie den Ausweis ungern vorzeigt. Aber man muss ihn doch nur vorlegen, wenn man Nachteilsausgleiche geltend macht, das ist eine Freiwilligkeit.“ Auch eine Umbenennung lehnt sie entschieden ab. „Ich halte nichts von anderen Begrifflichkeiten wie „Handicap“. Sie drohen Tatsachen zu verharmlosen.“

Ihr gehe es vor allem um eine Verbesserung der Teilhabe. Viele behinderte Menschen seien immer noch von guten Bildungsangeboten oder auch Kultur- und Freizeitmöglichkeiten ausgeschlossen. Weil es zu wenig Hilfen gebe, fänden sie keine bezahlbaren barrierefreien Wohnungen, keine Jobs. Durch die geplante Aktualisierung der Versorgungsmedizinverordnung des Bundes werde sich die finanzielle Situation behinderter Menschen sogar eher verschlechtern, befürchtet Wontorra.

Mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderungen

„Wieviele Menschen mit Behinderungen sitzen in Parlamenten? Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sind wir in Niedersachsen überhaupt nicht im Medienrat vertreten. Das sind doch die wahren Probleme“, sagte sie. Politik und Gesellschaft müssten sich dafür einsetzen, dass alle die gleichen Teilhaberechte bekommen, dann könne der Schwerbehindertenausweis vielleicht irgendwann überflüssig sein. „Die UN-Behindertenrechtskonvention wird am 26. März kommenden Jahres zehn Jahre alt“, sagte Wontorra. „Es wird Zeit, diese Rechte endlich zu verwirklichen.“

In Niedersachsen verfügen knapp 800.000 Menschen über einen Schwerbehinderten-Ausweis. Das Landesamt für Soziales, Jugend und Familie verteilt kostenlos auch noch eine weitere Hülle für den Ausweis, auf der „Meine Teilhabe“ steht. Auch diese wird bereits von etwa 1400 Niedersachsen genutzt.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) zeigte sich erfreut über die Resonanz für die Ausweishüllen, die zeige, dass Menschen mit Behinderung die Bezeichnung „Schwerbehindertenausweis“ als diskriminierend empfinden. Für Ausgrenzung und Herabwürdigung dürfe es keinen Raum geben: „Eine diskriminierungsfreie Sprache ist deshalb sehr wichtig.“

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