Wie Podcasts das Leben bereichern

Viele Themen, viele Varianten, tolle Stimmen – ein persönlicher Blick auf eine unendliche Internet-Hörbibliothek.

Auf dem Smartphone ist eine Auswahl an True-Crime-Podcasts zu sehen.

Auf dem Smartphone ist eine Auswahl an True-Crime-Podcasts zu sehen.

Foto: Verena Mai

Zugegeben, Podcasts zu hören, fördert nicht unbedingt das soziale Zusammenleben. Soll es aber auch gar nicht, zumal in diesen Zeiten. Podcasts sind eine Lust für sich, und immerhin kann man sich trefflich darüber unterhalten und streiten. Im Prinzip hat meine Generation im Kindesalter den Boden bereitet mit dem Abhören von Kassetten, und nun hat sich das Ganze (auch inhaltlich) fortentwickelt, was ja zum Beispiel auch den Vorteil hat, dass es keinen Bandsalat mehr gibt. Podcasts, also im Prinzip Hörveranstaltungen, gibt es für alle möglichen Themen und vor allem: in jeder Qualität. Es gibt sie als Gespräche zwischen Menschen, als Vortrag, als Interview, als Hörbuch, als Hörspiel, mit oder ohne Musik. Eine riesige, stets wachsende Bibliothek für die Ohren.

Sie heißen Gemischtes Hack oder Fest & Flauschig

Ich höre Podcasts bei der Küchenarbeit, beim Joggen, beim Puzzlen, zum Einschlafen. Während meine Kinder den deutschlandweit beliebtesten Comedy-Podcast Gemischtes Hack oder auch Fest & Flauschig bevorzugen, höre ich True-Crime-Podcasts, also alles rund ums Thema echte Verbrechen.

Schlagfertige Menschen unterhalten sich über alles mögliche

Gemischtes Hack, nur um mal ein paar Zahlen zu nennen, soll 500.000 Hörer haben, Fest & Flauschig (mit Jan Böhmermann) mehrere 100.000. Zahlen, die einem Printredakteur Tränen in die Augen treiben können. In beiden Formaten steht der spontane Dialog im Vordergrund, der Zeitgeist: Schlagfertige Menschen von heute unterhalten sich über, naja, alles mögliche. Das kann manchmal schon ziemlich witzig sein.

True Crime – die besten Podcasts kommen von echten Journalisten

Bei True Crime Podcasts sind die Voraussetzungen etwas anders. Die Fälle, die vorgestellt werden, hat es wirklich gegeben, die Fakten sind also nachprüfbar. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wer sich hier profilieren will, muss sich gut vorbereiten. Es reicht nicht, wenn sich zwei Pubertierende mit Interesse an Kriminalliteratur zum Beispiel über die schrecklichen Untaten des Frauenmörders Fritz Honka unterhalten. Peinlich wird es sogar, wenn ein True-Crime-Podcast-Pärchen sich gegenseitig simple Fragen stellt („was genau ist ein Schöffengericht?“) und der andere sie nicht beantworten kann. Es klingt vielleicht banal, aber ich finde: Die besten Podcasts, zumindest in dieser Sparte, stammen von echten, also ausgebildeten Journalisten. Allen voran: Der Podcast der Wochenzeitung Die Zeit, Zeit Verbrechen .

Die Redakteure berichten selbst Erlebtes

Im Gegensatz zu vielen Podcasts, in denen Menschen zusammentragen, was sie im Internet zu einem Fall gelesen haben, erzählen hier Redakteure über einen Prozess, den sie begleitet haben, bei dem sie mit Beteiligten gesprochen haben, womöglich sogar am Tatort waren. Das ist eine ganz andere Geschichte. Und man kann das sogar direkt vergleichen. Denn viele der Formate greifen die gleichen Fälle auf, was wiederum ein bisschen beruhigend ist: So viele scheußliche Serienmörder scheint es zumindest in Deutschland nicht gegeben zu haben.

Gute Moderatoren sind ein Pfund, mit dem man wuchern kann

„Zeit Verbrechen“ glänzt auch durch einen absolut kongenialen Moderator (Andreas Sentker, zusammen mit Sabine Rückert), der im rechten Augenblick unterbricht und kluge und kundige Fragen stellt. Auch das ist eine nicht zu unterschätzende Qualität. Dadurch, dass die Autoren selbst ein umfassendes Bild eines Falles gewonnen haben, können sie ihn auch viel lebendiger und vor allem differenzierter schildern. Dieser Podcast ist ein absoluter Gewinn.

Oft werden Fachleute hinzugezogen

Auch andere Zeitungen und Journalisten bieten True Crime Podcasts an, oft mit Fachleuten wie Polizisten oder Pathologen zusammen. Wer also in den Podcasts nach True Crime sucht (irritierenderweise erinnern die Icons ausnahmslos an Musik-Cover von Rockbands), ist auch bei Stern Crime (Stern), Die Spur der Täter (MDR), Der Gerichtsreporter (WAZ) oder Dem Tod auf der Spur (Hamburger Abendblatt) richtig. Eine besondere Variante stellt Geo Epoche mit Verbrechen der Vergangenheit vor, hier werden historische Fälle in einer Reportage erzählt, nachdem zuvor der Autor einen Kurzüberblick über das Thema gibt. Nett ist außerdem Mordlust, zwei junge Frauen erzählen sich gegenseitig Kriminalfälle, bringen aber auch ihre eigenen Geschichten mit ein, oder Verbrechen von Nebenan . Die Braunschweiger Zeitung hat mit Tatort Niedersachsen ebenfalls seit kurzem ein gutes Format etabliert.

Die Bandbreite ist immens

Manchmal schwingen sich auch Pathologen auf, um Podcasts zu machen. Ein genialer Schachzug, könnte man meinen, stehen sie doch oft im Mittelpunkt von gruseligen True-Crime-Mordfällen. Leider ist das aber nicht immer zielführend, auch wenn die Fälle noch so blutrünstig sind. Da gibt es hoch-honorierte Pathologie-Professoren, die kaum einen Satz geradeaus sprechen können. Anstrengend. Also, die Bandbreite ist schon hier immens.

Interviews und kritische Bibelgeschichten

Aber es gibt ja nicht nur True Crime. Wer zum Einschlafen lieber weniger Aufregendes hören möchte, ist vielleicht mit einem Interview gut bedient. Bei Hotel Matze gibt es eine ziemliche Liste an wirklich interessanten Promis, bei denen man manchmal hinterher feststellt, dass sie einem doch gar nicht mehr (oder unvermuteterweise doch) sympathisch sind. Die Interviews sind ungewöhnlich und (wie ich finde: wohltuend) lang. Spannend finde ich auch Bibelgeschichten bei Unter Pfarrerstöchtern , zumal Sabine Rückert (Die Zeit) und ihre Schwester (Theologieprofessorin Johanna Haberer) durchaus auch kritisch mit dem Heiligen Buch umgehen.

Professoren erzählen Verständliches

Außerdem gewinnt man bei Hörsaal Deutschland (Deutschlandfunk) einen tollen Einblick in die aktuelle Forschung zu allen möglichen Themen, die von Professoren total verständlich dargestellt werden – zum Beispiel zur politischen Lage, zur Umwelt, zu Besonderheiten im Tierreich, zum Zahlenverständnis, zu sprachlichen Aktualitäten. Es ist im besten Sinne Infotainment. Dank Smartphone lassen sich Podcasts überall hören, ohne andere zu stören, individuell laut stellen, unterbrechen und weiterhören.

Eine tolle Sprechstimme umschmeichelt das Ohr

Als Kinder waren wir vielleicht zu faul zum Lesen, oder wir schätzten die Kunst des Vorlesens auf unseren Drei-Fragezeichen-Kassetten. Inzwischen sind für mich aber die Buchstaben so klein in den Büchern, dass es weniger an der Lese-Faulheit, als eher an meinem Brillen-Trage-Überdruss liegt, dass ich inzwischen auch wirklich gerne nur zuhöre. Es geht doch nichts über eine tolle Sprechstimme, die einem um die Ohren schmeichelt.

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