Ein Braunschweiger produziert den Soundtrack des Sommers

Braunschweig.  Oliver Belz produziert an der Algarve die international erfolgreichen Alben des Bahama Soul Club. Der Bossa-Dance-Jazz geht in Ohr und Bein.

Der Braunschweiger Musiker und Produzent Oliver Belz hat an der Algarve eine neue Heimat gefunden. „Bohemia After Dawn“ heißt das neue Album seines Erfolgsprojekts Bahama Soul Club.

Der Braunschweiger Musiker und Produzent Oliver Belz hat an der Algarve eine neue Heimat gefunden. „Bohemia After Dawn“ heißt das neue Album seines Erfolgsprojekts Bahama Soul Club.

Foto: Oliver Belz

An der Algarve ist praktisch jeder Künstler, meint Oliver Belz. „Also Minimum Lebenskünstler.“ Ein buntes Völkchen aus Kunsthandwerkern, Freaks und Musikern hat an der Südküste des liberalen Portugals ein sonnenverwöhntes Refugium gefunden, und vor gut drei Jahren hat sich auch der Braunschweiger Musiker und Produzent dort niedergelassen.

Wenn Belz mit seinen Congas durch die Bars zieht, wo – oft spontan – Livemusik gemacht wird, hat er immer mal wieder Aha-Erlebnisse. Eine Sängerin oder ein Instrumentalist, die herausragen aus der Menge der Durchschnittstalente. Manche finden sich dann auf einem Album des Bahama Soul Club wieder – jenes pulsierenden Bossa-Jazz-Dance-Projekts, mit dem Belz seit mehr als zehn Jahren international erfolgreich ist. Gerade ist eine neue Scheibe erschienen, die fünfte, wenn man von diversen Remix-Alben absieht.

„Bohemia After Dawn“ liefert den perfekten Soundtrack für den Hochsommer: Vielfältige Percussions massieren prickelnd die Hörnerven, coole Bässe treiben lässige Grooves, stilvolle Tasteninstrumente von Clavinet bis Wurlitzer liefern jazzige Farben, funky Gitarren und Flöten ergänzen die Palette, ausgefeilte Effekte geben dem Ganzen zuweilen eine Trance-Note. Zwölf kleine tanzbare Meisterwerke reihen sich aneinander, inspiriert von Bossa, Soul und Jazz der 60er und 70er Jahre, aber in der Stringenz der Produktion ganz im Hier und Jetzt angekommen. Mindestens.

Billie Holidays Stimme lässt gestern und heute verschwimmen

Beim Bahama Soul Club verschwimmen gestern und heute. Gleich auf dem zweiten Titel des aktuellen Albums, „Ain’t Nobody’s Business“, weht einen die verhangen-intensive Stimme von Billie Holiday an (1915-1945). „Das Sample stammt von einer Bigband-Platte“, erzählt Belz. „Aber an zwei Stellen stoppt die Band, und sie singt weiter. Diese Passagen habe ich herausgeschnitten. Das geht in Ordnung, weil die Aufnahme von 1949 stammt, also älter als 70 Jahre und damit gemeinfrei ist.“

Belz, ursprünglich Schlagzeuger, bezeichnet sich selbst als „Schnipselarbeiter“. Er schreibt die Titel des Bahama Soul Clubs und spielt auch einige der Percussions ein. Aber vor allem ist er ein leidenschaftlicher Studiotüftler. Die instrumentalen Zutaten für seine Songs findet er im großen Archiv seiner Platten und Aufnahmen. „Warum Dinge nochmal einspielen, die schon in guter Qualität vorhanden sind?“, fragt er. Entscheidend sei, das Vorgefundene kreativ zu arrangieren und ihm einen neuen Dreh zu geben. „Oft verwende ich nur kurze Sequenzen“, erzählt er. „Die zwei Takte aus einem längeren Saxofon-Solo, die wirklich etwas Magisches haben. Und die stelle ich in einen neuen Zusammenhang und verschiebe sie rhythmisch noch ein wenig.“

Sandberg-Chef Holger Stonjek steuert Bässe bei

Was er auf diese Weise nicht zusammenbekommt, lässt er von befreundeten Musikern einspielen. Allen vorweg von dem Cremlinger Keyboarder André Neundorf, einem langjährigen Partner. „Er hat ein tolles Gespür dafür, was ich brauche“, lobt Belz. „Und wenn ich ihm sage, ,es müsste noch etwas grüner klingen’, versteht er, was ich meine, und setzt das um.“ Holger Stonjek, Chef des Braunschweiger Gitarrenbauers Sandberg, steuerte ein paar Bässe bei, Claus Hartisch Gitarren, Maike Jacobs Backgroundstimmen. „Aber es gibt eigentlich keine Sechzehntel-Note auf der Platte, die ich nicht noch ein wenig bearbeitet hätte. Es ist wirklich Fleißarbeit. Aber wenn etwas besonders klingen soll, muss man eben auch viel investieren.“

Die Lust zu experimentieren, hat Belz schon immer ausgezeichnet. 1980 begann er ein Studium der Freien Kunst an der HBK, nebenher spielte er Schlagzeug bei der Funkband Tough Guys Don’t Dance und setzte sich mit Tontechnik auseinander. Mitte der 80er Jahre stieg er als Studioleiter bei der Soundfirma Wyrwas ein, dann wurde er Theatermusiker am Staatstheater, schrieb Ballettmusiken für den damaligen Tanzchef Pierre Wyss und produzierte die Tanzzkantine mit.

Beinbruch im Studio von Peter Maffay

Anfang der 2000er machte er sich mit einem Tonstudio selbständig, mischte Alben der Jazzkantine, der ersten Bosse-Band Hyperchild und war anfangs auch bei Peter Maffays „Tabaluga“-Projekt dabei – bis er sich beim Tischtennisspielen im Studio ein Bein brach und aussteigen musste, wie er erzählt.

„Irgendwann habe ich beschlossen, die Energie, die ich im Studio für andere investierte, in eigene Projekte zu stecken, weil das einfach nachhaltiger ist“, sagt Belz. So kam er auf den Bahama Soul Club. Angesagte Gastsängerinnen wie Pat Appleton und Isabelle Antena öffneten ihm Türen, aber die Qualität sprach für sich.

Fans von Paris bis Mexiko-City

Auf dem neuen Album präsentiert der 62-Jährige neben gesampelten Legenden wie Billie Holiday oder John Lee Hooker vor allem Talente aus der Szene an der Algarve, Josephine Nightingale oder Taly Minkov-Luzeiro.

Seine Hörerschaft ist international. Dank der Analyse-Tools von Streaming-Diensten weiß er, dass die meisten Fans in den USA leben, gefolgt von europäischen Ländern, Australien, Brasilien und Kanada. Die Liste der Städte mit den meisten Bahama-Streams führt Paris an, vor Amsterdam, Barcelona, aber auch Istanbul und Mexico-City. Braunschweig taucht da gar nicht auf.

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