Deutschland-Premiere fürs Drive-in-Singen in Braunschweig

Braunschweig.  Ist Nonsense, macht aber Laune und stoppt den Corona-Blues: In Autos nebeneinander auf einem Parkplatz Lieder schmettern.

Originelle gesungene Antwort auf die Corona-Stille: Rund 300 Menschen schmettern auf einem Parkplatz am Bürgerpark in 100 Autos gemeinsam mit Vorsinger Axel Hude auf dem Hubpodest muntere Lieder.

Originelle gesungene Antwort auf die Corona-Stille: Rund 300 Menschen schmettern auf einem Parkplatz am Bürgerpark in 100 Autos gemeinsam mit Vorsinger Axel Hude auf dem Hubpodest muntere Lieder.

Foto: Stefan Lohmann

Triste einsame Corona-Zeiten erfordern lustige gemeinschaftliche Aktionen. Ein bisschen bekloppt dürfen sie dann auch sein. Wie zum Beispiel das Drive-in-Singen der Initiative Singende Landschaft.

Drive-in-Singen bedeutet, sein Auto auf dem Parkplatz Kennelweg am Braunschweiger Bürgerpark neben Dutzende andere Fahrzeuge zu stellen und Lieder zu schmettern, jede Autobesatzung für sich, angeleitet von Vorsinger Axel Huse, der in etwa 20 Metern Höhe auf einem Hubkran steht, die Klampfe in der Hand, und nur über das Autoradio zu vernehmen ist. Eine gute Stunde geht das so bei der Premiere am Samstagnachmittag. Intoniert wird eine kunterbunte Mischung von Volksliedern, Schlagern und Popsongs, von „Kein schöner Land“ bis zum einem Hit-Medley von Queen.

Rund 100 Autos stehen da in jeweils einigen Metern Abstand Seit an Seit. Weil man die Scheiben aus Corona-Sicherheitsgründen nur ein paar Zentimeter herunterkurbeln darf, hört man von den anderen eigentlich nichts. Und wenn man sie heimlich etwas weiter kurbelt, ist das immer noch so. Also singt man praktisch Duette mit Huse im Autoradio - oder genauer gesagt Quartette, denn der Leiter des Polizeichores Braunschweig wird unterstützt von dem kernigen Bariton-Choristen John Richardson und dem frischen Sopran Juliane Gaubes von der Singenden Landschaft.

Dass die anderen Fahrzeugbesatzungen sich dabei offenbar zunehmend in Stimmung singen, bemerkt man vor allem am anschwellenden Hupkonzert am Ende jeden Liedes. Hupen sind ja eigentlich eine nervtötende Vorrichtung und in der Regel als Ausdrucksmittel des Wutfahrers zweckentfremdet. Statt zu warnen werden sie benutzt, um Fehler anderer akustisch abzustrafen. Beim Drive-in-Singen aber läuft es genau andersrum: Gehupt wird aus Begeisterung und um Huse und seinem Team Respekt zu zollen. Das freut den wackeren Barden auf seinem Hubpodest: „Ist schon komisch, mit euch zu singen, aber nichts von euch mitzubekommen.“

Der 58-jährige Pädagoge und Chorleiter räumt vorab offenherzig ein: Rein musikalisch macht diese Aktion keinen Sinn. „Ein Chor lebt von der Interaktion, davon, dass man aufeinander hört. Dass man die Schwingungen der gemeinsamen Harmonien spürt, auch körperlich.“ Aber Tausende Menschen könnten dieses schöne, gemeinschaftliche Hobby seit Wochen nicht ausüben. „Die Chorleute stehen auf dem Trockenen. Denen fehlt wirklich etwas.“

Also sagt Huse zu, als ihm Juliane Gaube von ihrer Autosing-Idee erzählt. Die sei ihr gemeinsam mit ihrem Freund Markus Lochthofen gekommen, der sich am Samstag um die Technik kümmert: „In der Corona-Krise gibt es plötzlich wieder Autokino, Autokonzerte – warum nicht auch Autosingen?“ Der Verein Braunschweigische Landschaft unterstützt die Aktion, die Sparkassenstiftung sponsort - und binnen kurzem war alles organisiert. Premiere des Drive-in-Singens, wohl das erste seiner Art in Deutschland.

Mit dabei in ihrem Golf: Kathrin Steinke und Torsten Munderich aus Braunschweig. Beide gar keine Chorsinger. „Ich habe in der Zeitung davon gelesen und fand das eine originelle Idee“, sagt Kathrin Steinke. „Und ich bin für jeden Spaß zu haben, gerade jetzt, wo viele Freizeitaktivitäten eingeschränkt sind“, meint Munderich. Wir parken hinter ihm und sehen, wie sein tätowierter Arm am Fenster den Takt klopft. Als Huse bei „Bonnie over the ocean“ zu schunkeln auffordert, wird geschunkelt. Bei „We will rock you“ wird zweigeteilt im Takt gehupt: links auf dem Parkplatz tröt tröt, rechts tröööt.

Man singt sich langsam warm in seiner Karosse, nicht unbedingt schön, aber zunehmend laut, es hört ja eh keiner. „Griechischer Wein“, „Country Roads“. Beim Rumgucken sieht man Paare und Familien. Die meisten haben Spaß, so scheint’s. Nach einer guten Stunde großes Abschlusshupkonzert. „Ich fand’s klasse, wir wären wieder dabei“, meint Munderich - und gibt der Nachbarin Starthilfe.

Die Singende Landschaft plant weitere Drive-in-Singen in Wolfenbüttel und Salzgitter. „Wir stimmen uns gerade mit den Gesundheitsämtern ab“, sagt Juliane Gaube.

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