Silbermond tragen in Braunschweig dick auf

Braunschweig.  Die Erfolgsband beeindruckt 5000 Fans in der Volkswagen-Halle in einem gewaltigen Bühnenbild vor allem, wenn sie Nähe schafft.

Silbermond spielten fast zweieinhalb Stunden in Braunschweig – und ernteten viel Jubel.

Silbermond spielten fast zweieinhalb Stunden in Braunschweig – und ernteten viel Jubel.

Foto: Rüdiger Knuth

Boah, was für ein Bühnenbild in der Volkswagen-Halle. Silbermond haben sich für ihre aktuelle Tour einen grandiosen Aufbau zimmern lassen, der ein wenig an psychedelische Plattencover der Hippie-Ära erinnert: eine künstliche Pflanzenwelt, aus der auch Puppen, ein Klavier, ein Flamingo und derlei Pittoreskes mehr hervorlugen.

Dahinter gigantische Pfauenfedern, die einen fünfzackigen Stern rahmen, das Emblem ihres aktuellen Albums „Schritte“.

Silbermond in Braunschweig: Band taucht im Bühnenbild ab – zunächst

Die Band verschwindet fast in dem gewaltigen Kunst-Dschungel. Dazu flackert noch ein Übermaß an knalligen Bildern über eine gewaltige Projektionsfläche im Hintergrund. Teils illustrieren sie etwas arg eindeutig die Songs. Wenn Stefanie Kloß vom Tanzen singt, tanzen Leute im vorproduzierten Video. Was die kleinen Gestalten live auf der Bühne anstellen, gerät fast in den Hintergrund. Sie eröffnen mit Songs ihrer letzten beiden Alben „Schritte“ und „Leichtes Gepäck“, offenherzige Rockpop-Nummern wie „Was Freiheit ist“ und „Lass mal“. Ganz nett, aber sie versenden sich in der Bühnenbilderflut. Es wirkt überdimensioniert für den freundlich-direkten Silbermond-Sound.

Aber dann schlendert die Band an die Spitze des Laufstegs ins Stehplatz-Publikum. Und stimmt dort akustisch den Song „B 96“ an, über die verträumte Verlorenheit ihrer ostsächsischen Heimat. Ein bisschen Akustikgitarre des unaufdringlichen, aber konzisen Thomas Stolle, Bruder Johannes zupft sanft den Kontrabass, Drummer Andreas Nowak nestelt verlegen an seiner Hose herum, weil er erst später an den Percussion einsetzt. Und Stefanie Kloß bezirzt mit ihrem klaren, reinen Mezzo und ihrer unverkrampften, manchmal etwas verplauderten, jetzt aber innigen Präsenz. Auf der kleinen Bühne im Publikum ist die Band ganz bei sich, kein Multimedia-Gedöns lenkt ab, und siehe da: Intimität stellt sich.

Unplugged kommt besser

Die Kloß schließt das Lied „Mein Osten“ an. „Mein Osten, mein Osten / An deiner Schönheit kratzt die Wut“, singt sie. „Aber was nicht hilft, sind wir uns da einig? / Ideen von 1933“.

Sie wirkt ehrlich gerührt von der starken Publikumsreaktion auf das kleine Set, verdrückt eine Träne und erzählt, dass die Vier an keinem Song so lange gefeilt hätten wie diesem, weil sie bloß nicht missverstanden werden wollten, gerade nicht im Osten. „Ich vergess’ nicht, wo ich herkomm’“, singt sie immer wieder.

Die Band kehrt zur Bühne zurück, der Sound wird wieder fetter mit „Träum ja nur (Hippies)“ und „Krieger des Lichts“, das mit überlebensgroßen Musikerprojektionen vor Sternenmeerbildern auftrumpft. Doch schon bald legen Silbermond die nächste Unplugged-Runde ein, diesmal noch weiter hinten in der Halle. „Wir wollten schauen, ob bei euch auch alles in Ordnung ist. Ihr seid weit weg, aber näher an den Getränkeständen“, scherzt Frau Kloß, in einer in Bolero-Art kurz geschnittenen Bomberjacke und weiter schwarzer Hose. Sie singt das Lied „Für Amy“, das vom Instagram-Perfektions-Druck erzählt, der heute auf 14-Jährigen lastet.

Silbermond zeiht straßenmusikantisch durch die gesamte Volkswagen-Halle

Sie singt ganz eindringlich, ganz schlicht. „Ich war nie eine mit skinny Beinen / Ich kenn’ das Heulen und kenn’ das Zweifeln, weißt du“. Und wieder erzeugt die Akustik-Zäsur eine Nähe und Unverstelltheit, die für die Band einnimmt.

Das Quartett, ergänzt um einen Keyboarder, biegt in die letzte Runde ein, mit rockigeren Nummern wie „Leichtes Gepäck“ und satten Breitwandballaden à la „Irgendwas bleibt“ und „Symphonie“, zu der Stefanie ein Flügelkleid trägt. Bei der Zugabe „Bestes Leben“ zieht die Band straßenmusikantisch durch die gesamte Volkswagen-Halle. Den letzten Titel, „In meiner Erinnerung“, widmet Steffi ihrem Vater. „Zu meiner Geburt bekam ich einen Kerzenständer, auf dem der Name Stefan eingraviert war. Er hatte sich wohl einen Jungen gewünscht“, versetzt sie lakonisch. Ihr Vater starb, als sie 18 war. Das ist schon ergreifend, wie sie das erzählt und singt. Wo Silbermond Nähe erzeugen, sind sie stark. Viel Jubel nach fast zweieinhalb Stunden.

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