TU-Tagung zur Kunst des Erbens

Braunschweig.   Eine Tagung am Seminar für Philosophie der TU Braunschweig beschäftigt sich ab heute mit dem „Recht zu vererben“.

Der Soziologe Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

Der Soziologe Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

Foto: Juergen Bauer / juergen-bauer.com

Philosophen, Rechtswissenschaftler und Soziologen treffen sich heute ab 14.45 Uhr zu einer dreitägigen Tagung zum Thema „Das Recht zu vererben“ im Architekturpavillon der TU Braunschweig im Altgebäude. Die Vorträge sind öffentlich. Veranstalter sind das Seminar für Philosophie der TU, vertreten durch Professor Hans-Christoph Schmidt am Busch, und Professor Thomas Gutmann von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster. Einer der Vortragenden ist der Kölner Soziologe Jens Beckert, geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung. Martin Jasper sprach mit ihm vorab.

Worin besteht aus Ihrer Sicht die gesellschaftspolitische Dimension des Erbrechts?

Da ist zum einen seine wichtige Rolle beim Zusammenhalt von Familien. Es stärkt solidarische Beziehungen zwischen den Generationen – etwa wenn die Enkel die Oma besuchen. Vor allem aber: Das Erbrecht schafft keine Vermögen, aber es reguliert die Vermögensübertragung über Generationen. Damit ist es eine Quelle sozialer Ungleichheit. Insofern ist es von enormer sozialer und wirtschaftlicher Bedeutung.

Was sind die Folgen?

Durch Erbschaften entstehen über lange Zeiträume Zusammenballungen von Vermögen, daraus wiederum resultieren Machtzenten, die den demokratischen politischen Prozess auf nicht legitime Weise beeinflussen können. Die soziale Ungleichheit wächst in unserer Gesellschaft. Soziale Ungleichheit ist nicht an sich schlecht, sie hat auch positive Aspekte. Doch wenn sie extrem wird, wird sie schädlich. Ich gönne jedem Reichen sein Geld, aber wir müssen auch dafür sorgen, dass die sozialen Voraussetzungen für die demokratische Weiterentwicklung gewahrt bleiben.

Wenn Sie Politikberater wären, würden Sie den Politikern eine deutliche Erhöhung der Erbschaftssteuer empfehlen?

Nein. Grundsätzlich bin ich dafür. Aber ich würde einer politischen Partei in Deutschland nur empfehlen, sie zu fordern, wenn diese Partei die Absicht hätte, die nächsten Wahlen zu verlieren. Nur bei der Linken ginge es vielleicht, aber selbst da bin ich skeptisch. Die Mehrheit der Bevölkerung würde eine Erhöhung der Erbschaftssteuer ablehnen.

Das heißt, dieses aus ihrer Sicht sinnvolle Steuerungsinstrument gesellschaftlichen Reichtums lässt sich politisch nicht durchsetzen. Warum ist das so?

Sobald jemand in Deutschland eine Steuererhöhung vorschlägt, gibt es sofort einen ganz starken Lobbyismus der oberen Schichten der Bevölkerung nach dem Motto: Höhere Steuern schaden der wirtschaftlichen Entwicklung und sorgen für den Verlust von Arbeitsplätzen.

Aber es gibt doch auch in der Alltagserfahrung der Bürger Beispiele für eine von der persönlichen Leistung unabhängige Spaltung in Arm und Reich mittels Erbschaft. Wenn etwa der eine Uni-Absolvent sich gleich eine schicke Eigentumswohnung leisten kann, während der andere froh über eine erschwingliche Mietwohnung sein muss. Führt das nicht zu Unzufriedenheit und Neid?

Doch. Aber das genau ist ja das Problem: Niemand will neidisch sein. Wenn der Diskurs erst einmal in dieses Fahrwasser geraten ist, kommt man nur sehr schwer wieder heraus. Das ist heute übrigens anders als in den 20er Jahren, als die Erbschaftssteuer eingeführt wurde.

Ist die von Ihnen erwähnte Ablehnung der Erbschaftssteuer seitens der Oberschicht nur Lobbyismus aus Eigeninteresse? Oder ist an den Warnungen auch etwas dran?

Bisher sind Betriebsvermögen faktisch ausgeschlossen von der Erbschaftssteuer. Ich denke, dass man sie in die Besteuerung hineinnehmen könnte, ohne den Unternehmen die Beine wegzuhauen. Man muss ja nicht gleich 50 Prozent fordern. Man muss moderat vorgehen, es gibt zudem Möglichkeiten wie Stundungen oder Freibeträge. Es ist eine Frage der Gleichbehandlung und der Fairness. Ich finde die Richtung, in die das bisher läuft, unfair.

Aber wenn Sie sagen, dass derlei politisch derzeit gar nicht durchsetzbar ist, sind dann solche Überlegungen nicht müßig? Warum halten Sie dann überhaupt Ihren Vortrag?

Ich will zur Aufklärung beitragen und dazu, eine Situation zu schaffen, in der über das Thema anders nachgedacht werden kann. Einen Bewusstseinswandel.

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