Zur Sache, Schätzchen!

Mit der Melodie eines Braunschweiger Komponisten wurde Goethes „Heideröslein“ zum Volkslied.

Eine zart erblühte Rose.Foto. dpa

Eine zart erblühte Rose.Foto. dpa

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: „Ich breche dich,

Röslein auf der Heiden.“

Röslein sprach: „Ich steche dich,

Dass du ewig denkst an mich,

Und ich will’s nicht leiden.“

Röslein, Röslein...

Und der wilde Knabe brach

’s Röslein auf der Heiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach,

Musst es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

Die Frage muss zunächst natürlich lauten: Ist das „Heideröslein“ überhaupt ein Volkslied? Schließlich stammen die Verse nicht aus dem poetischen Volksvermögen, sondern vom Dichterfürsten. Auch hat Franz Schubert ein Kunstlied daraus gedrechselt.

Zwei Gründe sprechen aber entschieden für die Volksliedhaftigkeit. Erstens seine Popularität. Es ist wie bei den Kinderliedern Hoffmanns von Fallerleben: Sie sind einfach deshalb, weil sie jeder kannte und sang, über die Zeit zum Volksgut geworden. So auch das Heideröslein. Dafür spricht auch, dass es zum Ohrwurm des Volkes eben nicht in Schuberts elaboriertem Notenkleid wurde, sondern in der schlichten, etwas wehmütig sich wiegenden Vertonung des Braunschweiger Komponisten und Liedertafel-Dirigenten Heinrich Werner (1800 - 1833).

Interessanter ist der zweite Grund: Das „Heideröslein“ ist ein Volkslied, weil es eins sein wollte. Das ganze Gedicht ist eine erotische Metapher. Übersetzt: Geiler Typ sieht ein Mädchen, will es besitzen. Sie wehrt sich, er bricht die Widerstände, kommt zur Sache. Sie fügt sich.

Umstritten ist, ob es sich bei Goethe um eine kaum camouflierte Vergewaltigungs-Phantasie handelt, oder ob das Röslein am Ende doch einwilligt und das Gedicht den (zumindest seinerzeit) üblichen, vermeintlich naturgegebenen sexuellen Initiationsritus mit zwangsläufigem Verlust der Unschuld abbildet. In einer Zeile ist das Achselzucken des Dichters geradezu mit Händen zu greifen: „Musst es eben leiden“. Ist halt so, Leute. Wer will, mag freilich jenen Wehmuts-Ton des leisen Mitleids mit dem Mädchen heraushören, den Heinrich Werner so kongenial anschlug.

Wie auch immer, das Thema ist volksnah. Und dann diese fast kindhafte Sprache, die simplen Reime („brach“, „stach“, „ach“)! Dieses bis zum Abwinken wiederholte „Röslein“. Das auch noch Disney-mäßig sprechen kann!

Dies alles war natürlich beim Genie Goethe volle Absicht. Angeregt zu dem Liedchen hat ihn sein väterlicher Freund Johann Gottfried Herder. Der Erste, der Volkslieder ernst und wichtig nahm und weltweit sammelte. Zugrunde lag dem ein sympathischer Gedanke: Herder dachte sich die Völker der Welt als gleichberechtigte Individuen.

Jedem sprach er einen „Volksgeist“ zu. Um den zu erkennen, suchte er nach den poetischen „Urkunden“ des jeweiligen Volkes, aus denen er unverbildet und unverwässert jenen individuellen Geist eines Volkes schöpfen zu können glaubte.

Goethe hat diese poetische Unmittelbarkeit simuliert. Einfach, unverbildet, im besten Sinne volkstümlich zu sprechen von Herz zu Herz. Der Erfolg gab ihm recht. Die meisten seiner Gedichte geraten in Vergessenheit. Dieses bleibt.

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