Attacke

Messerangriff auf Zugreisende: Ist der Täter ein Islamist?

| Lesedauer: 5 Minuten
Polizisten führen den mutmaßlichen Angreifer ab. Rund um seine Identität gibt es noch offene Fragen.

Polizisten führen den mutmaßlichen Angreifer ab. Rund um seine Identität gibt es noch offene Fragen.

Foto: Ralf Roeger / dpa

Berlin/Aachen.  Ein Mann verletzt mehrere Menschen in einem Zug bei Aachen. Ein Polizist überwältigt den Täter. Die Polizei forscht nach dem Motiv.

Am Ende seines Auftritts bei der Pressekonferenz dankte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul noch dem Mann, der wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat. Der Leben gerettet hat. Ein Bundespolizist, 61 Jahre alt. Und eigentlich war er an diesem Freitagmorgen (13.5.22) um kurz vor acht Uhr gar nicht im Dienst. Er war privat unterwegs in der Regionalbahn, als der Täter bei Herzogenrath nach Aachen losschlug.

Der Mann ist 31 Jahre alt, zückt in dem Zug ein Messer und attackiert die Fahrgäste. „Wahllos und willkürlich“ sticht er auf die Menschen ein, so wird es Reul später bei seinem Auftritt vor den Fernsehkameras berichten. Es sind Erkenntnisse der Polizei vor Ort, die mit 200 Beamtinnen und Beamten den Tatort abschirmt, Spuren sichert, Verletzte und Zeugen der Tat versorgt.

Messerattacke in NRW: Mann verletzt fünf Menschen

Fünf Menschen verletzt der Täter, außerdem sich selbst. Die Opfer erleiden Schnittwunden an Armen und im Gesicht, einer Person sticht der Täter in die Schulter. Niemand schwebt in Lebensgefahr. Und das, so CDU-Politiker Reul, sei vor allem dem 61-jährigen Bundespolizisten zu verdanken. Er habe den Angreifer überwältigt, ihn zu Boden gerissen. Zwei weitere Männer, die im Zug unterwegs waren, halfen dem Polizisten. Fast 300 Menschen waren an diesem Morgen in der Regionalbahn unterwegs. Auch der Polizist wurde bei dem Ringen mit dem Messerangreifer verletzt und später medizinisch versorgt.

„Opfer und Täter standen in keinerlei Beziehung zueinander“, sagt Innenminister Reul. „Nach allem, was wir bisher wissen, müssen wir bei dieser Tat von einer Amoktat ausgehen.“ Doch die Geschichte des Täters führt die Ermittler nun noch auf eine weitere Spur, der sie nachgehen. Ist die Gewalttat islamistisch motiviert?

Der mutmaßliche Täter soll aus dem Irak stammen

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich laut der Polizei um einen Mann aus Nordrhein-Westfalen, der gebürtig aus dem Irak stamme. Im Jahr 2017 sei er als sogenannter islamistischer Prüffall geführt worden, seitdem habe es „keine Auffälligkeiten“ gegeben, sagte Reul.

„Prüffall“ ist die niedrigste Stufe der Skala des Verfassungsschutzes, anhand der der Nachrichtendienst der Gefährlichkeit von mutmaßlichen politischen Tätern nachgeht. Das gesamte Potenzial im islamistischen und islamistisch-terroristischen Spektrum schätzen die Sicherheitsbehörden momentan auf bundesweit 28.290 Menschen. Darunter sind gut 300 sogenannte islamistische Gefährder, denen die Polizei jederzeit eine schwere Gewalttat zutraut.

Im Fall in Aachen aber war der mutmaßliche Täter nicht als „Gefährder“ geführt, nicht mal aktuell als „Islamist“. Ein „Prüffall“ ist entsprechend unscharf, wenige Belege für eine klar islamistische Haltung des Täters lagen offenbar 2017 vor. Wie der Fall weiter bearbeitet wurde bei der Polizei, ist derzeit unklar. Ein Hinweis aus einer Flüchtlingsunterkunft soll die Ermittler damals zu dem Mann geführt haben. Er habe sich isoliert, sich einen Bart wachsen lassen, sagt Innenminister Reul.

Messerattacke: Täter benutzte mehrere Namen

Was auch auffällt: Der Mann sei unter verschiedenen Namen aufgetreten. Das kam in den Jahren 2015 und 2016 häufiger vor, weil bei den Asylbehörden Chaos im Umgang mit der Vielzahl von Flüchtlingen herrschte. Es könnte zudem ein Trick sein, um mithilfe von Aliasnamen dem Zugriff der Behörden zu entgehen.

Seit 2017 haben die Ermittler laut Angaben der NRW-Regierung keinen Hinweis mehr darauf, dass der mutmaßliche Täter der islamistischen Szene angehört. Innenminister Reul sagt dies mit Vorsicht, denn gerade aufgrund der diversen benutzten Identitäten dauert die Beweisfindung noch an. All das müssen die Ermittler nun in dem Fall der Messerattacke prüfen: Ist der mutmaßliche Täter als Islamist einzustufen? Oder hatte er ein anderes Motiv für seine Tat? Welche Rolle spielt seine psychische Verfassung?

In der Vergangenheit hatte es beides gegeben: Messerattacken von Islamisten, die sich offen zu Terrorgruppen wie dem selbst ernannten „Islamischen Staat“ bekannt haben. Im Oktober 2020 etwa schlug ein Islamist in Dresden mit einem Messer zu, tötete einen Mann aus Schwulenhass, verletzte dessen Partner schwer. Auch bei einer Messerattacke in einem ICE in Nürnberg Ende 2021 gehen die Ermittler einem islamistischen Motiv nach. Anders war es bei der Bluttat in Würzburg, bei der ein Mann drei Frauen mit einem Messer tötete, andere schwer verletzte. Dort sprechen die Strafverfolger von einer Amoktat, sehen kein islamistisches Motiv.

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