Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg: Diese Fehler hat Putins Armee gemacht

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Leben im U-Bahnhof in Charkiw aus Angst vor russischen Angriffen

Leben im U-Bahnhof in Charkiw aus Angst vor russischen Angriffen

Charkiw in der Ostukraine wird seit Beginn der russischen Invasion angegriffen. Zahlreiche Menschen haben sich in eine U-Bahn-Station geflüchtet. Das Leben in beengten Verhältnissen bringt Probleme mit sich.

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Berlin   Die russische Offensive hat einen toten Punkt erreicht. Hat der Westen Putins Armee überschätzt? Die Liste ihrer Fehler ist lang.

Russland ist der Ukraine militärisch überlegen. Mehr Soldaten, auch mehr Waffen. Und: eine Atommacht. Trotzdem ist die Invasion ins Stocken geraten. Weltweit fragen sich Experten nach zwei Monaten Ukraine-Krieg, ob sie die Russen überschätzt, welche Fehler diese begangen haben und wie sich Kremlchef Wladimir Putin noch aus der Affäre ziehen kann.

Putins Armee: Ihre Liste an Fehlern im Ukraine-Krieg ist lang

Die Mutter aller Fehler war die Annahme, dass die Ukraine schwach wäre und wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde. Darauf beruhte der Plan eines raschen Vorstoßes auf Kiew. Geländegewinne gingen vor Sicherheit. Panzer rückten mithin ohne Absicherung durch Infanterie vor. So gaben die Kampftruppen ein leichtes Ziel ab. Russland bezahlte dafür mit hohen Ausfällen: Todesopfer und Verletzte. Dass die Offensive einen toten Punkt erreicht hat, liegt an krassen Schwächen:

  • "Außerhalb der Versorgung mit der Eisenbahn bekommen die Russen Probleme, den Bedarf an Treibstoff, Munition oder Lebensmitteln zu decken“, sagte Professor Burkhard Meißner vom German Institut for Defence and Strategic Studies (GIDS) an der Universität der Bundeswehr in Hamburg unserer Redaktion. „Es ist die typische Nachschuborganisation einer Territorialarmee, die ihr eigenes Land verteidigt – mit der Versorgung entlang von Eisenbahnlinien. Die Nachschubeinheiten mit Lastwagen sind auf allen Ebenen vergleichsweise klein, offenbar zu klein."
  • Der technische Zustand vieler Geräte war miserabel, die Wartung mangelhaft. Panzer brauchen Schmiermittel, Ketten müssen ausgetauscht werden; oder auch an Fahrzeugen die Reifen.
  • Teils kommunizierten die Russen mit Handys, teils über nicht verschlüsselte Funkgeräte. Also: Leicht abzuhören und zu orten.
  • In Wracks von abgestürzten Flugzeugen fand man Zettel, auf denen handschriftlich Koordinaten aufgeschrieben waren. In anderen Fällen wurde Maschinen mit zivilen GPS-Geräten navigiert.
  • Die Russen haben erwartet, dass sie in wenigen Tagen die Luftherrschaft, zumindest aber die Lufthoheit über die Ukraine haben würden. In Wahrheit aber ist die Luftabwehr heftig.
  • "In der ersten Phase des Überfalls auf die Ukraine war unter anderem die schlechte Koordination des russischen Militärs auffällig", so Meißner. "Die Kriegsführung war gekennzeichnet durch separate, vergleichsweise unkoordinierte Einzelaktionen."
  • Die Armee hat aus Sowjetzeiten eine hierarchische Führungskultur übernommen: "enge Bindung an Befehle und Weisungen, kaum Raum für Eigeninitiative", erläutert der Wissenschaftler. "So fehlt es den Soldaten an der notwendigen Flexibilität und Entschlusskraft, wenn irgendetwas nicht funktioniert."

Die Führungskultur ist umgekehrt ein Vorteil der Verteidiger. Die ukrainische Armee legt auf die Selbstständigkeit der Einheiten großen Wert. Sie kämpft oft mit kleinen unabhängigen Infanteriegruppen.

Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj hat allen Untereinheitsführern schriftlich volle Handlungsfreiheit im Gefecht gegeben. Die Ukraine hat das Zusammenwirken verschiedener Entscheidungsebenen geübt. Da liefern schon mal privat organisierte Drohnen wichtige Daten für Einheiten.

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Ukraine-Krieg: Diese Konsequenzen zieht Putin

Putin mag alt und krank sein, völlig realitätsblind ist er nicht. Er zog Konsequenzen: Bestrafte die Geheimdienste, ernannte einen neuen Befehlshaber und konzentrierte seine Offensive auf den Donbass.

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Die Russen gehen nun langsamer, planmäßiger vor. Sie versuchen, in einem Zangenmanöver die ukrainischen Soldaten einzukesseln. Deswegen und weil der Erfolg ausbleibt, werden im Netz Parallelen zur Schlacht von Kursk (nicht so weit weg von der heutigen Front) 1943 im Zweiten Weltkrieg gezogen. Damals wie heute halten Verteidiger (damals der Sowjetunion, heute der Ukraine) die Stellung.

Kann Putin nicht mehr gewinnen?

Der Vergleich hinkt. Kursk war eine Panzerschlacht im offenen Gelände. Momentan kämpfen Russen und Ukraine um einzelne Siedlungen und Verkehrsknotenpunkte. Es sieht eher aus wie eine Intensivierung der Kämpfe am Donbass, die seit 2014 anhalten.

Die USA glauben inzwischen, dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren wird, wenn sie nur ausreichend unterstützt wird. Zum Teil ist die Analyse eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung. "Der erste Schritt zum Sieg ist der Glaube daran, dass man gewinnen kann“, sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin.

Zum Teil entspringt die Analyse politischem Kalkül. Austin: "Wir wollen, dass Russland so weit geschwächt wird, dass zu so etwas wie dem Einmarsch in die Ukraine nicht mehr in der Lage ist.“

Putins Scheinausweg: Weiter kämpfen

So lange beide Seiten glauben, dass sie gewinnen können, sind die Chancen einer Verhandlungslösung gering. Weshalb ein erfahrener Diplomat wie Wolfgang Ischinger schon zu Beginn des Konflikts einen Weg forderte, der Putin "die militärische oder die politische Niederlage oder beides zusammen erspart". Einen Weg aus der Eskalation.

Das deutete auch ein Freund Putins an, Ex-Kanzler Gerhard Schröder, als er der "New York Times" sagte, "was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Putin daran interessiert ist, den Krieg zu beenden. Aber das ist nicht so leicht." Kurzum: Der Kremlchef hat einen gewaltigen Fehler begangen und sieht vorerst einen Ausweg – weiter machen, immer weiter.

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Bedauerlich ist, dass er das auch kann. Russland hat eine Million Soldaten, zwei Millionen Reservisten, laut westlichen Fachleuten noch 10.000 Panzer, dazu schätzungsweise über 4.000 Atomsprengkörper.

Bis heute spricht Putin von einer "militärischen Spezialoperation". Er kann der Ukraine förmlich den Krieg erklären und die Mobilmachung anordnen. Allein am 1. April ging für 134.000 Wehrpflichtige der Dienst zu Ende – 134.000 ausgebildete Soldaten, die man verpflichten kann.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.

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