DFB-Krise: Löw darf nach Aussprache Bundestrainer bleiben

Hamburg.  Die Folgen der 0:6-Demontage in Spanien: Bundestrainer Löw steht vor einer komplizierten Aufarbeitung. Seine eigene Zukunft ist erstmal geklärt.

Nach dem 0:6 in Spanien steht Bundestrainer Joachim Löw mehr denn je in der Kritik.

Nach dem 0:6 in Spanien steht Bundestrainer Joachim Löw mehr denn je in der Kritik.

Foto: Firo

Als Joachim Löw am frühen Mittwochmorgen in seinem Zimmer im wunderschönen Barceló Sevilla Renacimiento am Ufer des Río Guadalquivirimiento erwachte, hatte der Bundestrainer vor allem ein Problem. Das 0:6, die Demütigung des DFB vom Vorabend, die historische Blamage gegen Spanien, die zwangsläufigen Diskussionen im Anschluss, die Nachfragen um seine Zukunft – all das war kein Alptraum.

Das, was sich wohl auch kein überzeugter Berufspessimist hätte ausmalen können, war tatsächlich passiert. Bevor sich Löw nach Mitternacht in dem Fünfsternehotel, das wegen seiner Architektur und seinem Design an das New Yorker Guggenheim Museum erinnert, ins Bett gelegt hatte, war seine Mannschaft nach allen Regeln der Kunst auseinandergerissen worden. 0:6! N-u-l-l zu S-e-c-h-s! So schlimm hatte eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit mehr als 89 Jahren nicht mehr verloren. Oder in nur zwei Worten: Gute Nacht!

Bundestrainer Löw verlässt das DFB-Quartier in alle Frühe

Einen guten Morgen hätte man dem bemitleidenswerten Bundestrainer nur zu gern nach dem kurzen Schlaf danach gewünscht. Bereits um kurz nach 7 Uhr verließ der 60-Jährige am Mittwochmorgen das Luxusdomizil, um sich zum Flughafen kutschieren zu lassen. Doch Löw ist lange genug im Amt – immerhin seit 14 Jahren –, um zu wissen, dass nach so einer geschichtsträchtigen Niederlage das Schlimmste erst noch kommt.

83 Millionen Bundestrainer werden in den kommenden Wochen vor allem zwei Fragen stellen. Erstens: Muss man sich nicht in Staub und Asche werfen und die aussortierten Mats Hummels, Jerome Boateng sowie Thomas Müller schleunigst zurückholen? Und zweitens: Gibt es unter diesen 83 Millionen nicht möglicherweise einen, der diesen Gang nach Canossa vielleicht lieber besser für Löw direkt übernimmt?

Löw musste in seinen 14 DFB-Jahren schon so manche Krise überstehen

Frage Nummer zwei wurde dem Bundestrainer wenige Minuten nach dem Schlusspfiff etwas verklausuliert bereits mehrfach gestellt. Erst war es ARD-Moderator Matthias Opdenhövel, der etwas salopp fragte, ob Löw überhaupt noch Lust habe, sich im März wieder dieser Mannschaft zu widmen. Und auf der anschließenden Pressekonferenz wurde die Frage weniger salopp wiederholt: Ob er sich nun Sorgen um seinen Job mache, wollte ein Medienvertreter wissen.

„Ob ich mir Sorgen um machen muss, das müssen Sie andere fragen. Das kann ich jetzt hier nicht beantworten“, antwortete Löw, der in seiner 14-jährigen Amtszeit schon so manche Krise hinter sich gebracht hatte. Das bittere EM-Aus 2012 gegen Italien, als sich der oberste Fußball-Lehrer der Nation vorwerfen lassen musste, das Spiel vercoacht zu haben. Die unnötige EM-Pleite 2016 gegen Frankreich. Und natürlich das peinliche Vorrundenaus bei der WM 2018 in Russland. Doch ein 0:6 war auch für ihn neu.

Eine für Löw positive Lage ergab sich aber sogleich nach der Ankunft in München: Noch am Terminal setzte sich DFB-Präsident Fritz Keller mit Löw, dessen Assistenten Marcus Sorg und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zusammen zur Nachbesprechung. Ergebnis: Löw darf weitermachen. Aber: Für Löw ging es anschließend gemeinsam mit Keller von München mit einem DFB-Shuttle weiter Richtung gemeinsame Heimat Freiburg. Der Verbandsboss dürfte auf den gut 400 Kilometern reichlich Gesprächsbedarf gehabt haben.

Gegen Spanien stand keine DFB-B-Elf auf dem Platz, es waren größtenteils die Besten

Die Nacht von Sevilla war für den Bundestrainer auch deswegen so bitter, weil – anders als in Leipzig gegen Tschechien – gegen Spanien kein experimentelles B-Team auf dem Rasen stand. Es war mehr oder weniger die Mannschaft, mit der Löw auch für die Europameisterschaft im kommenden Jahr geplant hatte. Ein Torwart von Weltformat (Neuer), eine talentierte Abwehr (Ginter, Koch, Süle, Max), ein herausragendes Mittelfeld (Kroos, Gündogan, Goretzka) und ein echter Turbosturm (Werner, Sané, Gnabry). 90 Minuten später musste man sich hinterfragen, ob man bei allen Einschätzungen mit Ausnahme des Torhüters falsch gelegen hatte.

Und spätestens an dieser Stelle war man zurück bei der zuvor bereits formulierten Frage eins nach Müller, Hummels und Boateng. Eine Frage, die nun auch sämtliche Experten im Lande nachzugehen schienen. Löw-Vorgänger Jürgen Klinsmann machte sich bei ESPN für eine Rückkehr Müllers stark („Ein Anführer“), Mesut Özil bei Twitter für Boateng („Time to take @JeromeBoateng back“) und Lothar Matthäus in der Bild-Zeitung gleich für alle drei: „Man braucht diese Führungsspieler nach so einer Niederlage!“

Die Rufe nach Müller, Hummels und Boateng werden immer lauter - aber Löw ignoriert sie

Doch weil weiterhin Joachim Löw und nicht Klinsmann, Özil oder Matthäus für die Nationalmannschaft verantwortlich ist, dürfte es trotz des fußballerischen Offenbarungseids im Estadio Olímpico de La Cartuja bei dem bleiben, was schon in den vergangenen Monaten in Fußball-Deutschland Usus war. Die Nation diskutiert über Müller, Hummels und Boateng – und Löw bleibt seiner Linie treu.

„Das Vertrauen in die Spieler ist jetzt nicht völlig erschüttert“, sagte Löw am Dienstagabend, als er direkt nach der Partie erneut auf die drei Fragezeichen angesprochen wurde. Man müsse die Situation um Hummels, Müller und Boateng „zum richtigen Zeitpunkt bewerten“, betonte der Breisgauer, der diesen Zeitpunkt in Wahrheit aber schon lange verpasst hatte.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff stellt sich an die Seite von Joachim Löw

Doch wie geht es nun weiter? Wer den Bundestrainer kennt, der dürfte für beide zentralen Fragen (1.: Müller, Hummels, Boateng? Und 2.: Löw?) die gleiche Antwort haben: Alles bleibt so, wie es ist. Menschen, die es gut mit ihm meinen, sagen, dass Joachim Löw prinzipientreu sei, dass er keiner sei, der umfällt, wenn der Gegenwind ein wenig zunimmt. Menschen, die es weniger gut mit ihm meinen, sagen, dass er stur sei, vielleicht dickköpfig, ganz gleich wie orkanartig das Unwetter daher komme.

Oliver Bierhoff, der schon vor der historischen Nacht von Sevilla einen kleineren Sturm mit seinem FAZ-Interview („Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit“) ausgelöst hatte, sprang Löw nach dem 0:6 zur Seite. „Ich bin von Jogi voll überzeugt“, sagte der DFB-Direktor.

Die DFB-Spieler kommen erst im März wieder zusammen

Immerhin: Damit gibt es vor der vier Monate langen Länderspielpause trotz der einmaligen Blamage in Spanien schon mal zwei entscheidende Löw-Befürworter: Oliver Bierhoff – und Joachim Löw selbst. In diesem Sinne: Auf Wiedersehen im März.

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