Warum die Zweifel um Löw und die Nationalmannschaft wachsen

Köln.  Spieler wackeln, Taktiken sind umstritten, die Kritik nimmt zu: Bundestrainer Joachim Löw und der DFB stehen vor einem aufreibenden Herbst.

Bundestrainer Joachim Löw wird von Experten immer heftiger kritisiert.

Bundestrainer Joachim Löw wird von Experten immer heftiger kritisiert.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Das gemeinsame Lager war schnell aufgelöst: Viele Nationalspieler hatten sich schon in der Nacht nach dem 3:3 (1:2) gegen die Schweiz auf den Rückweg zu ihren Klubs gemacht, der Rest verließ das Hotel Hyatt in Köln am Mittwochvormittag. Begleitet von Erinnerungen an eine höchst ungewöhnliche Länderspielphase. Drei Partien in neun Tagen mit zwei verschiedenen DFB-Kadern, acht Tore, sieben Gegentore, ein Kurztrip ins Corona-Hochrisikogebiet Ukraine und ein Quartier im Risikogebiet Köln. Dazu noch obendrauf die tagelange Diskussion um den Stellenwert der deutschen Nationalmannschaft.

Sportlich war Joshua Kimmich nach dem Spiel gegen die Schweiz der Auffassung: „Das war ein Schritt nach vorne.“ Der Mittelfeldspieler schob aber nach, dass man vieles noch verbessern müsse. Tatsächlich zeigte die Partie erneut die Wankelmütigkeit dieser Mannschaft, die schon beim 3:3 gegen die Türkei und beim 2:1 in der Ukraine zu sehen war. Im Spiel nach vorne hat sie sehr viel Potenzial, zu besichtigen bei den Treffern durch Timo Werner (28.), Kai Havertz (55.) und Serge Gnabry (60.). Hinten allerdings fehlt es an internationalem Format, den Gegentoren durch Mario Gavranovic (5./57.) und Remo Freuler (26.) gingen krasse Fehler voraus.

Schalke-Legende Olaf Thon fordert Löws Rücktritt

Von einem „Panikorchester in der Abwehr“ schrieb der Schweizer Blick. Für Bundestrainer Joachim Löw aber war das Glas halbvoll, weil es fußballerische Fortschritte gegeben hatte und sein Team ein 0:2 sowie ein 2:3 noch egalisiert hatte. Er lobte „Einsatz, Moral und Kampfgeist“ und rief für die Europameisterschaft 2021 fast nebenbei das Halbfinale als Minimalziel aus.

Doch die Zweifel, ob dies gelingen kann, sind in den vergangenen Tagen größer geworden. Löw wird öffentlich immer härter angegangen von Ex-Spielern, die heute als Experten ihr Geld verdienen. Erst war es Lothar Matthäus, nach dem Schweiz-Spiel bekam der Bundestrainer von Olaf Thon die Forderung übermittelt, er solle nach der EM bitte zurücktreten. Löw beschied recht kühl: „Das ist mir egal, was der Olaf Thon sagt.“ Tatsächlich erscheint im Land der 80 Millionen Bundestrainer unmöglich, es allen recht zu machen. Hätte Löw wie von Matthäus gefordert im Test gegen die Türkei seine besten Spieler auflaufen lassen, hätte ein anderer Experte bemängelt, dass die Spieler in einem bedeutungslosen Kick verheizt werden. Ein Bundestrainer muss auch mal stur sein – Löw kann das.

Was als souverän galt, wirkt jetzt arrogant

Dennoch hätte sich im Verband mancher gewünscht, dass Löw nun etwas konzilianter auftritt. Denn wie den WM-Titel 2014 musste er auch die verkorkste WM 2018 verantworten. Da wirkt flott arrogant, was einst als souverän interpretiert wurde. So der Satz: „Ich stehe über den Dingen, was Kritik angeht.“

Auch der Deutsche Fußball-Bund stand im Ansehen schon besser da, nicht nur wegen der vielen Affären. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstands-Chef des FC Bayern, mag nicht der überzeugendste Ankläger sein, wenn er bemängelt: „Geld, Vermarktung und Politik haben Priorität, aber nicht der Fußball.“ Aber er trifft einen Nerv beim Publikum, das dem Marketinggeklingel rund um die Nationalmannschaft immer kritischer gegenübersteht. Wenn DFB-Direktor Oliver Bierhoff nun beteuert, man habe die Marketing-Aktivitäten gar heruntergefahren und dafür das soziale Engagement erhöht, indem man mehr karikative Einrichtungen besuche, dringt er damit noch nicht richtig durch.

TV-Quote steigt wieder etwas

Was also bleibt? „Die Nationalmannschaft ist die wichtigste Mannschaft, die wir in Deutschland haben“, sagt Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung bei Borussia Dortmund. Das Publikum aber ist nicht mehr mit der gleichen Begeisterung an den Bildschirmen dabei. Durchschnittlich 8,19 Millionen Zuschauer sahen am Dienstagabend das 3:3 in der ARD, was immerhin deutlich mehr waren als beim von RTL übertragenen Tiefpunkt gegen die Türkei. Die Mannschaft muss sich das Vertrauen Stück für Stück zurückerspielen.

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