Amri-Geldbörse lag 20 Stunden unter Lkw-Sitz – unentdeckt

Berlin.  Protokolle fehlen, die Spurensicherung dauert, Beamte wirken uninformiert: Der Einsatz nach dem Amri-Attentat bleibt in der Kritik.

Glasscherben, Äste, Blut – Helfer berichten über Chaos am Tatort. Polizisten am Breitscheidplatz sichern den Lastwagen. Konnten alle Spuren gesichert werden?

Glasscherben, Äste, Blut – Helfer berichten über Chaos am Tatort. Polizisten am Breitscheidplatz sichern den Lastwagen. Konnten alle Spuren gesichert werden?

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Als Anis Amri den Bahnhof Gare du Nord in Brüssel erreicht, trägt er schwarze Sportschuhe, eine graue Jogginghose, einen grünen Parka mit Kapuze, einen Schal, eine graue Mütze. Es ist kurz nach 19 Uhr, der 21. Dezember 2016.

Es ist zwei Tage her, da hatte der Tunesier in Berlin einen Lastwagenfahrer erschossen, das Fahrzeug gekapert – und ist in Menschen auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Elf Besucher und der polnische Lkw-Fahrer starben, Dutzende wurden verletzt.

Jetzt, am Bahnhof in Brüssel, hält Amri sein Gesicht verdeckt. Das Foto einer Überwachungskamera hält die Szene fest. Es liegt den Akten der Polizei bei, mit denen sie später den Fluchtweg des Dschihadisten rekonstruieren. Auch Zeugenaussagen und Fahrscheine helfen.

Nach Berlin-Anschlag: Einsätze der Polizei an Moschee nicht protokolliert

In diesem Moment der Flucht des Attentäters ist sein Gesicht seit gut einer Stunde auf allen Kanälen. Die Sicherheitsbehörden suchen nach ihm mit einer öffentlichen Fahndung. Amri ist zu diesem Zeitpunkt schon weit gekommen – von Berlin bis Brüssel. Und seine Flucht geht weiter, um kurz nach 21 Uhr, so vermuten es Ermittler heute, sitzt Amri im Bus Richtung Lyon.

Der Anschlag auf den Breitscheidplatz ist der schwerste islamistische Terrorakt in Deutschland. Schon im Vorfeld der Tat lief bei den Ermittlungen gegen Amri vieles schief. Das Bundeskriminalamt ließ sich von Warnungen der Polizei in Nordrhein-Westfalen nicht überzeugen, die Berliner Polizei vermasselte eine verdeckte Operation gegen Amri. Er war gewarnt. Und Informanten des Verfassungsschutzes wollen von Amris Gefahr nichts gewusst haben.

Auch in der Zeit nach dem Anschlag bleiben viele offene Fragen. Hatte Amri Helfer? Laut Polizei hatte er bei seiner Flucht mehr als 1000 Euro in bar dabei. Woher kam das Geld? Wo übernachtete der Attentäter? Traf er in Brüssel andere Dschihadisten – immerhin ein Hotspot des Islamismus, von dem aus die Anschläge in Paris und Brüssel geplant wurden?

„Schlecht organisiertes Krisenmanagement“ nach Berlin-Anschlag

„Die Spurensicherung am Lastwagen und der Einsatz der Aufklärungsbeamten an dem Abend hinterlässt bei mir den Eindruck eines schlecht organisierten Krisenmanagements der Polizei“, sagt Grünen-Innenexpertin Irene Mihalic. Weiterhin blieben viele Fragen offen. Es sei umso wichtiger, sich jetzt auch im Untersuchungsausschuss im Bundestag dem Geschehen unmittelbar nach der Tat zu widmen, so Mihalic.

Für Mordermittler sind die ersten Stunden nach der Tat entscheidend. Der Täter muss vom Tatort fliehen, Spuren müssen schnell ausgewertet werden, Zeugen befragt, mögliche weitere Taten verhindert werden, Komplizen ausfindig gemacht werden. Jede Minute zählt. Doch Anis Amri hat viel Zeit.

In den Stunden nach der Tat unterlaufen den Ermittlern mehrere Fehler. Ganz entscheidend ist: Viel zu lange weiß die Polizei gar nicht, wer der Täter ist. Dabei lag der Beweis dafür im Cockpit des Lastwagens.

Es dauert schon drei Stunden, bis der Verantwortliche der Spurensicherung der Berliner Polizei am Breitscheidplatz eintrifft. Der Kriminalbeamte B. sagte an diesem Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestages aus.

Amris Portemonnaie liegt unter Lkw-Sitz

Als er am Tatort eintrifft, sind die Verletzten bereits ins Krankenhaus abtransportiert. So schildert es B. in der Zeugenbefragung durch die Abgeordneten. Mehrere Polizisten, das geht aus den Akten hervor, waren bereits in der Fahrerkabine des Lastwagen, schleppten den erschossenen polnischen Fahrer aus dem Cockpit, schauten sich um.

Das Portemonnaie ist versteckt unter dem Sitz. Fotos in Polizeiakten zeigen Bilder des Fundorts, die Geldbörse liegt unter einer Wolldecke, zwischen einer Schachtel Zigaretten und einer Bierdose, dazu Zweige und Äste von Weihnachtsbäumen. Diese Geldbörse ist entscheidend. Dort liegen Amris Papiere samt Duldungsausweis.

Der Spurensicherer B. trifft dann eine Entscheidung, die den Ermittlern im Nachhinein wichtige Stunden auf der Jagd nach dem Täter kostet. Weil das Wetter in dieser Dezembernacht zu kalt ist, um Fingerabdrücke vom Lastwagen zu nehmen, ruft B. in der Polizeizentrale an. Er brauche eine Halle mit Heizung und Platz für den Lkw. In das Fahrerhaus schaut er nicht.

Bericht über Spurensicherung der Fingerabdrücke fehlt Ausschuss bis heute

Am Morgen, um kurz vor sechs Uhr, rückt das Abschleppunternehmen an. Wieder vergeht Zeit, denn die Bremsen des Lastwagens sind blockiert. Erst um 11 Uhr, so berichtet Polizist B., fährt der Sattelschlepper im Schritttempo Richtung Julius-Leber-Kaserne.

Wieder gibt es Probleme. „Wir mussten Reifendruck ablassen, damit der Lkw überhaupt in die Halle passt“, sagt B. Um 15 Uhr beginnen die Spurensicherer mit ihrer Arbeit. Um 16.45 Uhr, mehr als zwanzig Stunden nach dem Anschlag, meldet Kriminalist B. in die Zentrale den Fund des Portemonnaies. Einen Bericht über die Fingerabdrücke in der Fahrerkabine fehlt den Abgeordneten bis heute. „Dann gibt es ihn vielleicht auch nicht“, sagt B. im Ausschuss.

Erst nach dem Anruf der Spurensicherung wissen die Ermittler nach eigenen Angaben, wen sie suchen müssen. Erst acht Stunden später startet die Polizei eine europaweite Fahndung. Erst zwei Tage nach der Tat beginnt die öffentliche Fahndung. Amri ist schon auf dem Weg nach Brüssel.

„Das machen wir in Zukunft anders“

Die Polizei argumentiert später, die Fahndung sei zunächst nur intern gestartet worden, damit Amri sich nicht durch die Nachrichtenlage unter Druck gesetzt fühle – und wieder zuschlage. Beamter B. verantwortlich für die Spurensicherung, sagt im Ausschuss: „Ich bin erstmal nicht davon ausgegangen, dass da ein Täter sein Portemonnaie liegenlässt.“ Und B. sagt: „Das machen wir in Zukunft anders.“

Schon Monate zuvor, im Juli im französischen Nizza, war ein Dschihadist mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast. Das Auto als Tatwaffe für Terroristen war Experten in den Sicherheitsbehörden bekannt. Doch den Schluss, dass Amri seine Identität offenlegen will, um in der Szene als „Märtyrer“ gefeiert zu werden – darauf kommen die Ermittler in Berlin nicht.

Amri reiste in den gut vier Tagen nach der Tat durch fünf europäische Länder, überquerte Grenze, kaufte Bahntickets. Bis heute haben die Ermittler nur Schnipsel einer Flucht. Niemand kann ausschließen, ob Amri in dieser Zeit Helfer traf. Belege gibt es bisher nicht.

Die „Maßnahme 300“ läuft an

Als Spurensicherer B. rund drei Stunden nach der Tat auf den Weihnachtsmarkt kommt, ahnt die Polizei schon, dass es kein Unfall war. Die Leitung ruft die „Maßnahme 300“ aus. Alle verfügbaren Einsatzkräfte rücken aus, kontrollieren Knotenpunkte. Auch Moscheen, die als Treffpunkte von Islamisten bekannt sind, suchen die Beamten auf. Es sind diese Lagen, in denen Sicherheitsbehörden ihr Krisenmanagement beweisen müssen.

Ein älterer Beamte schildert dem Ausschuss, wie er an dem Abend auf der mobilen Wache am Breitscheidplatz Schicht hat. Nur Minuten nach dem Attentat versorgt er Verletzte, sichert den Tatort ab, versucht, den Überblick zu behalten, bis Verstärkung vor Ort eintrifft. „Das hat mir viel Respekt eingeflößt“, sagt etwa der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich. Es bleibt für die Politiker einer der wenigen aufhellenden Momente in der langen Ausschusssitzung.

Ein Beamter mit Maschinenpistole und Polizeiweste, ein weiterer Polizist zieht eine Waffe, ein dritter Mann bleibt im Wagen. Viel finden die Beamten nicht heraus, in der Moschee brennt kein Licht.

Ein pakistanischer Asylbewerber festgenommen – eine falsche Fährte

Weil die Personaldecke eng ist, kommt nur einer der Ermittler aus dem Bereich Islamismus, die anderen sind eigentlich zur Bekämpfung von Clankriminalität und Hooligans eingesetzt. Nach vier Minuten fahren die Polizisten wieder ab.

Auch um 5.21 Uhr gehen bewaffnete Beamte erneut in die Moschee. Diesmal bleiben sie mehrere Stunden, durchsuchen die Räume, sprechen offenbar mit Mitgliedern des radikalen Vereins. Es gibt keine Protokollnotiz dieses Einsatzes. Unklar bleibt, was sich die Polizeileitung von der Operation an der Moschee erhoffte.

Nur eine Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt die Szene. „Keiner hatte einen Überblick. Es war eine Anschlagslage“, erklärt ein Beamter nun im Untersuchungsausschuss. Die Überwachungskamera hatte das Landeskriminalamt vor der Moschee installiert. Die LKA-Beamten vor Ort haben nach eigenen Angaben niemals davon erfahren.

Mehrere Stunden befragen die Abgeordneten an diesem Donnerstag die Polizisten. Ihre Aussagen bringen wenig Aufklärung, oftmals können sich die Beamten an Details des Abends nicht mehr erinnern. Dass Anis Amri der Täter war, hatten sie in der Nacht nichts gewusst.

Mit Hilfe von Zeugenaussagen nimmt die Berliner Polizei kurz nach der Tat einen pakistanischen Asylbewerber in der Nähe des Tatorts fest. Es ist eine falsche Fährte.

„Chaotisches Bild der Ermittlungen nach der Tat“

Nicht nur der Einsatz der Polizei in der Anschlagsnacht wirkt ungeordnet – auch die Zeugenaussagen der Beamten im Ausschuss gut drei Jahre später sind wenig mit Fakten unterlegt. Die Angaben der Polizisten sind fahrig, oftmals können sie wenig über den Einsatzplan der Leitung sagen.

Fast neun Stunden befragen die Abgeordneten im Ausschuss die Polizisten, die in der Tatnacht im Einsatz waren. Von einem „chaotischen Bild der Ermittlungen“ spricht der FDP-Innenexperte Benjamin Strasser. „Von einem abgestimmten Notfallplan für eine solche Lage ist nichts zu erkennen.“ Was fehle, sei eine enge Abstimmung zwischen den Polizisten in Bund und Ländern.

Die Linken-Abgeordnete Martina Renner ist noch schärfer in ihrer Kritik. Der Aufklärungstrupp der Berliner Polizei an der Fussilet-Moschee postiere sich „offen vor der Moschee, plauscht mit Islamisten und riskiert sowohl ein Zusammentreffen mit dem Attentäter aus auch ein Aufscheuchen seines Unterstützerumfelds“. Für mögliche Helfer von Amri auf der Flucht fehlen nach wie vor Belege.

Schusswechsel am Bahnhof von Mailand

Der Innenexperte der Unionsfraktion, Volker Ullrich, bemängelt den schlechten Informationsaustausch vor allem innerhalb der Berliner Polizei. Auch nach der Zeugenbefragung bleibe ungeklärt, wie die Aufklärungsbeamten des LKA bei der Observation der Fussilet-Moschee nicht von der Gefährlichkeit von Amri wussten – obwohl nicht nur beim Berliner Staatsschutz, sondern auch in anderen Behörden mehrfach über die Radikalität Amris diskutiert wurde.

filmt eine Kamera in einer Unterführung am Bahnhof Zoo Anis Amri. Er reckt den Zeigefinger in die Luft, ein typisches Zeichen der islamistischen Szene. In den Stunden nach dem Anschlag holt Amri noch einen Rucksack aus seiner Wohnung in Berlin-Gesundbrunnen. Irgendwann an diesem Abend verliert sich die Spur in Berlin.

Amri taucht an mehreren Bahnhöfen Europas auf Videoaufnahmen der Kameras auf, flieht über die Niederlande, nach Belgien, Frankreich und weiter nach Italien. In Mailand trifft er am Bahnhof auf zwei italienische Streifenpolizisten. Amri zieht eine Waffe, so schildern es später die Beamten. Es kommt zu einem Schusswechsel. Einer der Polizisten wird verletzt. Anis Amri erschossen.

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