Pipeline Nord Stream 2: Der Gaskrieg in der Ostsee

Berlin.  Baustopp an der Gas-Pipeline in der Ostsee. US-Sanktionen verzögern und verteuern das Projekt. Sie sind kein politischer Rohrkrepierer.

Das Spezialschiff „Audacia“ verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für Nord Stream 2.

Das Spezialschiff „Audacia“ verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für Nord Stream 2.

Foto: dpa Picture-Alliance / Stefan Sauer / picture alliance/dpa

Das Verlegeschiff verlässt den Ankerplatz vor Rügen an Heiligabend. Es ist die „Pioneering Spirit“. Bis zu drei solcher Rohrleger hatte der Offshore-Konzern Allseas in der Ostsee im Einsatz. Mit dem Abzug reagieren die Schweizer auf die US-Sanktionen – drei Tag zuvor verkündet – gegen Unternehmen, die an der Pipeline Nord Stream 2 arbeiten. Der Baustopp und die Folgen.

Wo steht das Projekt?

Die Rohrleitung führt über 1230 Kilometer vom russischen Ust-Luga bis Lubmin bei Greifswald. Der größte Teil ist verlegt. Angeblich fehlen 160 Kilometer. Laut der Moskauer Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ sind es sogar nur 120 Kilometer, verteilt auf zwei Stränge. Die Pipeline, die parallel zu Nord Stream 1 entsteht, würde die Erdgaslieferungen nach Deutschland auf eine jährliche Kapazität von 110 Milliarden Kubikmetern verdoppeln.

Wie geht es weiter?

Die Russen suchen nach Alternativen für die Schweizer Spezialisten. Sie können die „Akademik Tscherski“ aus einem fernöstlichen Hafen in die Ostsee entsenden. Das vor Rügen liegende Schiff „Fortuna“ ist auch einsetzbar, allerdings nur in ufernahen Zonen. Denkbar wäre, Spezialschiffe in Asien anzuschaffen. Jede Lösung kostet Zeit.

Bisher ging man von einem Baufortschritt von fünf Kilometern pro Tag aus. Die „Pioneering Spirit“ ist das weltweit größte Arbeitsschiff. Das zweitgrößte Schiff dieser Art, die „Solitaire“, gehört ebenfalls zum Schweizer Konzern. Ohne die Schweizer wird man Tempo verlieren. Ursprünglich wollte das Unternehmen Gazprom in diesen Tagen mit der Gasbefüllung beginnen. Jetzt dürfte sich die Inbetriebnahme hinziehen. Der Rahmen der Gesamtinvestitionen (acht bis zehn Milliarden Euro) wird ausgereizt.

Wer ist am Zug?

Russlands Regierung erwartet eine Reaktion von der Europäischen Union. Die EU habe ein Interesse an der eigenen Energiesicherheit zu akzeptablen Preisen, hieß es in Moskau. Denkbar wäre, dass die EU amerikanisches Flüssiggas boykottiert oder mit Strafzöllen belegt, bis die USA ihre Sanktionen aufgeben.

Was treibt die Gegner um?

Die Widerstände kommen von den USA und einigen EU-Partnern. Die baltischen Staaten und Polen waren immer dagegen. Auch Tschechien und die Slowakei hatten Bedenken. Die Kritik zielt auf den wachsenden russischen Marktanteil. Nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise nahm die US-Kritik zu. Ab 2017 drohte Präsident Donald Trump mit Sanktionen. Sie sind keine Rohrkrepierer. Der Abzug der Spezialschiffe tut weh.

USA verhängen Sanktionen wegen Nord Stream 2
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Geht es um Politik oder Geschäfte?

Bei Polen geht es – wie bei der Ukraine – auch um eigene Interessen. Sie sorgten sich um ihre bisherigen Einnahmen als Transitländer für russisches Gas. Von den USA heißt es, sie fürchteten um den Absatz ihres teureren Flüssiggases.

Hintergrund: Wie tief ist der Riss zwischen Deutschland und Amerika?

Hat sich Deutschland isoliert?

Im Februar drohte selbst Frankreich, sich in der EU querzustellen. Damals twitterte Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, „es ist nicht die Schuld der Franzosen, dass wir uns mit Nord Stream 2 auf Kosten der Sicherheitsbedenken anderer europäisch isoliert haben“.

Was ist die Verteidigungslinie der Bundesregierung?

Nord Stream 2 ist kein deutsches, sondern ein internationales Projekt. Gazprom teilt sich die Investitionen mit fünf westeuropäischen Unternehmen: Wintershall und Uniper (beide Deutschland), OMV (Österreich), Royal Dutch Shell (Niederlande und Großbritannien) und Engie (Frankreich). Es gibt die Verträge, Genehmigungen – darüber kann sich der Staat in einer freien Marktwirtschaft nicht einfach hinwegsetzen.

Wenn es Abhängigkeiten gibt, dann nicht einseitig: Die Russen sind auf die Deviseneinnahmen genauso angewiesen wie Westeuropa auf Gas. Russland ist seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Lieferant. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte den sogenannten Visegrád-Staaten bei einem Treffen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, Deutschland werde sich „unter gar keinen Umständen allein von Russland abhängig machen“.

Merkel will bei Nord-Stream 2 hart bleiben
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Eher den USA galt der Hinweis von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer: „Wir sind dabei, zu diversifizieren, wir haben noch andere Bezugsquellen.“ So würden neue Terminals gebaut – extra für US-Flüssiggas.

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