Untersuchungsausschuss

Kapitol-Sturm: Trump soll Demonstranten angestachelt haben

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Sturm auf das US-Kapitol: Darum geht es im Untersuchungsausschuss

Sturm auf das US-Kapitol: Darum geht es im Untersuchungsausschuss

Am 6. Januar 2012 stürmen hunderte Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump das Kapitol in Washington. Nun widmet sich ein Untersuchungsausschuss des US-Parlaments den damaligen Ereignissen. Mit ihm wollen die US-Demokraten beweisen, dass Trump damals eine Verschwörung gebildet hat, um unrechtmäßig an der Macht zu bleiben. A RECAP OF THE CAPITOL SIEGE

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Washington.  Der Ausschuss sieht die Verantwortung für den Sturm aufs Kapitol bei Trump. Er soll Sympathie für Erhängung von Pence geäußert haben.

Nach der streckenweise sensationellen, emotional oft erschütternden und für Donald Trump letztlich verheerenden ersten öffentlichen Sitzung des Untersuchungs-Ausschusses zum Sturm aufs Kapitol in Washington hat eine der beiden staatstragenden Parteien Amerikas ein massives Glaubwürdigkeits-Problem.

Die Republikaner, die das Gremium bis auf zwei Ausnahmen sabotieren, nennen das gewalttätige Treiben vom 6. Januar 2021 bis heute einen „legitimen demokratischen Diskurs”. Von einem durch Trump federführend angestachelten „versuchten Staatsstreich”, wie ihn die Demokraten eindeutig identifiziert haben, wollen sie nichts wissen.

Sturm aufs Kapitol: Ausschuss soll Putschversuch aufklären

Nun kommt heraus: Etliche republikanische Kongress-Abgeordnete haben nach dem Angriff auf die Herzkammer des US-Demokratie, der fünf Todesopfer forderte, bei dem damals noch für wenige Tage amtierenden Präsidenten Trump um eine präventive strafrechtliche Begnadigung („Pardon”) für ihre klandestinen Unterstützer-Rollen bei der Vorbereitung und Durchführung gebettelt.

Das sagte Liz Cheney, die einzige Republikanerin im Ausschuss, am Donnerstagabend zur besten Sendezeit, und redete ihren Parteigenossen, die mehrheitlich noch immer „das Unentschuldbare entschuldigten”, ins Gewissen. „Es wird der Tag kommen, an dem Donald Trump nicht mehr da ist, aber Eure Unehrenhaftigkeit wird bleiben.”

Von Cheney, die vom Ex-Präsidenten seit Monaten geächtet und diffamiert wird und aus Rache um ihr Mandat im Parlament gebracht werden soll, stammte auch der zweite und dritte Schocker einer publikumswirksamen Sezierung der Ereignisse vor 17 Monaten, die sich noch bis in den Juli hinziehen wird.

USA: Trump wusste, dass Biden Wahl gewinnt

Demnach wussten Donald Trump persönlich und dessen engstes Umfeld sehr genau, dass der Demokrat Joe Biden im November 2020 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte – und dass es keinen Wahlbetrug von Belang gab. Per Video-Aufnahme wurde ein Ex-Sprecher Trumps zugeschaltet, der davon berichtete, wie der damalige Daten-Papst im Team Trump dem New Yorker Milliardär schon wenige Wochen nach dem Wahlgang klipp und klar die Niederlage darlegte.

Später kam Trumps Ex-Justizminister Bill Barr zu Wort. Er erklärte, wie er Trump bei mindestens drei Unterredungen auszureden versucht habe, weiter mit dem Begriff „Wahlbetrug” zu hantieren. „Ich sagte dem Präsidenten, das ist Bullshit.” Auch Formulierungen wie „kompletter Unsinn” und „verrücktes Zeug” fielen.

Dennoch, so Liz Cheney, habe Trump wider besseres Wissen Millionensummen investiert, um dem amerikanischen Volk eine staatsgefährdende Lügengeschichte aufzutischen und so die Geschehnisse am Kapitol heraufzubeschwören. „Trump hat den Mob herbeigerufen, den Mob versammelt und die Flamme dieses Angriffs entzündet.”

Engste Mitarbeiter seien in Angst gewesen über die Ruchlosigkeit des Präsidenten. „Sie wussten, dass Donald Trump zu gefährlich ist, um ihn allein zu lassen.” Cheney am meisten benutzte Worte in Richtung Trump: „illegal” und “verfassungswidrig”.

Trump soll seinem Vize Mike Pence den Tod gewünscht haben

Was Trump laut Kolportage von Liz Cheney seinerzeit über seinen Vize Mike Pence sagte, ließ dann vielen Zuhörern kurzzeitig die Gesichtszüge einfrieren. Als Pence sich am 6. Januar verfassungsgemäß widersetzte, die von Trump geforderte Zertifizierung des Biden-Wahlsieges als Vorsitzender der entscheidenden Kongress-Sitzung zu hintertreiben, twitterte der Präsident seinen Unmut darüber in die Welt hinaus.

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Am Kapitol, wo ein wütender Mob Polizisten windelweich prügelte und marodierend durch das imposante Parlamentsgebäude zog, wurden umgehend Parolen laut, die allen Ernstes das Aufhängen von Pence verlangten. Damit konfrontiert sagte Trump: „Vielleicht haben unsere Anhänger die richtige Idee. Mike Pence verdient es.”

U-Ausschuss: Auftakt zur Aufarbeitung des Putschversuchs

Zu den vielen großen Momenten der Auftaktsitzung, die von allen großen TV-Kanälen live übertragen wurde, gehörten auch diese:

  • Als Christine Edwards, Mitglied der Kapitolspolizei, ihr Martyrium rekapitulierte und die Begegnungen mit dem brutalen Mob schilderte. „Was ich sah, war eine Kriegsszene. So etwa kann ich aus dem Mittleren Osten. Polizisten-Kollegen klagten am Boden. Sie bluteten.” Im Publikum saßen mehrere Cops, die damals im Einsatz waren. Einige kämpften mit den Tränen.
  • Als der Doku-Filmer Nick Quested Investigativ-Bilder zeigte, auf denen mit Henry Tarrio (Proud Boys) und Stewart Rhodes (Oath Keeper`s) am Tag der Tat in einer Washingtoner Tiefgarage die Bosse jener rechtsextremistischen Milizen in konspirativer Atmosphäre zu sehen waren, die in enger Abstimmung mit Trump-Vertrauten zu Dutzenden an der gewaltsamen Erstürmung des Kongresses beteiligt waren und nun wegen „aufrührerischer Verschwörung” mit langen Haftstrafen rechnen müssen.
  • Als Trumps älteste Tochter, Ivanka Trump, in ihrer Video-Vernehmung sagte, dass sie die Lagebeurteilung von Justizminister Barr (kein Wahlbetrug!) „akzeptiert”, weil sie ihn schätze. Ein massiver Affront gegen ihren Vater, der seinen ehemaligen Justizminister damals massiv anging, als feige bezeichnete, und bis heute öffentlich verfemt.

Der demokratische Ausschuss-Vorsitzenden Bennie Thompson, ein bedächtiger Schwarzer aus Mississippi, fokussierte seine Zusammenfassung über die binnen eines Jahres gewonnen Erkenntnisse von Beginn an klar auf Trump. „Er stand im Zentrum dieser Verschwörung. Die Gewalt war kein Zufall.” Thompson warnte, dass „die Verschwörung gegen den Willen des Volkes noch nicht vorbei ist” – ein Wink auf Trumps Wiederwahl-Ambitionen - und die demokratischen Prozesse in Amerika bei weitem noch nicht wetterfest genug seien.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.