Frontgebiet

Ukraine-Krieg: Eine Reise durch den umkämpften Donbass

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Selenskyj warnt vor "gewaltigen Angriffen" im Donbass und in Mariupol

Selenskyj warnt vor gewaltigen Angriffen im Donbass und in Mariupol

Mariupol und weitere Orte im Osten und Süden der Ukraine müssen sich nach Einschätzung von Präsident Wolodymyr Selenkyj auf noch heftigere Angriffe Russlands einstellen. Dass die russische Regierung angekündigt habe, die Angriffe auf Kiew und Tschernihiw im Norden des Landes zurückzufahren, sei "Teil ihrer Taktik", sagte Selenskyj in der Nacht zum Freitag.

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Kramatorsk.  Russlands Offensive im Donbass ist erbarmungslos. Wie geht es den Menschen vor Ort? Eine Reportage aus dem schwer umkämpften Gebiet.

Die Stadt empfängt uns mit Luftalarm. Aber der Einsatzpolizist an der Straßensperre schaut gelangweilt. Alarm gibt es hier reihenweise, jedes Mal, wenn feindliche Flieger oder Raketen in den noch ukrainisch kontrollierten Luftraum der Region Donezk eintreten. „Parole?“, fragt der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Ordnungshüter. „Leeres Gerede“, lautet die Antwort. Er nickt befriedigt. „Leeres Gerede“ ist eine erzukrainische Wendung, die kaum ein Russe kennt.

Die Schlacht um den Donbass ist im vollen Gang. Seit dem 18. April attackieren russische Truppen den ukrainischen Frontbogen zwischen Charkiw und Saporischschja mit dem erklärten Ziel, dort die Hauptstreitmacht der Ukrainer einzukesseln und zu vernichten. Schon verbreiten Russlands Staatsmedien Vorfreude auf einen großen Sieg. „Jeder zweite ukrainische Soldat mag nicht nach Hause zurückkehren“, prophezeit die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“. Allerdings veranstalten die Russen einen Zangenangriff mit der Ansage, die Ukrainer seien durchaus vorbereitet. Eine lange Abnutzungsschlacht zeichnet sich ab.

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In Kramatorsk sind viele Fenster mit Sperrholzplatten vernagelt. Auf dem leeren Platz vor dem geschlossenen Bahnhof stehen zwei Lada-Kleinwagen, der eine mit platten Reifen, der andere auf nackten Felgen. Es ist ein Platz geballter Leere, seit auf dem Bahnhof am 9. April zwei Totschka-U-Raketen einschlugen. Hunderte Flüchtlinge warteten dort auf den nächsten Evakuierungszug, 52 wurden getötet.

1,7 Millionen Ukrainer lebten noch vor dem Krieg im Donbass, jetzt sind es noch 400.000. Jelena Ksenschuk gehört zu denen, die bleiben. Die Biologielehrerin hat Haustiere der geflohenen Kramatorsker im Zoologiekabinett des Pionierhauses aufgenommen. Aquarien mit Zierfischen, Hamster, Chinchillas, eine ausgewachsene Python-Schlange. Oder Meerschweinchen. „Alka ist das Graue, Tschara das Schwarze“, steht auf einem Zettel am Käfiggitter.

Jelena weiß nicht, wie lange das Futter für ihre Schützlinge reicht, wann die Besitzer wiederkommen und wann ihre Schulkinder. „Ich wollte sie immer für die Tierwelt begeistern“, erzählt sie. „Jetzt bleibt mir nur die Hoffnung, dass den Tieren und mir nicht das Dach über dem Kopf zusammengeschossen wird.“ Auch interessant: Ist Transnistrien Putins nächstes Kriegsziel?

An der Hauptverkehrsstraße Richtung Süden hängt ein mit großen Buchstaben bemaltes Holzbrett über einem Straßenschild: „Leck uns am Arsch, russischer Soldat!“. Die Front bellt im Nordosten. „Ausgehendes Feuer, unsere Haubitzen“, erklärt Konstantin Batoski fachmännisch. Konstantin, Volontär und nebenher ein bekannter Kiewer Politologe, steuert unseren alten Toyota-Jeep. Der ist voll mit Hilfsgütern für die Truppe.

Es knallt wieder, fern, aber ungut, einige Sekunden später rumst ein Einschlag in die Wiesen südwestlich von uns, schwarzer Rauch steigt auf, noch ein Einschlag, noch eine Rauchfahne, feindliche Geschosse. Dann wird es wieder still.

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Die Russen haben mehr Raketenwerfer und Feuerkraft

Vor einer geschlossenen Tankstelle am Stadtrand wartet ein einsamer Mann in hellgrüner Montur, er trägt ein Sturmgewehr. Seinen Namen verrät er nicht. „Nennt mich ,Italiener 2014‘.“ Er sei Frontkommandeur und Veteran des Abwehrkampfes um den Donezker Flughafen 2014. Der Gott des Krieges beherrsche diese Schlacht, sagt der Italiener. Also die Artillerie. „Die Russen greifen nicht mit Panzern an, weil wir die in den Feldern abschießen, sie stürmen auch nicht mit Infanterie. Sie überschütten uns mit Geschossen“, sagt er. Sein Gesicht ist finsterer geworden. „Aber wir halten stand. Und wir werden kämpfen bis zum Letzten.“

Nach verschiedenen Angaben wehren sich 50.000 bis 120.000 Ukrainer gegen 120.000 bis 200.000 Russen. Die Russen haben mehr schwere Geschütze, mehr Raketenwerfer und Feuerkraft. Und die wird von gut funktionierenden Orlan-Aufklärungsdrohnen gelenkt, wie uns zwei junge ukrainische Luftüberwachungssoldaten erzählen, mit denen wir an einer anderen Tankstelle Kaffee trinken. „Zu behaupten, die Russen seien Deppen, ist ein Schuss ins eigene Knie.“ Lesen Sie auch: Wer liefert die Waffen gegen Putins Armee?

Die ukrainische Armee lebt von der Hand in den Mund

Konstantin hat in seinem Toyota Funkgeräte dabei, eine Quadrokopter-Drohne sowie 40 Schutzwesten. Die Kämpfer holen die Sachen mit einem weißen Kleintransporter ab, der die deutschsprachige Aufschrift trägt: „… alles für Bäcker und Konditoren“. Die Sergij-Pritula-Stiftung, für die Konstantin aktiv ist, und andere Hilfsorganisationen versuchen, die militärischen Mangelwaren mit Spendengeldern zu beschaffen. Auch in dieser Schlacht lebt die ukrainische Armee von der Hand in den Mund.

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Auf der Rückfahrt holpert ein Militärjeep vorbei, Richtung Kramatorsk, Richtung Front, danach ein VW-Bus, grün-bunt wie ein von Kindern bemaltes Osterei. Zwei schwere Laster mit schmutzig grauen Frachtcontainern folgen und sechs, sieben Pkw, die aussehen, als stammten sie von einem rumänischen Gebrauchtwagenmarkt. Eine ärmliche Kolonne, drinnen sitzen junge Soldaten mit Kalaschnikows. Aber sie schauen gelassen, einige sogar vergnügt. Sie haben noch keine Angst vor dem Gott des Krieges.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.