Kriegsgefangener

Ukraine nimmt Putin-Verbündeten fest: Wer ist Medwedtschuk?

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Ukraine-Krieg: Deutschland und Polen richten wegen Mariupol Appell an Putin

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Deutschland und Polen fordern Russlands Präsident Wladimir Putin auf, eine "sofortige humanitäre Evakuierung der Menschen" aus der von russischen Truppen belagerten ukrainischen Stadt Mariupol möglich zu machen. Das sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Besuch in Warschau an der Seite seines polnischen Kollegen Andrzej Duda.

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Berlin  Die Ukraine will den festgenommenen Medwedtschuk gegen andere Gefangene austauschen. Warum ist der Politiker für Putin so wichtig?

Die Ukraine bietet Russland nach der Festnahme des ukrainischen Politikers Wiktor Medwedtschuk einen Gefangenenaustausch an. Präsident Wolodymyr Selenskyj schlug am Dienstag in einer Videobotschaft vor, den Kriegsgefangenen für Ukrainer und Ukrainerinnen in russischer Gefangenschaft freizugeben.

Für Wladimir Putin könnte Medwedtschuks Schicksal von persönlicher Bedeutung sein. Der 67-Jährige ist ein langjähriger Freund und Vertrauter des russischen Präsidenten und gilt als einer der wichtigsten pro-rusisschen Politiker der Ukraine.

Auf aktuellen Fotos trägt Medwedtschuk Handschellen und eine ukrainische Uniform. Die Kleidung sollte offenbar als Tarnung dienen: Medwedtschuk war seit Kriegsbeginn auf der Flucht, nachdem er bereits zuvor unter Hausarrest gestanden hatte. Wer ist der Mann?

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Medwedtschuk: Oligarch, Politiker und Putin-Freund

Wiktor Medwedtschuk ist ein ukrainischer Oligarch und arbeitete lange als Anwalt. Politisch machte er sich aber als einer der wichtigsten pro-russischen Politiker der Ukraine einen Namen und vermittelte lange Zeit zwischen den beiden Ländern.

Der Großunternehmer Medwedtschuk gilt seit Jahren als Schlüsselfigur im Konflikt zwischen Moskau und Kiew. Medwedtschuk war außerdem einer der Parteivorsitzenden der größten ukrainischen Oppositionspartei. Seit Beginn des Krieges ist diese allerdings vorübergehend verboten.

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Über Jahrzehnte genoss Medwedtschuk einen großen Machteinfluss in der Ukraine: Anfang der 2000er arbeitete er eng mit dem damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma zusammen, anschließend war er einer der Gegner dessen Nachfolgers Wiktor Juschtschenko.

Im Zusammenhang mit Juschtschenkos Wahlsieg im Jahr 2005 begannen auch erstmals Ermittlungen gegen Medwedtschuk, damals wegen Machtmissbrauch und Geldwäsche. Verurteilt wurde er dafür allerdings nie.

Medwedtschuk: Putin ist der Patenonkel seiner Tochter

Zum russischen Präsidenten unterhält Medwedtschuk dabei mehr als nur politische Beziehungen: Der Geschäftsmann zählt den russischen Staatschef zu seinen persönlichen Freunden. Putin ist laut Medwedtschuk außerdem Patenonkel seiner Tochter, sie stammt aus Medwedtschuks dritter und aktueller Ehe.

Dem "Independent" zufolge begann die Freundschaft zwischen den beiden Männern im Jahr 2003. Medwedtschuk hatte dem Magazin 2018 ein Interview gegeben. Damals sollen die beiden gemerkt haben, dass sie eine ähnliche Weltansicht hätten.

Im Interview mit dem Magazin erklärt Medwedtschuk unter einem Augenzwinkern, er diskutiere oft mit Putin über die Ukraine. "Putin denkt, wir seien eine Nation", erklärte er über die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Medwedtschuk selbst beschreibt sie dagegen nicht als eine, sondern als zwei "brüderliche Nationen".

Medwedtschuk: Beziehungen zu Separatisten in der Ostukraine

Dennoch vertraten Medwedtschuks politische Projekte prorussische Positionen. Entsprechend vertiefte sich Medwedtschuk seit der Annexion der Krim 2014 immer mehr in der Politik der Ostukraine. Dabei nahm er erneut eine Vermittlerrolle ein, diesmal allerdings zwischen der Ukraine und den pro-russischen Separatisten.

Medwedtschuks eigenen Intentionen schienen dabei klar: Im Interview mit dem "Independent" erklärte er bereits 2018, er wolle Autonomie für die ostukrainischen Separatistenregionen Donezk und Luhansk. Außerdem gab Medwedtschuk zu, dass Russland die Separatisten mit Waffen beliefere. Das gleiche habe der Westen mit dem Rest der Ukraine gemacht, behauptete er.

Im Mai 2021 zog sich die Schlinge um Medwedtschuk schließlich zu: Er kam mit einer elektronischen Fußfessel unter Hausarrest. Der Vorwurf: politischer Hochverrat. Medwedtschuk soll militärische Geheimnisse der Ukraine an Moskau weitegegeben haben. Er selbst weist die Vorwürfe gegen ihn als politisch motiviert zurück.

Medwedtschuk verschwand nach dem russischen Angriff

Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar verschwand Medwedtschuk aus seinem Hausarrest und setzte sich ab. Am Dienstag teilte der ukrainische Geheimdienst SBU nun in Kiew mit, der Oligarch sei festgenommen worden.

Präsident Wolodymyr Selenskyj lobte den Erfolg der Agenten bei einer Spezialoperation in sozialen Medien. Der SBU war es auch, der die aktuellen Fotos des Kriegsgefangenen Medwedtschuk veröffentlichte.

Noch ist nicht klar, ob Russland auf das Angebot von Selenskyj reagieren wird. Putin schien im vergangenen Jahr verärgert auf das Vorgehen der Behörden gegen Medwedtschuk. Die aktuelle Festnahme allerdings wollte der Kreml bisher nicht kommentieren. (reba/afp/dpa)

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.