Ukraine-Krieg

Offensive im Osten? Ukrainer bereiten sich auf Angriff vor

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Furcht vor neuen russischen Offensiven im Osten und Süden der Ukraine

Furcht vor neuen russischen Offensiven im Osten und Süden der Ukraine

In der Ukraine wächst die Furcht vor neuen Offensiven Russlands im Süden und Osten des Landes. Laut der Nato strebt Russland die Einnahme des gesamten Donbass an, um einen Landkorridor von Russland zur annektierten Krim zu schaffen.

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Trostjanez.  Die ukrainische Armee hat die Stadt Trostjanez im Osten zurückerobert. Nun bereiten sich die Soldaten auf eine russische Offensive vor.

In ihrem zerfetzten Zustand sind sie stille Zeugen des ungeordneten Rückzugs der russischen Streitkräfte. Die schon rostfarbenen Skelette der Panzer, der Kettengeschütze und Truppentransporter versperren die Straße zwischen Sumy und Trostjanez, einer Stadt an der Grenze zu Russland im Nordosten der Ukraine.

„Die sind vom Abzug. Unsere Männer haben sie fahrunfähig gemacht“, erzählt Oleh, einer der Soldaten der Landesverteidigung, die an einem Checkpoint am Eingang der Stadt postiert sind. Er zeigt auf einen Panzerturm, der durch einen Treffer buchstäblich geköpft wurde. Am weiter entfernten Stadtausgang steht gleich ein Haufen aus 17 Panzern, die von einer Drohne identifiziert und von den ukrainischen Streitkräften zerstört wurden. „Wir haben sogar einen ihrer Generäle getötet!“, ruft ein Soldat neben Oleh. Nachdem ihn ebenfalls eine Drohne aufgespürt hatte, wurde sein Kommandofahrzeug durch den Einschlag in die Luft gesprengt.

Das 20.000 Einwohner zählende Trostjanez wurde von der 4. Panzerdivision „Kantemirow“ besetzt. Sie war ei­nen Tag nach dem Beginn des russischen Angriffs am 25. Februar einmarschiert und dröhnend durch die Stadt nördlich von Charkiw gezogen. Nachdem sie wenige Kilometer weiter von den ukrainischen Streitkräften zurückgeschlagen wurde, setzte sich die Division schließlich in Trostjanez fest und nahm das Umland von dort aus unter Beschuss.

Im gesamten Stadtzentrum scheint das Unterste nach oben gekehrt. Es zeugt von der Brutalität der Bombardierung. Um die improvisierten Schützengräben herum vermischen sich im Schlamm Munitionskisten, Raketen und leere Dosen aus der Feldverpflegung.

Erst kamen junge Soldaten, dann Separatisten aus Donezk

Der 24-jährige Soldat Tarass Kuschirow runzelt die Stirn, während er sich erinnert: „In der ersten Woche der Besatzung waren es nur junge russische Soldaten um die 19 Jahre alt. Sie wirkten ein bisschen verloren. Sie waren auf der Suche nach Essen, weil das Haltbarkeitsdatum ihrer Verpflegung bereits 2015 abgelaufen war. In der zweiten Woche war es anders. Da wurden die Jungen durch pro-russische Separatisten aus Donezk und dem Donbass ersetzt. Da war völliges Chaos.“ Die Neuankömmlinge – so Tarass – fühlten sich wie zu Hause. „Sie warfen die Menschen aus ihren Häusern, um selbst einzuziehen, sie belästigten die Einwohnerinnen und Einwohner, manche schlugen sie.“

Der Bahnhof ist etwas höher als das Stadtzentrum gelegen. Hier haben die Russen ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Vor dem rußgeschwärzten Gebäudeskelett ist eine Selbstfahrhaubitze Typ MSTA 152 mm liegen geblieben. Ein mit einem roten „Z“ besprühter Lastwagen wird von einer Mauer aus leeren Munitionskisten eingeschlossen. Die Bombardements haben die Züge im Bahnhof mit Splittern durchsiebt.

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„Die Russen haben unten geschlafen, aber man muss aufpassen. Vielleicht ist das Bahnhofsgebäude vermint“, warnt ein Einwohner. Eine Eisentreppe führt nach unten zu den Schlafsälen. Die Gerüste der Stockbetten sind voll mit zurückgelassenem Drahtgeflecht. An einer Schnur hängen noch Schuhe. Am Boden liegen Essensrationen neben Stiefeln auf einem Haufen. Die Räumlichkeiten dünsten Feuchtigkeit und Uringeruch aus. „Hier sind sie runter, wenn wir sie unter Beschuss genommen haben“, lacht Tarass.

Russland konzentriert sich auf den Osten und Süden der Ukraine

Ihm ist die Erleichterung anzumerken, dass die Russen weg sind. Doch er weiß – wie alle in der Stadt –, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Russland hatte sich zuletzt aus dem Raum Kiew und der Nordukraine zurückgezogen und angekündigt, sich auf den Osten und Süden des Landes konzentrieren zu wollen. Die ukrainische Regierung bereitet sich deshalb auf einen anstehenden Großangriff Russlands in der Region vor.

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Der ukrainische Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, schlug bereits Alarm. Er rief die Bevölkerung eindringlich zum Verlassen ostukrainischer Gebiete auf. „Diese paar Tage sind vielleicht die letzte Chance“, erklärte Gajdaj am Donnerstag auf Twitter. Nach seinen Angaben versuchen die russischen Streitkräfte derzeit, mögliche Fluchtrouten abzuschneiden. „Bitte gehen Sie!“, hatte der Gouverneur bereits am Mittwoch gefordert. Die ukrainischen Behörden wollten „kein zweites Mariupol“, fügte er mit Bezug auf die seit Wochen belagerte Hafenstadt hinzu.

In Trostjanez sind derweil die Spuren der Verwüstung durch den russischen Vormarsch zu besichtigen. In einer matschigen Straße, 500 Meter vom Bahnhof entfernt, erhebt sich das wirtschaftliche Wahrzeichen der Stadt. Im riesigen blauen Gebäude der Schokoladenfabrik, einer Niederlassung des amerikanischen Nahrungsmittelriesen Mondelez International, wurden für die Ukraine und andere Länder Schokolade, Kekse und Kaffee hergestellt.

Eine Einheit der Armee hat die ehemalige Fabrik übernommen. Tarass führt uns in die nächste Etage. „Hier ist das Büro, hier haben die Russen geschlafen.“ In der Dunkelheit, die nur durch das Licht aus den Telefonen erhellt wird, zeichnet sich überall komplettes Durcheinander ab, als wäre ein Hurrikan hindurchgefegt. Die gleichen Spuren von übermäßiger Eile wie am Bahnhof. Ein Durcheinander aus Helmen, Gasmasken, Stiefeln, Armeeparkas und in der Ecke liegenden Schlafsäcken. Auf einem Tisch liegen, neben einer Straßenkarte der Russischen Föderation, A4-Blätter, auf denen fett gedruckt „Minen“ steht.

Im Erdgeschoss läuft ein kleiner, energischer Mann herum. Er trägt eine schusssichere Weste, in der auf Brusthöhe eine Pistole steckt. Es ist der Bürgermeister von Trostjanez, der sich ein Bild von den Schäden macht. „Hier war das Waffenlager. Eine unserer Raketen oder eines unserer Geschosse hat es getroffen und alles in die Luft gejagt“, erzählt der Bürgermeister. In seinem Rücken sind Männer damit beschäftigt, aus einem Lagerraum leere Kisten für Grad-Raketen herauszuräumen. Auf die Frage, was sie damit machen werden, antworten sie: „Barrikaden errichten. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de