Ukraine-Krieg

Russlands Militär: So gefährlich sind Hyperschallraketen

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Das sind Flugverbotszonen

Das sind Flugverbotszonen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert die Nato auf, eine Flugverbotszone über der Ukraine einzurichten. Das muss man über Flugverbotszonen wissen.

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Berlin   Russland hat erstmals im Krieg gegen die Ukraine Hyperschallraketen eingesetzt. Wie funktionieren sie und wie gefährlich sind sie?

  • Russland setzt laut eigenen Angaben Hyperschallraketen gegen Ziele in der Ukraine ein
  • Treibstoff- und Munitionslager sollen mit "Kinschal"-Geschossen getroffen worden sein
  • Die Waffen sind hochmodern – und lassen ihren Gegnern kaum eine Chance

Russland setzt im Angriffskrieg gegen die Ukraine nach eigenen Angaben auch Hyperschallraketen ein. Zweimal sollen Ziele mit solchen Raketen beschossen worden sein, zuletzt ein Treibstofflager bei Mykolajiw. DieWaffen sind hochmodern und weisen einige Eigenschaften auf, die sie für die Streitkräfte der Gegenseite besonders gefährlich machen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Raketen.

Hyperschallraketen: Was sind das für Waffen? Warum sind sie so gefährlich?

Hyperschallraketen fliegen extrem schnell und in sehr großer Höhe. Die Nato schätzt, dass sie mit normaler Flug- und Raketenabwehr kaum abzufangen sind. Das liegt daran, dass sie zu schnell sind, als dass ihre Flugbahn von den Raketenabwehrsystemen noch rechtzeitig berechnet werden könnte. Das russische Modell trägt den Namen Ch-47M2 Kinschal ("Dolch") und ist rund acht Meter lang. Unter Nato-Ländern firmiert die russische Rakete unter dem Beinamen "AS-24 Killjoy" ("Spielverderber").

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Abfangjäger des Typs MiG-31 feuern die Rakete aus großer Höhe ab. Erst wenn sich die Rakete in sicherer Entfernung befindet, zündet das eigene Raketentriebwerk. Es trägt die "Kinschal" erst bis zu 20 Kilometer in die Höhe, wo die Rakete hohe Reibungstemperaturen aushalten muss, und dann hinab zum Ziel. Beim Start von einer MiG-31 hat das Waffensystem nach russischen Angaben eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern. Eine weitere Besonderheit: Die Lenkung der Rakete erfolgt wohl mit einem sogenannten Inertialen Navigationssystem und einem Satelliten-Navigationssystem. Lesen Sie auch: Putins letztes Mittel: Warnung vor nuklearen Granaten

Die Rakete kann ihre Flughöhe in der Atmosphäre verändern. Dadurch ist sie in der Lage, anderen Objekten auszuweichen und ihr tatsächliches Ziel erst kurz vor Ende des Fluges anzusteuern.

Wie schnell fliegen Hyperschallraketen?

Wladimir Putin stellte das aktuelle russische Modell erstmals im März 2018 öffentlich vor. Seinen Angaben zufolge erreicht die Kinschal-Rakete bis zu zehnfache Schallgeschwindigkeit, also mehr als 12.000 Kilometer pro Stunde. Selbst wenn sie nur mit halber Geschwindigkeit flöge, also mit 6000 Stundenkilometern, wäre sie doch je nach Startort zehn bis 30 Minuten nach Abschuss in einer europäischen Hauptstadt angelangt. Bislang war die Rakete nur in Übungsmanövern getestet worden – im Ukraine-Krieg kam sie zum ersten Mal unter realen Bedingungen zum Einsatz. Auch interessant: Ukraine-Krieg führt zu Mangel - Selbst Nägel werden knapp

Die Geschwindigkeit der Hyperschallrakete wird in der Einheit Mach angegeben, benannt nach dem österreichischen Physiker Ernst Mach. Sie gibt das Verhältnis der Geschwindigkeit zur Schallgeschwindigkeit an. Wenn ein Flugzeug genauso schnell unterwegs ist wie der Schall, ist es mit Mach 1 unterwegs. Ein besonderes Instrument im Flugzeug, das Machmeter, zeigt die Mach-Zahl an. Die "Kinschal" erreicht nach offiziellen Angaben bis zu Mach 10.

Kann eine Hyperschallrakete auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden?

Ja, das ist möglich. Bei ihrem Flug trägt die russische Super-Variante "Kinschal" bis zu 480 Kilogramm Sprengstoff oder auch einen nuklearen Sprengkopf. Denkbar ist: Damit könnte die Rakete wichtige Infrastruktur in Europa angreifen, zum Beispiel Flugplätze, schreibt die US-Denkfabrik "Center for Strategic and International Studies". Auch große Schiffe der Nato, die auf dem Atlantik unterwegs sind, könnten zum Ziel werden.

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Wo werden Hyperschallraketen eingesetzt?

Im russischen Krieg gegen die Ukraine hat Russland mit seiner Hyperschallrakete "Kinschal" nach eigenen Angaben ein Raketenarsenal im Gebiet Iwano-Frankwisk zerstört. Dabei habe es sich um ein unterirdisches Munitionsdepot der Ukraine in Deljatyn im Südwesten des Landes gehandelt. Es sei der erste Einsatz der "Kinschal" überhaupt gewesen. Lesen Sie mehr: Bundestag blamiert nach Selenskyj-Rede: "Absolut lächerlich"

Besitzt auch Deutschland solche Raketen?

In Deutschland wird an der Entwicklung von Hyperschallflugzeugen geforscht. Einsatzfähige Waffensysteme gibt es hierzulande aber wohl noch nicht. Im Jahr 2012 hat die Bundeswehr erfolgreich ein Hyperschallflugzeug getestet. Mehr zum Thema: Was ist eigentlich eine Flugverbotszone?

Berichten zufolge hat die Bundesregierung die finanziellen Mittel für das Projekt aber gestrichen. Allerdings gehen die Forschungen im Rahmen des europäischen ATLLAS II-Projekts indes weiter. Aus diesem Projekt soll ein Flugzeug entstehen, das bis zu einer Geschwindigkeit von Mach 5 bis 6 fliegen kann. Wie aus einem Bericht des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses hervorgeht, unterhält Deutschland drei Hyperschall-Windtunnel. Mit Geschwindigkeiten von bis zu Mach 11 kann dabei experimentiert werden. Auch interessant: Welche Länder zur Nato-Ostflanke gehören

Welche Länder forschen ebenfalls an Hyperschalltechnologie?

Andere Länder, die Hyperschallraketen besitzen, sind die USA und China. Nordkorea hat nach eigenen Angaben bereits ebenfalls Hyperschallraketen getestet. Indien und Frankreich haben mit Russland gemeinsam an Hyperschallraketen geforscht. Lesen Sie hier: Selenskyj im Bundestag: Das war seine erschütternde Rede

Auch Japan entwickelt Hyperschallraketen, die nach Informationen des US-Kongresses in einer ersten Version um 2026 einsatzbereit sein könnten. Laut einem Nato-Papier von 2020 forscht Australien an der Technologie. Teilweise geht es bei der Forschung auch um mögliche Abwehrmechanismen. Denn Stand jetzt haben die gängigen Abwehrsysteme den Hyperschallwaffen wenig entgegenzusetzen.

(mja/mit dpa/afp)

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de