Terroranschläge

Das Attentat von Utøya: „Ich dachte, ich sterbe jetzt“

Lesedauer: 5 Minuten
Massaker von Utöya: Eine Überlebende erinnert sich

Massaker von Utöya: Eine Überlebende erinnert sich

Am 22. Juli 2011 erschoss der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der kleinen Insel Utöya 69 Teilnehmer eines Jugendcamps, nachdem er in Oslo acht Menschen mit einer Bombe getötet hatte. Das Massaker hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Norweger eingegraben.

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Oslo.  Vor zehn Jahren tötete der Massenmörder Breivik in Oslo und auf Utøya 77 Menschen. Wie Überlebende versuchen, mit dem Trauma zu leben.

Es ist ein regnerischer Sommerabend, als auf der norwegischen Insel Utøya plötzlich Schüsse fallen. Jorid und ihre Freundin Miriam rennen um ihr Leben. Sie fliehen aus dem Zeltlager, wo ein Mann in Polizeiuniform auf ihre Freundinnen und Freunde schießt. „Ich war mir sicher und ich dachte, ich sterbe jetzt“, sagt Jorid Nordmellan heute. Die Erinnerungen an den 22. Juli 2011 hält die 30-Jährige gefangen: „Er schoss unseren Freunden, die sich noch rührten, ein weiteres Mal direkt in den Kopf, damit sie auch wirklich sterben“, sagt sie.

Genau zehn Jahre ist es her, dass Norwegen die schlimmste Gewalttat seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg erlebte. Der rechtsex­tremistische Terrorist Anders Behring Breivik zündete im Osloer Regierungsviertel eine selbst gebaute Bombe und tötete damit acht Menschen. Anschließend fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr jährliches Zeltlager veranstaltete. Voller Hass schoss er wahllos auf die Teilnehmer und tötete 69 überwiegend junge Menschen.

Breivik-Attentat: Viele haben schweres Traum

Jorid versucht, mit den Bildern zu leben. Wie sie mit ihrer Freundin Miriam durch den Wald zu den Schlafhütten rennt. Sie verbarrikadieren die Fenster mit Matratzen, verstecken sich unter den Betten und hören Breiviks Schritte vor der Tür. Jorid hält die Hand ihrer Freundin so fest, „dass es fast schmerzte“. Dann feuerte Breivik in die Hütte – und verschwand. „Das ständige Knallen wurde etwas leiser, dann wieder lauter, genauso wie die Todesschreie.“

Erst 60 Minuten nach den ersten Notrufen kommt die Polizei auf die Insel. Breivik ließ sich widerstandslos festnehmen, sitzt heute im Gefängnis. Miriam und Jorid werden aus dem Schlafsaal befreit, müssen an ihren blutüberströmten toten Freunden vorbei.

Das Massaker ist für die meisten Norweger auch zehn Jahre danach kaum zu ertragen. Viele leiden unter einem schweren Trauma, anderen war schon wenige Wochen danach die Berichterstattung zu Utøya zu viel.

„Vor Utøya liebte ich es zu lesen“

Jorid hat Hilfe bei einem Psychologen gesucht. „Aber nach einigen Sitzungen hatte ich das Gefühl, dass das nichts für mich ist. Ich wollte mich nicht zu sehr darin verlieren“, sagt sie. So vermied sie zunächst den Kontakt zu anderen Überlebenden und Selbsthilfegruppen. „Ich arbeitete viel, traf Freunde, die nichts mit dem Geschehen zu tun hatten, und studierte. Das half.“ Inzwischen ist sie in der Arbeiterpartei Norwegens aufgestiegen, ist Beraterin des sozialdemokratischen Vizeparteichefs.

Jorid schien anfangs alles gut zu verarbeiten. Wenige Wochen nach dem Massaker besuchte sie mit anderen Überlebenden die Insel – zur Traumabewältigung, beantwortete die Fragen der Presse. Doch so einfach war es dann doch nicht. Das Grauen hat sich eingebrannt. „Ich saß ein paar Wochen später im Wohnzimmer meiner Eltern. Im Fernseher lief ein Film, in dem Glas klirrte. Ich fiel einfach auf den Boden, kauerte mich zusammen und blieb liegen. Ich war gelähmt vor Angst. Mein Freund Lasse legte sich zu mir und umarmte mich so lange, bis ich wieder aufstehen konnte“, erzählt sie.

Auch Miriam, die damals erst 16 Jahre alt war, trägt schwer an den Erinnerungen. Der Anschlag sei der letzte Tag ihrer Kindheit gewesen, sagt sie. Sie leidet an Ängsten und Konzentrationsstörungen. Mit Mühe und umfangreicher psychologischer Hilfe schaffte die Tochter eines Feuerwehrmannes und einer Krankenschwester schließlich doch ihr Abitur und sogar den Bachelor in Krisenmanagement. „Vor Utøya liebte ich es zu lesen.“ Heute schaffe sie kein Buch am Stück, „weil meine Gedanken immer wieder abschweiften“. Mittlerweile ist sie Mitglied bei den Grünen und engagiert sich bei der norwegischen Vereinigung zur Unterstützung der Opfer des Breivik-Attentats. Ihre Art der Vergangenheitsbewältigung.

Utøya: Rückkehr ins normale Leben unmöglich

Freddy Lie hat auf der Insel seine 16-jährige Tochter Elisabeth verloren. Ihre Schwester Cathrine überlebte den Lungendurchschuss schwer verletzt. Gegen Mittag hatte Elisabeth ihn noch angerufen und geklagt, dass es regne, erinnert sich Lie. Als sie das nächste Mal anrief, schrie sie in Todesangst – dann riss die Verbindung ab. „Es gibt Tage, an denen ich mich verstecke, sodass die Leute nicht sehen, wie schlecht es mir geht“, sagt Lie – auch heute noch. Es sei nicht möglich, ins normale Leben zurückzukehren.

Nach einer neuen norwegischen Studie sind ein Drittel der Eltern, die Kinder auf der Insel verloren haben, nicht mehr arbeitsfähig.

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