Corona: Folgen nach Berchtesgaden die nächsten Lockdowns?

Berchtesgaden/Berlin.  In Berchtesgaden ist der nächste Lockdown in Kraft getreten. Auch anderswo gibt es Corona-Hotspots. Kommen dort auch neue Maßnahmen?

In Berchtesgarden ist erneut ein Lockdown in Kraft getreten.

In Berchtesgarden ist erneut ein Lockdown in Kraft getreten.

Foto: Lennart Preiss / Getty Images

Flüchtende Urlauber, geschlossene Hotels und Schulen, Ausgangssperre und Maskenpflicht: In Berchtesgaden hat am Dienstag der erste Lockdown in diesem Herbst begonnen. Die große Sorge: Könnten der Zwangspause im bayerischen Urlaubsparadies bald ähnliche Verbote in anderen Regionen folgen – oder im ganzen Land? Ist Berchtesgaden bald überall? Fragen und Antworten:

Wie läuft der Lockdown in Berchtesgaden?

Um 14 Uhr trat der Lockdown in Kraft, um 15 Uhr sprachen die Verantwort­lichen im Berchtesgadener Land per Videokonferenz zu ihren Bürgern. „Wir müssen da irgendwie durch“, sagte Schulrat Klaus Biersack. Denn vom Lockdown im Landkreis sind auch die Schulen und Kitas betroffen. Bis zur Jahrgangsstufe sechs werde es eine Notfallbetreuung geben. „Wir sind guter Dinge, dass wir am 9. November wieder mit dem Unterricht beginnen können.“

Alle Lockdown-Maßnahmen sollen zunächst 14 Tage wirken. Aber dazu müsse die Inzidenzzahl sinken. Die Sieben-Tage-Inzidenz stand am Dienstag im Landkreis bei 236, am Montag lag der Wert noch bei 272,8 und war damit bundesweit absolute Spitze. Die Zahl gibt an, wie viele Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gemeldet wurden.

Am Morgen hatte eine große Abreisewelle im Landkreis begonnen. Mehrere Hundert Touristen wurden zur Heimreise gezwungen. Die eh schon gebeutelten Hotellerie- und Gastronomiebetriebe protestierten. Während die Feriengäste die Koffer packten, nahmen es die Berchtesgadener eher gelassen. Viele gingen noch einmal einkaufen, deckten sich in Apotheken mit Masken, Desinfektionsmittel und Medikamenten ein. Denn das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur noch mit einem triftigen Grund erlaubt.

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Landrat Bernhard Kern bleibt vage, wenn er nach einem Infektionsherd gefragt wird. Bei der Nachverfolgung der Infektionsketten soll ab Mittwoch die Bundeswehr helfen.

Wie ist die Infektionslage in anderen Regionen Deutschlands?

Bis jetzt ist allein Berchtesgaden im temporären Lockdown. Doch auf der Landkarte tragen mittlerweile viele Städte und Kreise die dunkelrote Farbe, mit der das Robert-Koch-Institut (RKI) die Regionen markiert, in denen in den letzten sieben Tagen mehr als 100 neue Fälle pro 100.000 Einwohner registriert wurden. Insgesamt sind es laut RKI mit Stand Montagabend 20 Kreise, die diese Marke erreichen. Auf Berchtesgaden folgen Berlin-Neukölln, Cloppenburg in Niedersachsen und St. Wendel im Saarland. Seit Dienstag ist auch das komplette Ruhrgebiet Risikogebiet.

In den meisten betroffenen Kreisen handelt es sich dabei um ein „diffuses Geschehen“, schreibt das RKI. In einigen Fällen gebe es einen größeren Ausbruch, auf den sich die gestiegenen Zahlen zurückführen lassen. Zum Anstieg würden aber auch viele kleine Ausbrüche beitragen – in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Kitas, Schulen oder bei religiösen Veranstaltungen.

Es kann also fast überall passieren. Und es passiert: 6868 Neuinfektionen an einem Tag wurden zu Wochenbeginn registriert. Die wichtige Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, ist seit Monatsanfang wieder deutlich über die kritische Marke von eins gestiegen. In Kürze wird die Zahl der Corona-Toten im Land die 10.000er-Marke erreichen.

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Bereitet die Politik weitere Lockdowns vor?

Planspiele dazu gibt es. Kanzlerin Angela Merkel warnte vergangene Woche, die bisherigen Maßnahmen reichten wohl nicht aus, es drohe „Unheil“. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte am Dienstag ganz offen, ein landesweiter Lockdown könne drohen, wenn die Situation aus dem Ruder laufe. Auch sein bayerischer Kollege Markus Söder (CSU) glaubt, dieser Schritt rücke näher.

Noch sind Lockdowns umstritten. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier rechnet mit weiteren regionalen Beschränkungen. „Die Lage ist ernst, wir haben ein äußerst dynamisches Geschehen“, sagte der CDU-Vize unserer Redaktion. „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen die Corona-Regeln einhalten, weil wir damit gute Chancen haben, die Pandemie einzudämmen. Ich kann aber nicht ausschließen, dass es – je nach Infektionsgeschehen – zu weiteren Einschränkungen kommt.“

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Pankow, Sören Benn, fordert schon einen zeitlich begrenzten bundesweiten Lockdown. Dagegen warnte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer eindringlich davor, dass Berchtesgaden Schule macht. „Wir müssen alles dafür tun, lokal begrenzte Lockdowns und vor allem einen insgesamt flächendeckenden kompletten Lockdown zu vermeiden, denn jedweder Lockdown bremst auch unsere Handwerksbetriebe aus“, sagte er unserer Redaktion.

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Was sagen Gesundheitsexperten?

Lokale Lockdowns wie in Berchtesgaden werde man jetzt häufiger sehen, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach unserer Redaktion – auch in größeren Städten, wo das Infektionsgeschehen sich ebenfalls sehr dynamisch entwickelt. „Wir können nur reagieren durch lokale Shutdowns, insofern sind die auch angemessen“, erklärte Lauterbach.

Christian Drosten, Chef der Virologie an der Berliner Charité, hatte zuvor einen kurzzeitigen Lockdown etwa für die Herbst- oder Weihnachtsferien als Option bezeichnet, um die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Maßnahme möglichst gering zu halten.

Ist die Lage schon wieder so wie beim Lockdown im Frühjahr?

Ja und Nein. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen übersteigt inzwischen die Höchstwerte aus dem Frühjahr. Trotzdem ist die Lage heute anders. Es wird jetzt etwa dreimal so viel getestet wie im März oder April, die Testlabore sind viel besser aufgestellt. Ein Teil der hohen Zahlen hat einfach damit zu tun, dass durch mehr Tests auch mehr Fälle entdeckt werden.

Aber: Auch die positive Testrate steigt – also der Anteil der Corona-Nachweise bei getesteten Personen, der sich innerhalb von drei Wochen auf 2,5 Prozent verdreifacht hat. Die Welle rollt also. Virologen beunruhigt noch etwas anderes: Im Frühjahr war Corona vor allem auf Hotspots konzentriert – jetzt verbreitet sich das Virus immer mehr über das ganze Land, was die Bekämpfung der Pandemie erschwert.

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