Corona-Krise: Riskiert Trump Tote, um Wirtschaft zu retten?

Washington.  Donald Trump will Restriktionen im Alltag bald zurückdrehen. Experten befürchten: Die Folge könnten hunderttausende Infizierte sein.

Trump vorerst gegen US-weite Ausgangsbeschränkungen in Corona-Krise

Immer mehr US-Bundesstaaten erlassen im Kapnf gegen die Coronvirus-Pandemie weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Entsprechende bundesweite Maßnahmen lehnt Präsident Donald Trump zum jetzigen Zeitpunkt ab.

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Die Zahl der Corona-Infizierten (inzwischen rund 46.000, Stand Dienstagnachmittag) und -Toten (rund 600) steigt in den USA weiter rasant an. Wissenschaftler und Mediziner erwarten den Höhepunkt der Epidemie erst in einigen Monaten und drängen auf noch schärfere Maßnahmen, um die Ansteckungsraten zu senken. Dagegen denkt US-Präsident Donald Trump bereits gegen den Strich. Er bereitet die Lockerung von Einschränkungen vor, die den Wirtschaftskreislauf Amerikas unterbrechen.

„Amerika wird schon sehr bald wieder offen sein für Geschäfte”, sagte Trump am Montagabend im Weißen Haus. Eher in Wochen denn in „drei oder vier Monaten”, wie dies vereinzelt vorhergesagt worden sei, müsse normales Leben zurückkehren und der Wirtschaft, die durch massenweise Schließungen und zunehmende Entlassungen akut bedroht ist, die Chance zur zügigen Erholung gegeben werden.

Aus Trumps Sicht sei die Wirtschaftsmacht Amerika „nicht gemacht, um stillgelegt zu werden”. Geschähe dies, würden vermutlich mehr Tote zu beklagen sein als durch den „unsichtbaren Feind” – das Coronavrius.

Donald Trump und das Coronavirus: Seine eigenen Experten widersprechen

Dass seine eigenen medizinisch-wissenschaftlichen Experten um den Epidemiologen Dr. Anthony Fauci ein zu frühes antizyklisches Vorgehen für hochriskant bis unverantwortlich halten, nimmt der Präsident zur Kenntnis. „Wenn es nach den Ärzten ginge, würden sie vielleicht sagen: Lasst uns die ganze Welt abschotten.” Der US-Präsident verharmloste lange die Corona-Krise. Mittlerweile nennt sich Donald Trump „Präsident in Kriegszeiten“.

Trump deutete zwischen den Zeilen an, dass seine Kehrtwende, die bereits in der kommenden Woche eingeläutet werden könnte, einer eigenwilligen Kosten-Nutzen-Abwägung folgt. Danach stürben am Coronavirus bisher deutlich weniger Menschen in den USA als zunächst befürchtet oder an den Folgen einer herkömmlichen Grippe, wo in diesem Jahr mit 50.000 Toten zu rechnen sei.

In der Corona-Krise über Monate ein flächendeckendes Stillstands-Szenario aufrechtzuerhalten, hält Trump darum für unverhältnismäßig. „Wir können nicht erlauben, dass die Heilung schlimmer ist als das Problem”, sagte er.

Trump sagt: „Wirtschaft wichtiger als einige tausend Tote“

„Mit anderen Worten”, so kommentierten Gesundheitsexperten, „sagt Trump: Die Wirtschaft ist mir wichtiger als einige tausend Tote.” Tom Inglesby, der Direktor des Zentrum für Gesundheitssicherheit der Johns Hopkins Universität in Baltimore, geht einen Schritt weiter.

Nur verschärfte Unterbindung sozialer Kontakte, wie das in China, Südkorea oder Taiwan praktiziert worden sei, könnten einen Coronavirus-Flächenbrand in den Vereinigten Staaten verhindern, sagt Inglesby und warnt: „Jeder, der das Ende des sozialen Abstandhaltens propagiert, muss umfassend begreifen, wie das Land aussieht, wenn wir das tun. Das Virus würde sich breitflächig, rasant und schrecklich verbreiten, potenziell Millionen im kommenden Jahr töten mit riesigen sozialen und ökonomischen Folgen überall in Amerika.”

Die gegensätzliche Denkschule, der zunehmend auch Trump angehört? Der Präsident der regionalen Notenbank „Fed” in St. Louis, James Bullard, hatte die Warnung abgegeben, dass die Arbeitslosenquote in den USA bis Juni auf bis zu 30 % steigen könnte, wenn das „soziale Abstandhalten” bis dahin an breiter Front fortgesetzt würde. Experten mehrerer Banken rechnen mit zwei Millionen bis drei Millionen Menschen, die bis zum Frühsommer ihre Jobs verlieren. Trotz Milliarden Rettungsprogramm droht den USA eine schlimme Rezession, die Börsenkurse brachen ein.

Warnung: Ohne Kontaktsperren kollabiert Gesundheitssystem in wenigen Tagen

In den vergangenen Tagen hatten konservative Wirtschaftswissenschaftler und republikanische Kongress-Abgeordnete massiv bei Trump dafür geworben, bei der Bekämpfung der Corona-Krise nach Schema F vorzugehen und sich die Agenda von Medizinern diktieren zu lassen. Starke Einschränkungen in den „Hotspots” New York, Los Angeles und im Großraum Seattle seien nachvollziehbar, so das Argument von Steven Moore und Art Laffer. Da, wo nur geringe Infiziertenzahlen zu verzeichnen seien, etwa in Bundesstaaten des Mittleren Westens, sollte jüngeren, weniger gefährdeten Menschen dagegen zügig wieder der Gang zur Arbeit ermöglicht werden.

Anthony Fauci wie auch der oberste Gesundheitsbeamte der USA, „surgeon general” Jerome Adams, haben sich nach Medienberichten intern deutlich anders akzentuiert geäußert. Schon heute sei das Gesundheitswesen bis an die Belastungsgrenze angespannt, ist ihre These. Wenn man Einschränkungen zur Verminderung der Ansteckungsgefahren seitens der Regierung zurückdreht, werde dies zur Unzeit als Signal der Entwarnung verstanden. Mit der Folge, dass sich noch mehr Menschen infizieren.

Wenn davon nur fünf bis zehn Prozent ernsthafte Krankenhausfälle würden, kollabiere das System binnen weniger Tage. Weil elementare Dinge wie Beatmungsgeräte nicht in ausreichendem Zahl vorhanden sind, sei dann der Tod vieler Patienten programmiert.

Coronavirus in den USA: Anfang April könnte die Zahl der Infizierten sechsstellig sein

Ausgerechnet ein enger Vertrauter Trumps, der republikanische Senator Lindsey Graham aus South Carolina, sieht das ähnlich. „Du kannst keine funktionierende Wirtschaft haben, wenn die Hospitäler überrannt werden”, sagte Graham und ließ Sympathie für die Empfehlungen Faucis durchscheinen.

Hintergrund: Wie die USA und Deutschland um einen Impfstoff kämpfen

Der Chef-Virologe des Nationalen Gesundheitsinstituts hatte noch am Sonntag die Amerikaner darauf einzustimmen versucht, noch viele Wochen mit starken Einschränkungen des öffentlichen Leben rechnen zu müssen. Nur so könne die Ansteckungskurve getreu des Mottos „flatten the curve” abgeflacht werden. Im Umfeld des Präsidenten scheint sich eine Mehrheit herauszubilden, die der Wirtschaft höhere Priorität einräumt. Fauci fehlte am Montagabend bei der Pressekonferenz mit Trump.

Zufall? Der Präsident sagte, er lege viel Wert auf das Urteil des 79-Jährigen, der bald wieder mit von der Partie sein werde. „Aber am Ende muss ich die Entscheidungen treffen.” Wann das sein kann? Am 30. März endet die von Trump willkürlich angeordnete 15-tägige Notfallperiode, in der Heimarbeit und der Verzicht auf soziale Kontakte offizielle Regierungspolitik war. Danach soll Bilanz gezogen werden. Anfang April, so haben Epidemiologen anhand der Steigerungswerte vorgerechnet, wird die Zahl der Corona-Infizierten in den USA voraussichtlich sechsstellig sein – weltweit einzigartig.

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