Wie gefährlich Martin Schulz der Kanzlerin werden kann

Berlin  Mit Martin Schulz erwächst Angela Merkel ein echter Konkurrent. Doch wofür steht Schulz? Seine Stärke ist gleichzeitig seine Schwäche.

Wird es ein Duell auf Augenhöhe? Martin Schulz will als SPD-Kanzlerkandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern.

Wird es ein Duell auf Augenhöhe? Martin Schulz will als SPD-Kanzlerkandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern.

Foto: Olivier Hoslet / dpa

„Er hat die besseren Chancen“, konstatierte Sigmar Gabriel knapp, als der Noch-SPD-Chef am Dienstagabend gefragt wurde, warum er Martin Schulz den Vortritt lässt bei der Kanzlerkandidatur. Die Umfragen, in denen Schulz meist deutlich besser abschneidet als Gabriel, scheinen diese Einschätzung zu stützen.

Doch liegt Gabriel mit seiner Analyse richtig? Hat Schulz, der Mann aus Würselen in NRW, wirklich das Zeug dazu, Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Bundestagswahl im September herauszufordern? Der Spitzenkandidaten-Check.

• Der Unbelastete. Martin Schulz (61) kommt von außen in das „Raumschiff Berlin“. Das verschafft ihm eine gewisse Beinfreiheit. Anders als Gabriel, der die letzten drei Jahre unter Kanzlerin Merkel als Minister diente, kann somit der Neue die Regierungschefin im Wahlkampf attackieren, ohne direkt Glaubwürdigkeitsprobleme zu bekommen.

Gleichzeitig kennt er die Kanzlerin bestens aus ungezählten Gipfelrunden in Brüssel; er weiß, wie sie tickt und taktiert. Er weiß auch, wo Merkels Schwachstellen liegen. Ein Vorteil für Schulz.

Schulz kündigt Wahlkampf um soziale Gerechtigkeit an
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• Der Unbekannte. Zwar kennen die deutschen Wähler Martin Schulz aus den Medien, wo er als EU-Parlamentspräsident beinahe so präsent war wie Merkel. In der europäischen Flüchtlingspolitik hat sich der SPD-Mann klar positioniert, er ist eher auf Merkels „Wir schaffen das“-Kurs. Doch innenpolitisch ist Schulz in Deutschland bisher weitgehend eine Leerstelle.

Bei wichtigen Themen wie Steuern, Rente, Innere Sicherheit muss sich der Neuzugang aus Brüssel erst noch positionieren. Das geht nicht mal ebenso mit einer Rede, und acht Monate – Sommerpause inklusive – bis zum Wahltag am 24. September sind eine kurze Spanne für eine nachhaltige Profilierung. Schulz muss jeden Tag bis zur Wahl nutzen. Angela Merkel, die „Sie kennen mich“-Kanzlerin, kann sich das (vorerst) entspannt ansehen.

• Der Parteisoldat. Martin Schulz ist ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat. Er hat in der SPD die klassische Ochsentour absolviert, vom Stadtrat in Würselen bis zum Chef des Europaparlaments. Das verleiht ihm jenen „Stallgeruch“, der in der SPD immer noch so wichtig ist. Und das hilft Schulz – anders als beim vorigen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück – dabei, die Partei hinter sich zu versammeln.

Schulz, obwohl neu im Berliner Polit-Betrieb, ist zudem bestens vernetzt in der Bundes-SPD, er hat auch aus Brüssel immer den Kontakt gehalten. Vieles spricht also dafür, dass er im Wahlkampf auf die geschlossene Gefolgschaft der SPD setzen kann. Hier könnte im Wahlkampf gegen Merkel ein Vorteil für Schulz liegen – hat die Kanzlerin doch mit reichlich Querschüssen aus den eigenen Reihen zu leben, nicht nur von der CSU.

• Der Authentische. Auch politische Gegner gestehen dem Sozialdemokraten Schulz ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu. So gesehen, stellt er den totalen Widerpart zum sprunghaften und unberechenbaren Sigmar Gabriel dar. Schulz verstellt sich nicht. Doch hängt ihm auch das Image des Langweilers an, er verkörpert für manche das Bild vom bräsigen Brüsseler Bürokratie-Apparat.

Schulz’ Erfolgsaussichten als Kanzlerkandidat werden auch davon abhängen, ob er dieses Image abschütteln kann – eine schwierige Gratwanderung für einen, der die europäische Idee lebt wie kaum ein zweiter Politiker.

• Der Wahlkämpfer. Martin Schulz ist ein guter, aber kein begnadeter Redner. Er kann sicher einen SPD-Parteitag mitreißen, ob er aber jene Wähler neu begeistern kann, die der SPD in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben, muss sich erst zeigen. Anders als etwa Gerhard Schröder, der bislang letzte Wahlsieger der SPD im Bund, wird Schulz es nicht leicht haben, Wähler in der Mitte für die Sozialdemokratie zu gewinnen. In der Mitte ist die Kanzlerin schwer zu schlagen.

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Und der Überdruss an Merkel nach zwölf Jahren Kanzlerschaft entlädt sich derzeit eher Richtung AfD oder Nichtwähler als Richtung SPD. Gleichwohl: Merkels Amtsbonus wiegt immer noch schwer.

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