Gerhard Schröder: Neuer Ex-Kanzler-Podcast – er lobt Merkel

Hannover/Berlin.  Christian Drosten bekommt Konkurrenz. Altkanzler Gerhard Schröder startet seinen eigenen Podcast – und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (r, SPD), sitzt mit Bela Anda, seinem früheren Regierungssprecher, in seiner Anwaltskanzlei bei der Aufzeichnung seines Podcasts mit dem Titel „Gerhard Schröder – Die Agenda". D

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (r, SPD), sitzt mit Bela Anda, seinem früheren Regierungssprecher, in seiner Anwaltskanzlei bei der Aufzeichnung seines Podcasts mit dem Titel „Gerhard Schröder – Die Agenda". D

Foto: --- / dpa

  • Gerhard Schröder hat jetzt einen Podcast – acht Folgen sind geplant
  • Einmal wöchentlich äußert sich der Altkanzler zu verschiedenen Themen, die ihn bewegen
  • In der ersten Folge sprach Schröder unter anderem über die Corona-Politik der Bundesregierung – und lobte Angela Merkel und Markus Söder

Was macht Gerhard Schröder – der letzte noch lebende Altkanzler, Multi-Aufsichtsrat und globaler Handlungsreisender in eigener Sache, wenn er nicht mehr fliegen darf und wochenlang in seiner geliebten Provinzhauptstadt Hannover festsitzt? Einen Podcast.

Mitten in der Corona-Pandemie hat sich Gerhard Schröder dazu entschlossen, einmal wöchentlich seine Sicht auf die Lage der Nation kundzutun. Was Virologe Christian Drosten als Chef-Erklärer in seinem populären NDR-Podcast vormacht, kann der frühere „Genosse der Bosse“ und Instinktpolitiker Schröder schon lange. Der Titel? „Die Agenda“. Damit jeder Zuhörer nicht vergisst, wer vor 15 Jahren den Arbeitsmarkt reformierte.

Kleiner Vorgeschmack aus der ersten von zunächst acht geplanten 30-Minuten-Folgen gefällig? An diesem Dienstag hat der Schröder-Podcast bei Spotify, Apple Podcasts & Co. Premiere. Die Deutsche Presse-Agentur und unsere Redaktion durften vorab reinhören:

Gerhard Schröders Podcast: Aus den Lautsprechern röhrt der vertraute Schröder-Bass

Aus den Lautsprechern dröhnt der vertraute, rauchige Bass des Alphatiers. Aus seinem Büro in Hannover verteilt Schröder erst einmal Lob an seine Nachfolgerin. „Die Bundeskanzlerin hat einen guten Job gemacht.“ Deutschland sei alles in allem gut durch die Krise gekommen, das „verdammt teure“ Gesundheitssystem sei sein Geld wert.

Schröder wäre nicht Schröder, wenn er jener Frau, die ihn 2005 nach sieben Jahren aus dem Kanzleramt warf, nicht noch einen mitgeben würde. Angela Merkel habe in der Corona-Zeit ja gelegentlich versucht, mit einem Basta die Ministerpräsidenten einzunorden, sagt „Mister Basta“, dessen Machtworte und Alleingänge zu aktiven Berliner Zeiten bei Freund und Feind gefürchtet waren. „Wenn Sie mich angerufen hätte, hätte ich gesagt, bleiben Sie da vorsichtig.“

Für Helmut Kohl seien die Landeschefs zwar nur „Zaunkönige“ gewesen – aber manchmal würden die MPs eben beißen. Merkel bekam das bei Corona mehrfach zu spüren. Zuletzt tanzte Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow aus der Reihe.

Schröder gibt aber auch eigene Fehleinschätzungen zu. Er habe gedacht, der Föderalismus, das Zusammenspiel von Bund und Ländern, werde in der Pandemie vor die Wand fahren. „Das war ein Irrtum.“ Von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der ein „political animal“ sei, ist Schröder hörbar angetan. „Er macht einen strammen Job, sehr professionell.“ Kann der CSU-Chef auch Kanzler?

Gerhard Schröder über Söder: „Wer in Ländern reüssiert, ist noch kein König in Berlin“

Da röhrt Genosse Schröder, der einst am Zaun des Kanzleramts rüttelte und es 1998 tatsächlich rein schaffte, mit Wonne: „Berlin ist ein verdammt hartes Pflaster. Jeder, der in den Ländern reüssiert, ist noch lang kein König in Berlin.“ Chuzpe und Popularität in der Heimat allein würden nicht reichen.

An der Mission Kanzler seien schon ganz andere Kaliber wie Franz-Josef Strauß oder Johannes Rau gescheitert. Und wen soll die SPD ins Rennen schicken? Schröder macht sich seit langem für Olaf Scholz stark. Der Finanzminister sei „zeitweise ein bisschen fixiert auf die schwarze Null“ gewesen. Doch dann habe Scholz im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise die „Bazooka“ herausgeholt.

Hintergrund: Wie Olaf Scholz bei Anne Will überzeugt hat

So launig geht es weiter. Als Sidekick und Stichwortgeber agiert sein früherer Regierungssprecher Bela Anda. Der Ex-“Bild“-Vize, der heute eine eigene Kommunikationsagentur leitet, hatte gemeinsam mit seiner Frau, einer erfahrenen Hörfunk-Produzentin, die Idee, mit Schröder die Podcast-Welle zu reiten.

Schröder langweilt sich ein bisschen – Tennis und Golf fehlen ihm

Es wird in den nächsten Wochen nicht nur um Corona gehen. Auch Kunst und Kultur will Schröder beackern. Wie man aus dessen Umfeld zuletzt hören konnte, war dem Machtmenschen ohne Termine und Reisen ein bisschen langweilig. „Die Arbeit fehlt mir“, gibt der 76-Jährige im Gespräch zu. Er habe zwar viel gelesen (Florian Illies und eine Churchill-Biografie). Der politisch verordnete Verzicht auf Sport fiel ihm schwer.

„Tennis und Golf, die ja angeblich von den Wohlhabenden gespielt werden. Was ja auch nicht immer stimmt, beispielsweise in meinem Falle.“ Das ist natürlich augenzwinkernd stark untertrieben. Seit Schröder auf Wunsch seines Duz-Freundes Wladimir Putin in verschiedenen Aufsichtsräten russischer Öl- und Gasgiganten Karriere gemacht hat und sein Bundeskanzler-Netzwerk spielen lässt, muss sich der Sozialdemokrat um den schnöden Mammon nicht mehr sorgen.

Kritik an der Freundschaft mit dem „lupenreinen Demokraten“ lässt Schröder gewohnt gallig abtropfen. Der ukrainische Botschafter, der ihn als „Top-Lobbyisten“ des russischen Präsidenten attackierte? Für Schröder, der die Episode ungefragt einwirft, ein „Zwerg“.

Schröders neue Ehefrau näht in Hannover Corona-Masken

Im Podcast gewährt Schröder auch ein paar Einblicke ins Privatleben. Seit der Hochzeit mit seiner fünften Frau, Soyeon Schröder-Kim, hat der Ex-Kanzler neben Hannover und Berlin in Seoul seinen dritten Wohnsitz. Die Mega-Metropole habe ihn anfangs erschreckt, jetzt vermisse er die Streifzüge durch die südkoreanische Hauptstadt.

Seine Gattin ist dafür zuhause in Hannover in die Mund-Nasen-Masken-Produktion eingestiegen. Schröder trug schon Maske, da war die deutschlandweite Pflicht noch lange nicht in Sicht. „Tu dem anderen nicht weh“, laute eine koreanische Redensart, erzählt er.

Die Deutschen zeigten bei Corona erfreulich viel Disziplin und Verantwortung füreinander. „Alles in allem kann man ganz froh sein, in Deutschland zu leben.“ Jetzt, wo es eng werde, zeige sich, wie wertvoll ein starker Sozialstaat sei. Schröder freut sich, dass Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen, Ärzte und Brummi-Fahrer Respekt erhalten – „die so genannten Kleinen, die ja häufig die Großen sind“, wie er es beschreibt.

Aluhüte und Verschwörungsdemos? Für Schröder sind das „Idioten“

Aber was ist mit den anderen, die bei Corona-Demos mitlaufen und glauben, Pharmakonzerne, Regierung, Bill Gates und die WHO steckten hinter der Pandemie? „Idioten gab’s immer. Damit werden wir leben müssen.“ Verschwörungstheorien seien Ausdruck einer hilflosen Bewältigung von Angst. Schröder macht es anders. Der Altkanzler therapiert seine Beschäftigungslosigkeit mit einem Podcast. Der bietet zwar weniger Infos als die Corona-Sprechstunde von Professor Drosten – dafür aber Politik-Junkies eine volle Dröhnung „Gerd-Show“.

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