„Maischberger“: Altmaier angeklagt – und schuldig gesprochen

Berlin.  Sandra Maischberger und ihre Gäste debattierten hitzig den Klimawandel. Wirtschaftsminister Altmaier irritierte mit seinen Aussagen.

Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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  • Sandra Maischberger diskutierte am Mittwoch mit ihren Gästen über den Klimawandel
  • Im Fokus stand dabei die Frage, inwieweit Deutschland für diesen (mit)verantwortlich ist
  • Wirtschaftsminister Peter Altmaier irritierte dabei mit seinen Aussagen

Auch wenn die Corona-Krise derzeit nahezu alles überschattet, ist die Klimakatastrophe die größerer Herausforderung unserer Zeit. Daran erinnerte am Mittwochabend die Talkshow „Maischberger. Das Thema“ .

Wer trägt die Verantwortung für die Klimakrise ? Könnte ein Industrieland wie Deutschland für den Schaden, den es anrichtet, strafrechtlich belangt werden? Diese Fragen stellte der ARD-Film „Ökozid“. Lesen Sie dazu : „Ökozid“: ARD zeigt Justiz-Thriller über Klimakatastrophe

„Maischberger. Das Thema“: Wie realistisch ist ein „Ökozid“?

Direkt im Anschluss stellte Sandra Maischberger das Szenario des Spielfilms zur Debatte und diskutierte die Hauptfragen des Films unter anderem mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und „Fridays For Future“-Aktivistin Luisa Neubauer . Auch interessant: Demo trotz Corona: so meldete sich Fridays for Future zurück

Während der ehemalige Staatspräsident der Malediven, Mohamed Nasheed, einen sogenannten Ökozid als realistisches Szenario klar bestätigte, setzte Sandra Maischberger den Fokus ihrer Debatte hauptsächlich auf eine inländische Debatte. Der Kohleausstieg sowie ein Strukturwandel in der Autoindustrie wurden zu den Streitthemen der Sendung. Lesen Sie auch: Hitzewellen im Meer lösen Massensterben bei Seevögeln aus

Unter dem Titel „Die Klimakrise – Deutschland auf der Anklagebank“ diskutierte Sandra Maischberger am 18. November 2020 mit folgenden Gästen:

„Maischberger. Das Thema“ – Das waren die Gäste:

  • Edgar Selge – Schauspieler; Hauptdarsteller „Ökozid“
  • Peter Altmaier (CDU) – Bundeswirtschaftsminister
  • Luisa Neubauer – Klimaschutzaktivistin
  • Mohamed Nasheed – ehemalige Staatspräsident der Malediven
  • Maja Göpel – Politökonomin und Autorin
  • Stefan Wolf – designierter Gesamtmetall-Chef

Ökozid: Peter Altmaier weist Verantwortung der Industrieländer zurück

Wer trägt die Verantwortung am Klimawandel ? In Vertretung für die betroffenen Länder, deren Existenz schon jetzt durch ein sich veränderndes Klima bedroht wird, sprach Mohamed Nasheed, ehemaliger Staatspräsident der Malediven, eine Anklage: „Wir sind nicht diejenigen, die schuld sind, dass wir so viel Geld dafür ausgeben müssen und andere wichtige Dinge nicht tun können.“ Auch interessant: Klimawandel: „Erde sendet wohl ihr letztes Alarmsignal“

Schuld hätten Industrieländer wie Deutschland . Nasheed erklärte: „Es gibt einen Ökozid, wir werden vergiftet von anderen und es muss eine Möglichkeit geben, damit vor Gericht zu ziehen.“ Gemeinsam mit anderen Staaten verfolgten die Malediven laut Mohamed Nasheed das Ziel, wegen eines Ökozids vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier reagierte zurückweisend auf die Worte des Ex-Staatspräsidenten der Malediven: „Um das mal deutlich zu sagen: Wir sind alle verantwortlich, jeder einzelne Mensch und der, der bewirken kann wie ein Politiker, besonders.“

„Maischberger“: Altmaier irritiert mit Aussagen – Luisa Neubauer verärgert

Die Kategorie einer Straftat bei einem Völkermord sei nach Peter Altmaier enger zu fassen, laut des Bundeswirtschaftsministers genau so: „Wenn man Krieg macht und Menschen umbringt.“ Als Mitglied der Bundesregierung habe Altmaier beispielsweise in Indonesien für den Aufbau erneuerbarer Energien geworben – jedoch ohne Erfolg.

Mit seiner Schlussfolgerung zu dieser Niederlage irritierte Altmaier Teile der Talkrunde sichtlich. Luisa Neubauer runzelte die Stirn und schaute ungläubig drein als Peter Altmaier rhetorisch fragte: „Hätten wir jetzt die Bundeswehr schicken sollen, um dort einzumarschieren und die Kohlekraftwerke am Neubau zu hindern?“ Jedes Land müsse laut Altmaier für sich in die Verantwortung genommen werden, um den Klimawandel zu verhindern.

Luisa Neubauer: „Klimakrise made in Germany“

Luisa Neubauer wollte die Aussagen des Bundeswirtschaftsministers nicht so stehen lassen und pochte im Anschluss darauf, dass die Frage nach der Hauptverantwortung der Klimakrise naturwissenschaftlich durch die Erhebung der weltweiten Emissionen bereits geklärt sei. „In diesem Zuge könnte man sagen: Klimakrise made in Germany“, stellte Neubauer fest. Lesen Sie auch: Stirbt der internationale Klimaschutz am Coronavirus?

Und auch politisch gebe es bereits eine Antwort: „Die Frage nach der Verantwortung wurde bereits geklärt, mit dem Pariser Klimaabkommen .“ Luisa Neubauer verwies darauf, dass Peter Altmaier dafür sogar auf demokratischem Wege sogar abgestimmt habe.

„Maischberger“: Maja Göpel sieht schnellen Kohleausstieg als notwendig an

Um diesen Dialog aufzubrechen holte Moderatorin Sandra Maischberger an dieser Stelle Ökonomin Maja Göpel in die Diskussion. Als Beraterin der Bundesregierung und Transformationsforscherin bilde sie eine „neutrale Instanz“.

Aus ökonomisch-wissenschaftlicher Sicht widersprach auch sie Peter Altmaier. Studien kämen immer wieder zu dem Ergebnis, dass das technisch sinnvolle und damit notwendige Handeln in der Klimakrise über dem ökonomischen Kalkül stehen müsse.

Das Argument, ein früher Kohleausstieg würde Deutschland als Industrienation schwächen, wollte Göpel nicht gelten lassen. „Preise sind immer politisch“, stellte die Ökonomin fest. Mit entsprechenden Maßnahmen würden Investitionen im Land sich verändern und damit nicht unbedingt den Klimawandel verhindern. Maja Göpel erklärte: „Wir müssen endlich das Narrativ verlassen, dass das eine das andere verhindert.“

Kohleausstieg: Altmaier verteidigt „sachte Herangehensweise“

Peter Altmaier verwies beim Thema Kohleausstieg noch einmal auf den Verlust vieler Arbeitsplätze , die eine sachte Herangehensweise an einen Ausstieg aus der Kohle rechtfertigen würden. „Diese Menschen können ja nichts dafür. Es ist ihre Zukunft.“

Klimaaktivistin der „Fridays For Future“ -Bewegung, Luisa Neubauer, widersprach: „Ich glaube, dass man sich entscheiden muss, ob man es machen möchte, oder ob man Ausreden findet, es nicht zu tun.“ Langfristiges Denken sei beim Kohleausstieg die einzig nachhaltige Strategie, um Arbeitsplätze zu sichern: „Es geht ja nicht nur darum, ob die Menschen in diesem Augenblick einen Arbeitsplatz haben.“

Was macht die Autoindustrie? Stefan Wolf gelangt ins Kreuzfeuer

Neben der Politik stand am Mittwochabend bei „Maischberger“ noch die Industrie als Klimasünder am Pranger. „Warum sind Sie so spät dran?“, lautete die Frage an Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf . Mit dem Versuch, mit ausweichenden Antworten zu reagieren, geriet Wolf ins Kreuzfeuer von Moderatorin Sandra Maischberger. „Da sind Fehler gemacht worden in der Vergangenheit“, so Stefan Wolf. „Warum haben Sie das so anders beurteilt? Die Erkenntnisse waren ja da“, hakte Maischberger nach.

Wolf erklärte daraufhin, man müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und nun in die Zukunft schauen. Nach mehrmaligem Nachfragen Maischbergers und weiteren leeren Antworten verwies Wolf schließlich auf fehlende Ladestationen für Elektroautos – und lenkte damit endgültig von der Frage ab.

Luisa Neubauer spielte dies in die Karten. Sie sah sich in ihrer These bestätigt: In Politik und Industrie gebe es hehre Ziele nach außen und nach innen werde blockiert. So versuche die Industrie beispielsweise Abkommen zur Eindämmung der Klimakrise zugunsten von Wettbewerbsverschiebungen zu beeinflussen.

Ökonomin bei „Maischberger“: Der Autoindustrie fehlt klare Strategie

Ökonomin Maja Göbel vertrat auch die Meinung, der Autoindustrie fehle eine klare Strategie. Sie forderte, nicht weiter nur von „die Industrie“ zu sprechen, sondern zwischen den verschiedenen Bereichen der Industrie zu differenzieren, die den Klimawandel beeinflussen könnten, und konkrete Problemlösungen zu schaffen.

Peter Altmaier sah die Problematik aus einem ganz anderen Winkel. Seiner Ansicht nach seien die Menschen vor allem an Wohlstand interessiert. Seine Forderung: „Wir müssen zeigen, dass Wohlstand und Klimaschutz gemeinsam funktionieren.“ Der Einfluss der Politik auf das Handeln der Autoindustrie sei nur marginal: „Der Staat kann die Wirtschaft nicht steuern. Der Staat kann nur Anreize setzen.“

Ökonomin Maja Göpel appelliert an Peter Altmaier

Sandra Maischberger hatte die Sendung bereits für beendet erklärt als Ökonomin Maja Göpel sich unbedingt noch kurz mit einem Satz äußern wollte. Mit einem emotionalen Schlussplädoyer trat sie deutlich aus ihrer Rolle als „neutrale Instanz“ und wandte sich direkt an den Bundeswirtschaftsminister: „Herr Altmaier, Sie können nicht behaupten, dass heute die Politik nicht die Wirtschaft in eine Richtung drängt.“

Göpel forderte: „Wir sollten die Richtung ändern! Denn im Moment drängt sie in Richtung Externalisierung ökologischer Kosten, wachsende Ungleichheit und Finanzialisierung unserer Gesellschaft – nichts davon hilft uns, die Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft zu erreichen.“

Altmaier auf der Anklagebank: Schuldig gesprochen für leere Worte

Mit einem klugen Schachzug eroberte sich Maja Göpel mit ihrem Schlussplädoyer die letzten Worte der Sendung, die bei den Zuschauerinnen und Zuschauern vor den Bildschirmen damit auch den bleibendsten Eindruck hinterlassen könnten.

Das Plädoyer der Ökonomin machte außerdem noch einmal deutlich: An diesem Abend saßen bei „Maischberger“ stellvertretend für Deutschland besonders zwei Menschen auf der Anklagebank: Peter Altmaier und Stefan Wolf. Wie im zuvor gezeigten ARD-Spielfilm wurden auch sie schuldig gesprochen – für leere Worte und für falsches Handeln in der Vergangenheit.

In den letzten Wochen bei Maischberger:

Donald Trump macht die US-Wahl zu einem nicht enden wollenden Drama. Bei „Maischberger“ schloss eine US-Expertin sogar einen Putsch gegen Joe Biden nicht aus . Atemnot und neurologische Probleme: Eine Corona-Patientin sprach in der vorigen Folge „Maischberger“ über beängstigende Langzeitfolgen: „Maischberger“: Corona-Patientin hat wochenlang Haarausfall. In der Woche vorher erklärte Sahra Wagenknecht, warum sie der Corona-Warn-App nicht traut. Dafür erntete sie Kritik von Frank Thelen.

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