Ernährung

Tödliches Virus: Warum Freiland-Eier knapp werden könnten

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Küken-Schreddern ist ab 2022 verboten

Küken-Schreddern ist ab 2022 verboten

Das Töten männlicher Küken ist ab dem 1. Januar 2022 verboten. Der Bundestag beschloss eine Änderung des Tierschutzgesetzes, die dem Schreddern oder Ersticken männlicher Eintagsküken beendet.

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Berlin.  Was für den Menschen Corona ist, das ist für Hühner die Geflügelpest. Das Virus grassiert. 400.000 Tiere mussten schon getötet werden.

Ob Wildenten, Schwäne oder Möwen – in diesen Wochen werden in Deutschland immer wieder tote Wildvögel gefunden. Oft in Küstennähe von Nord- und Ostsee, aber auch in Bayern oder Thüringen. Verendet an der Geflügelpest – einer fast immer tödlich verlaufenden Viruserkrankung für Vögel.

Die gute Nachricht: Das aktuell kursierende H5N1-Virus, das sich seit einigen Monaten in Europa verbreitet, ist für Menschen ungefährlich. „Es gibt keinen Hinweis, dass sich ein Mensch damit angesteckt hat“, sagt Elke Reinking, Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit.

Die schlechte Nachricht: Das Virus wird durch Wildvögel auf Geflügel übertragen – und hat schon zu 53 Ausbrüchen in Geflügelbetrieben und in zwei Tierparks in Greifswald und im Saarland geführt. „Insgesamt mussten in den vergangenen Monaten schon rund 400.000 Tiere in Deutschland getötet werden“, berichtet der Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke, unserer Redaktion.

Tödlicher Virus für Geflügel: 30 Millionen Euro Schaden erwartet

„Die Viruswelle wird sich voraussichtlich so schlimm wie im vergangenen Jahr entwickeln, als eine Million Tiere – vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – gekeult werden mussten“, meint der Verbandschef. „Wie im Vorjahr erwarten wir einen Schaden für die Geflügelwirtschaft von rund 30 Millionen Euro.“

Die Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts sind überzeugt, „dass diese Geflügelpestwelle noch stärker wüten wird als die von 2020/2021“. Die Geflügelpest kursiert seit Monaten bereits in vielen europäischen Ländern – von Finnland, Dänemark über Frankreich, Portugal bis nach Griechenland und Bulgarien.

„Täglich tauchen neue Fälle auf“, so die FLI-Sprecherin. Verbreitet wird das Virus von Wildvögeln und hier insbesondere von Wasservogelarten während des Vogelzugs, sodass die Epidemie vor allem in Wassernähe grassiert – an Meeren, Flüssen und Seen. Ursprünglich stammt das Virus aus Südostasien.

Geflügelpest-Virus überträgt sich über Kot und Kadaver

Die Vögel verenden meistens nach mehrtägiger Infektion apathisch, bekommen Fieber und nehmen keine Nahrung mehr zu sich. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über Ausscheidungen wie den Kot und die Kadaver, die von anderen Tieren verspeist werden. So wurde das Virus auch in Aasfressern wie Eulen, Raben und vereinzelt auch bei Rotfüchsen oder Fischottern entdeckt.

Das Geflügelpestvirus ist ein Grippevirus – und wie beim Menschen ein Erreger, der sich ständig verändert. Mit einem Unterschied: Es gibt bislang noch keinen geeigneten Impfstoff. Um die massenhaften Tötungen zu verhindern, fordert der ZDG-Chef, endlich einen geeigneten Impfstoff zu entwickeln.

Wirtschaft fordert Entwicklung eines Impfstoffs gegen Virus

„Eine Impfung ist bei den jedes Jahr wiederkehrenden Seuchengängen die erfolgversprechendste Methode im Kampf gegen das Virus. Die Bundesregierung sollte dringend Forschungsmittel zur Verfügung stellen, damit schnell ein Vakzin entwickelt werden kann.“

Es müsse ein markierter Impfstoff sein, damit erkrankte und geimpfte Tiere voneinander unterschieden und auch als Lebensmittel gehandelt werden könnten, so Ripke.

Die Folgen der behördlich angeordneten Zwangskeulungen haben sich auch auf die Preise ausgewirkt. „Die Gänsebraten waren schon zu Weihnachten pro Kilo ein bis zwei Euro teurer als im Vorjahr“, berichtet Mechthild Cloppenburg, Geflügel- und Eier-Expertin der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Die Eierpreise in Bodenhaltung haben sich in den vergangenen vier Wochen leicht um zwei Cent auf 1,90 Euro pro Zehnerpackung erhöht.

Geflügelwirtschaft warnt: Freiland-Eier könnten knapp werden

„Die Versorgung mit Fleisch und Eiern werden wir momentan noch sicherstellen können“, sagt Ripke. „Aber es kann sein, dass Freilandeier knapp werden.“ So wird Hühnern, die in einem vom Geflügelpestvirus bedrohten Gebiet im Freien laufen, eine Stallpflicht verordnet. Dauert diese länger als 16 Wochen, dürfen ihre gelegten Eier nur noch als Eier aus Bodenhaltung verkauft werden, erläutert der ZDG-Präsident.

Anders verhält es sich bei Biohühnern. Für diese gelte diese Wochenfrist nicht, sondern eine „praxisnähere Vorgabe, die sich nicht auf wenige Wochen, sondern auf ein Drittel ihrer Lebenszeit bezieht“, sagt Ripke. „Politisch ist hier eine Angleichung erforderlich.“ Damit Freiland- und Biohennen in dieser Beziehung gleich behandelt werden können, müsse auch EU-Recht angepasst werden.

Geflügelpest: Bricht das Virus aus müssen alle Tiere im Stall getötet werden

Bricht das Virus in einem Stall aus, wird die Tötung aller Tiere staatlich angeordnet, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Aus dem betroffenen Stall gelangt kein Fleisch und gelangen auch keine Eier in den Handel, erklärt die FLI-Sprecherin das Prozedere.

Die betroffenen Bauern erhalten etwa 80 bis 90 Prozent des entstandenen wirtschaftlichen Schadens von der Tierseuchenkasse erstattet. Dennoch rechnet der Präsident der Geflügelwirtschaft damit, dass vor allem Putenhalter, die immer wieder von dem Virus betroffen werden, ihre Geschäfte aufgeben müssen oder wollen. So seien aktuell in Niedersachsen die Beiträge in die Tierseuchenkasse pro Pute von 40 Cent auf einen Euro gestiegen.

„Für viele lohnt sich das Geschäft nicht mehr, weil zusätzlich noch die hohen Futterkosten zu Verlusten führen“, sagt Ripke. Besonders bitter sei dies auch, weil dadurch die Eigenversorgung mit Geflügelfleisch sinke. Der Selbstversorgungsgrad liege bei Putenfleisch bei 80 Prozent, bei Hähnchen bei rund 95 Prozent und bei Eiern bei 70 Prozent. „Wenn das Höfesterben so weitergeht, wird der Import steigen müssen“, meint Ripke. „Import bedeutet aber auch weniger Tierschutz und weniger Lebensmittelsicherheit im Hygienebereich.“