Tourismus-Wirtschaft fordert Milliardenhilfe vom Bund

Berlin.  Die Tourismus-Branche schlägt Alarm: In der Corona-Krise stünden 100.000 Betriebe vor dem Aus. Der Staat soll Milliarden locker machen.

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Deutschland lockert ab Samstag die Corona-bedingten Grenzkontrollen. Bis Mitte Juni soll es wieder freien Reiseverkehr in der EU geben.

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Hotels, Restaurants und Cafés dürfen langsam wieder öffnen, doch der Flugverkehr bleibt eingeschränkt, Kreuzfahrtschiffe liegen an der Kette und Reisebusse stehen auf dem Hof: Die Tourismusbranche leidet massiv unter den Folgen der Corona-Pandemie. Bis mindestens 2021 erwartet der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) geringere Auslastungen.

Dadurch seien 100.000 Betriebe mit mehr als 1,2 Millionen Arbeitsplätzen akut gefährdet. Eine Studie des Verbands, die unserer Redaktion vorab vorliegt, fordert einen milliardenschweren Rettungsfonds.

Corona-Krise: Tourismusbranche will Milliarden-Hilfe vom Bund

Dabei setzt die Branche insbesondere auf direkte und nicht rückzahlbare Zuschüsse. Mit Kreditprogrammen allein sei der Tourismuswirtschaft nicht geholfen. Diese führten „bei den allermeisten Unternehmen in die Überschuldung“, warnt BTW-Präsident Michael Frenzel im Gespräch mit unserer Redaktion.

Nach seinen Angaben fehlten allein in diesem Jahr Umsätze von mehr als 100 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr erlöste die Branche 265 Milliarden Euro. Unterm Strich bedeutet das für die Betriebe Verluste von mindestens 16 Milliarden Euro. Im schlimmsten Fall könnten es 40 Milliarden Euro sein. Ein Rettungsfonds müsse nun dabei helfen, die Folgen der Krise abzufedern.

Rettung eines Arbeitsplatzes kostet bis zu 13.000 Euro

Zur Rettung eines Arbeitsplatzes müsse der Bund für 40 Prozent der Verluste aufkommen, die Rede ist von 5000 und 13.000 Euro pro Stelle. Diese Zahlen gehen aus einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Consult) hervor, die im Auftrag des BTW erstellt worden ist.

Die Studienautoren sehen die Tourismusbranche als „Härtefall wegen der überdurchschnittlich frühen, tiefen und langen Einschnitte“. Bislang hätten sich viele Unternehmen mit Rücklagen und den schnell zur Verfügung gestellten Hilfen über Wasser halten können. Allein bis Ende April hatte die staatliche KfW-Bank in 3000 Fällen Hilfskredite über 648 Millionen Euro zugesagt.

Doch die Reserven schwinden und die Umsatzausfälle betragen zurzeit je nach Sparte bis zu 100 Prozent. Hotellerie und Gastronomie etwa müssten noch lange mit angezogener Handbremse wirtschaften – die Rückkehr zum Vorkrisenniveau dürfte mindestens 18 Monate dauern.

Branche braucht vor allem Lösungen für kleine Betriebe

Die IW-Studie schlägt daher den Rettungsfonds als weitergehende Hilfe vor, um Unternehmen je nach Entwicklung gezielt unterstützen. Der von der Bundesregierung geplante Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) wird dabei als ungeeignet für die Tourismusbranche betrachtet: Dieser richtet sich vor allem an größere Unternehmen.

97 Prozent der Touristikbetriebe beschäftigten aber weniger als 20 Mitarbeiter. Die Steuererleichterungen für die Branche – die reduzierte Umsatzsteuer von sieben Prozent auf Speisen – sieht die Studie als sinnvolle Hilfe für das Gastgewerbe.

Verband fordert klare Kommunikation von der Politik

Wichtig sei zudem eine klare und europaweit abgestimmte Kommunikation der Politik. Die Unternehmen seien bereit, umfangreiche Maßnahmen bei Abstands- und Hygieneregeln umzusetzen. „Wenn überall die gleichen wirksamen Regeln greifen, ist das Reisegeschehen auch nicht mehr mit Risiko behaftet und Reisebeschränkungen können aufgehoben werden“, heißt es in der Studie. Spanien etwa hat überraschend eine Quarantänepflicht für Reisende angeordnet.

Der Tourismus gilt als wichtiger Beschäftigungsmotor mit fast 3,1 Millionen Arbeitsplätzen. Das sind 6,7 Prozent aller Jobs in Deutschland. Im Gastgewerbe waren im April laut Verband rund 90 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit.

Erste Rettungspakete stehen bereits

Einzelne Rettungspakete für die Branche sind bereits auf den Weg gebracht worden. Deutschlands größter Reisekonzern Tui erhält bis zu 1,8 Milliarden Euro Hilfskredite, auch der Ferienflieger Condor profitiert bereits von höheren Kreditlinien. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will für die notleidende Busbranche bis zu 170 Millionen Euro bereitstellen, um eine Pleitewelle zu verhindern.

Über ein bis zu neun Milliarden Euro schweres Rettungsprogramm für die Lufthansa wird derzeit noch verhandelt. Die Deutsche Bahn erhält bis zu elf Milliarden Euro.

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