Recycling

Bioplastik: Darum ist es nicht immer besser für die Umwelt

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Videografik: Wie Kunststoffe die Umwelt belasten

Videografik- Wie Kunststoffe die Umwelt belasten

Der Bundestag hat am ein Verbot von leichten Plastiktüten beschlossen. Mit der Neuregelung des Verpackungsgesetzes will die Bundesregierung den Verbrauch der Tüten weiter reduzieren. Denn Kunststoffe belasten die Umwelt schwer.

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Berlin.  Tüten, Flaschen, Kaffeekapseln – im Handel gibt es vermehrt „grüne“ Kunststoffe. Doch mitunter ist das mehr Marketing als Umweltschutz.

Die Plastiktüte ist seit Beginn des Jahres passé. Wer umweltfreundlich einkaufen will, nimmt Mehrwegbeutel oder Obstnetz mit. Auch die Wirtschaft versucht den Trend zu mehr Nachhaltigkeit mitzugehen. Sie setzt verstärkt auf Bioplastik – von der „kompostierbaren Kaffeekapsel“ bis zur PET-Flasche aus nachwachsenden Rohstoffen.

Bioplastik klingt umweltfreundlich – nach einer Verpackung, die in den Biomüll gehört. Nach Einweggeschirr, das nach dem Picknick im Park bleiben kann. Was bio ist, verrottet ja − so denken viele und so wird es auf vielen Produkten angedeutet.

Die Hoffnung, mit dem vermeintlich nachhaltigen Plastik etwas Gutes zu tun, ist groß. Müllentsorger und Umweltschutzorganisationen kritisieren das Marketing mit Biokunststoffen hingegen als Greenwashing. Bislang könnten die Materialien ihre grünen Versprechen kaum einlösen. Ihr Potenzial für den Umweltschutz bestreiten aber auch die Kritiker nicht.

Bioplastik: Markt mit reycelten Kunststoffen wächst

Der Markt für Biokunststoffe wächst seit Jahren. Europa ist mit derzeit rund 380.000 Tonnen der weltweit zweitgrößte Produzent nach Asien. Im Vergleich zu etwa 62 Millionen Tonnen herkömmlichem Plastik, das in Europa jährlich hergestellt wird, erscheint das wenig. Doch die Produktion könnte sich bis 2024 mehr als verdoppeln, pro­gnostiziert das Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe an der Hochschule Hannover.

In Deutschland ist die Förderung von Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen sowie recycelten Kunststoffen seit 2019 mit dem Verpackungsgesetz sogar vorgeschrieben. Das kommt Bioplastik allerdings nicht pauschal zugute, denn „der Begriff ist nicht eindeutig definiert“, sagt Laura Griestop, Referentin für Wirtschaft und Märkte bei der Umweltschutzorganisation WWF. „Derzeit gibt es drei verschiedene Formen, und jede davon muss man differenziert betrachten. Pauschale Aussagen zur Nachhaltigkeit sind kaum möglich“, sagt sie.

  • Erstens gibt es Biokunststoff, der wie herkömmliches Plastik auf Erdöl basiert, aber biologisch abbaubar ist.
  • Zweitens gibt es sogenannte biobasierte Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden und auch biologisch abbaubar sind.
  • Und drittens gibt es biobasierte Kunststoffe, die nicht biologisch abbaubar sind.

Biologisch abbaubar bedeutet hier, dass Mikroorganismen die Stoffe wieder in ihre elementaren Bestandteile wie CO2 und Sauerstoff zerlegen können. Herkömmliches Plastik zerfällt in der Umwelt hingegen über Jahrzehnte in immer kleinere Bestandteile, deren Einfluss auf Ökosysteme bislang nur wenig erforscht sind. Lesen Sie auch: Regional, Bio, Plastik: Drei Nachhaltigkeits-Mythen im Check

Bioplastik nicht immer recycling-fähig

Die meisten biologisch abbaubaren Kunststoffe werden aktuell als Verpackungsmaterial verwendet, für Einwegkaffeekapseln, Besteck oder Geschirr – Wegwerfprodukte, die sich auflösen sollen. „Man kann sie also nicht recyceln und in einen Kreislauf überführen, das ist Ressourcenverschwendung – egal, ob die Rohstoffe aus nachwachsenden oder fossilen Quellen stammen“, sagt Michael Jedelhauser, Referent für Kreislaufwirtschaft beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Hinzu komme, dass die abbaubaren Kunststoffe häufig falsch entsorgt und damit zu einem zusätzlichen Problem für die Umwelt würden. Denn fast alle Produkte aus Biokunststoff gehören in den gelben Sack und nicht in die Biotonne. Gelangen sie in eine Kompostieranlage, wo der natürliche Zersetzungsprozess industriell beschleunigt wird, brauchen Biokunststoffe meist länger als der übrige Müll und landen schließlich als Versatzstücke auf Äckern, wo der Kompost als Dünger dienen soll. Auch so leiste das Bioplastik keinen sinnvollen Beitrag, kritisiert der Nabu.

Zu geringe Mengen für eigenen Recyclingweg

Aber auch die nicht abbaubaren Biokunststoffe sind „in der Aufbereitung schwierig“, sagt Andreas Bruckschen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). Zwar würden Bioplastikverpackungen wie alle anderen für den gelben Sack lizenziert. „Es gibt aber bisher noch keinen eigenständigen Verwertungsweg. Die Mengen sind momentan noch zu gering, um für diese Gruppe eigene Recyclingmöglichkeiten zu schaffen“, so Bruckschen.

Die Entsorger würden daran arbeiten, die Möglichkeiten zu verbessern, aber es brauche noch mehr Forschung, um die Verwertung dieser Materialien zu verbessern und sie in den Anlagen besser aufspüren und sortieren zu können. Auch interessant: Studie: Wie gefährlich sind nachhaltige Trinkhalme?

Mais und Zucker: Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen

Funktionieren würde das bereits bei sogenannten Drop-in-Biokunststoffen wie Bio-PET, das etwa für Flaschen verwendet werde, sagt WWF-Expertin Griestop. Diese bestehen oft anteilig aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais und Zucker, ihre chemische Struktur ist jedoch identisch mit der herkömmlicher Kunststoffe. Damit können sie auch recycelt werden.

„Die Recyclingfähigkeit sollte im Vordergrund stehen, damit wir endlich weniger Ressourcen verbrauchen“, sagt Griestop. Zwar werde auch bei einer hohen Recyclingquote Neumaterial gebraucht, da es innerhalb des Kreislaufs immer Materialverlust gebe, dieses solle aber dann vorzugsweise aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. „Und dabei ist wiederum wichtig, dass wir wissen, woher die Rohstoffe kommen und dass diese nachhaltig gewonnen wurden.“ Nur so könnten auch Biokunststoffe einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.

Wie sollte der ideale Kunststoff aussehen?

Nabu-Experte Jedelhauser sieht Chancen auch in bioabbaubaren Kunststoffen. „Beispielsweise bei Anwendungen mit hohem Risiko, dass der Kunststoff in der Natur landet.“ Etwa Mulchfolien in der Landwirtschaft oder auch Feuerwerkskörper.

„Hier wären Produkte sinnvoll, die sich unter den tatsächlichen Umweltbedingungen vollständig und zügig abbauen und somit die Umwelt nicht langfristig belasten“, sagt Jedelhauser. „Das Optimum wäre ein Kunststoff, den man immer wieder recyceln kann, der sich aber in der Natur trotzdem schnell abbaut. Das gibt es aber noch nicht.“

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