Ernährung

Nahrungsergänzungsmittel: Wie sinnvoll sie wirklich sind

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Nahrungsergänzungsmittel: Es kommt auf die Dosierung an!

Nahrungsergänzungsmittel- Es kommt auf die Dosierung an!

Nahrungsergänzungsmittel: Es kommt auf die Dosierung an! Hier ein Pillchen, da ein paar Säftchen – der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Für jeden Mangel gibt es mittlerweile ein Präparat. Das Problem daran: Viele Menschen denken, sie tun sich etwas Gutes, haben aber gar keinen Mangel an Vitaminen und Co.

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Berlin.  Nahrungsergänzungsmittel sind in Deutschland beliebt. Doch wie sinnvoll Vitamin D und andere Vitaminpillen sind, ist stark umstritten.

Das Gedächtnis lässt nach und es fällt schwer, nachts ein- oder durchzuschlafen. Im Alter oder bei Stress läuft es bei vielen Menschen gesundheitlich nicht mehr rund. Viele Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) machen sich das zunutze. Diverse Pillen, Sprays oder Tropfen versprechen eine Linderung.

„Vitamin D3 beugt dem Absterben von Gehirnzellen vor“, lautet zum Beispiel die Botschaft eines Anbieters. Die passenden Kapseln gegen den Verfall bietet er für 14,90 Euro pro Packung an. Ein anderes Unternehmen preist eine Mischung verschiedener Extrakte als „Gedächtnis- und Konzentrationsformel“ an. Rosmarin, Pantothensäure, Kurkuma und weitere Zutaten sollen Gehirnzellen schützen. 40 Euro kosten 60 Kapseln.

Steigender Umsatz mit Nahrungsergänzungsmittel

Die zum Teil hohen Preise schrecken Kundinnen und Kunden anscheinend nicht ab. Die Sorge der Menschen vor Mangelerscheinungen hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Iqvia IMS stiegen die Apothekenumsätze in Deutschland damit in den letzten Jahren um jährlich fast sechs Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Verkäufe in Drogeriemärkten, Reformhäusern oder im Internet-Handel.

Im Pandemie-Jahr 2020 zogen die Verkäufe weiter an. „Etwa ein Drittel der Erwachsenen greift regelmäßig zu NEM, wobei Vitamin- und Mineralstoffpräparate besonders beliebt sind“, erklärt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Werbung weckt falsche Erwartungen

Menschen im fortgeschrittenen Alter gehören zu den wichtigsten Zielgruppen der Anbieter. Doch viele Hoffnungen, die in der Werbung geweckt werden, halten einer realistischen Betrachtung nicht stand. „Die Werbeaussagen beziehen sich oft gar nicht auf die hervorgehobenen Inhaltsstoffe“, erläutert Angela Clausen, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Werbung betone „Schmuckzutaten“, da diese bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern bestimmte Erwartungen weckten.

So steht etwa auf einer Verpackung groß der Name der Heilpflanze Ginkgo, die Beschreibung der Wirkung aber bezieht sich auf die beigefügten Vitamine. Die Kunden erwarten dann oft, dass das Präparat vor allem Ginkgo enthält, was nicht der Fall ist. „Es gilt, genau auf diese Werbeaussagen zu achten“, sagt Clausen.

Weil Nahrungsergänzungsmittel meist in Form von Tabletten, Dragees oder als Pulver angeboten werden, gelten sie vielen Nutzern als Arzneimittel, die bei der Heilung von Krankheiten helfen sollen. Das aber ist ein Irrglaube. NEM sind keine Arznei-, sondern Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung zu ergänzen.

Fehlende Kontrolle der Nahrungsergänzungsmittel

Anders als Arzneimittel, die ein Zulassungsverfahren durchlaufen, unterliegen sie nur einer Registrierungspflicht beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Für die Sicherheit der Produkte sind die Hersteller verantwortlich, die Kontrolle ist Aufgabe der Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder.

Zwar gibt es eine Positivliste für Vitamine und Mineralstoffe in der EU, in der aufgelistet ist, welche Stoffe verwendet werden dürfen, doch für andere Zutaten gibt es keine festen Regeln. Das müsse sich ändern, findet Verbraucherschützerin Clausen. „Wir fordern eine Positivliste für alle Zutaten mit ernährungsspezifischer Wirkung, insbesondere für Pflanzenstoffe“, sagt sie.

Zweifelhafter Nutzen

Wie sinnvoll NEM sind, ist umstritten. Bei einer ausgewogenen Auswahl an Lebensmitteln, etwa viel Obst und Gemüse, und ausreichend viel Bewegung treten Mangelerscheinungen in der Regel nicht auf. „Generell reichen die Nährstoffe der Lebensmittel bei einer abwechslungsreichen Ernährung aus“, stellt Clausen fest. „Auf der anderen Seite“, erklärt das BfR, „kann eine unausgewogene Ernährungsweise nicht durch Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden.“

Daten über die Nährstoffzufuhr in Deutschland deuten nach BfR-Angaben darauf hin, dass nur wenige Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin D, Calcium, Folsäure und Jod von manchen Bevölkerungsgruppen nicht entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aufgenommen werden.

„Dies ist jedoch nicht generell mit einer Unterversorgung oder gar einem Mangel gleichzusetzen“, schreibt das Institut. Nur in Einzelfällen könnten NEM sinnvoll sein – bei Risikogruppen, etwa Hochbetagten. Auch in der Schwangerschaft hätten NEM eine Bedeutung.

Risiken durch Überdosierung und Nebenwirkungen

Bei einem unbedachten Umgang mit den Mitteln gibt es auch Risiken. Es könnte zu Überdosierungen oder unerwünschten Neben- und Wechselwirkungen kommen. Ein Beispiel dafür ist der Einschlafhelfer Melatonin, derzeit ein Verkaufshit unter den Ergänzungsmitteln. „Kaum jemand liest in der Packungsbeilage, sofern diese überhaupt vorhanden ist, nach, dass man nach der Einnahme nicht mehr Auto fahren darf“, warnt Angela Clausen.

Die Verbraucherzentrale rät generell, vor der Einnahme von NEM den Hausarzt zu fragen oder über einzelne Mittel zu informieren. Clausen empfiehlt auch, Arzt oder Ärztin vor einer Blutentnahme oder Urinprobe mitzuteilen, welche Mittel gegebenenfalls eingenommen werden. Denn sie könnten die Ergebnisse der Laboranalysen beeinflussen.

Eine gute Übersicht der maximalen Tagesmengen befindet sich auf dieser Seite des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Dort sind die Empfehlungen des BfRs für Vitamine und Mineralstoffe aufgelistet.

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