Smartphone-Neuling

Google Pixel 6 Pro im Praxistest: Zeig her deine Kamera!

| Lesedauer: 10 Minuten
Googles neues Pixel 6 Pro (l.) gibt es ab knapp 900 Euro, das Pixel 6 (r.) ab 650 Euro.

Googles neues Pixel 6 Pro (l.) gibt es ab knapp 900 Euro, das Pixel 6 (r.) ab 650 Euro.

Foto: Franziska Gabbert / dpa-tmn

Berlin.  Wuchtige Profikamera, künstliche Intelligenz und neues Android 12: Googles Pixel 6 Pro soll dem iPhone 13 Paroli bieten. Klappt das?

So viel ist sicher: Mit dem Google Pixel 6 Pro in der Hand fällt man auf. Das liegt nicht an besonders knalligen Farben. Sondern an dem Kamera-Buckel, der als Streifen auf der Rückseite so weit hervorsteht, wie bei keinem anderen Smartphone.

Andere Hersteller zerbrechen sich den Kopf, wie sie die immer besser und größer werdenden Fotolinsen in ein möglichst dünnes Gehäuse quetschen können, damit das Design flach bleibt. Google macht aus der Not keine Tugend – sondern gleich ein komplett neues Design. Und hebt die wuchtige Kamera-Einheit auf der Rückseite sogar gesondert hervor. Das ist zwar Geschmackssache, aber zumindest: unverwechselbar.

Das deutlich verbesserte Kamera-System unter diesem massiven Balken gehört zu den wichtigsten Neuerungen, die Google seinen beiden neuen Pixel-6-Smartphones spendiert hat, die seit dem 28. Oktober erhältlich sind. Die zweite wichtige Stellschraube heißt „Tensor“. So nennt Google seinen ersten selbst entwickelten Smartphone-Prozessorchip, der in den Pixel für hohe Leistung sorgen soll und verbesserte künstliche Intelligenz (KI) an Bord hat.

Von der modernen KI sollen nicht nur die Bilder und Videos beim Knipsen profitieren. Neue Maßstäbe setzen soll die KI im Pixel auch bei der Spracherkennung und Live-Übersetzung. Stichwort: Maschinelles Lernen. Was sich davon im Alltag bewahrheitet, wie gut die Kamera wirklich ist und welche kleinen Schwachstellen auffallen, zeigt der Praxistest nach einer Woche mit dem Pixel 6 Pro.

Google Pixel 6 Pro im Praxistest: Auffälliger Kamera-Streifen

Direkt nach dem Auspacken des Pixel 6 Pro wirkt der besagte Kamerastreifen am Rücken zwar ungewohnt. Nach kurzer Zeit aber hat man sich daran gewöhnt. Zumal man mit den Fingern fast nie drankommt. Auf dem Tisch liegend wackelt das Gerät auch nicht, denn der Streifen erstreckt sich über die gesamte Breite. Auch sonst ist das Pixel 6 Pro hervorragend verarbeitet und wirkt wertig. Das Display ist an den Seiten dezent gewölbt und geht nahtlos in den Aluminiumrahmen über. Texte sind am Rand noch gut zu lesen. Der angenehme Vibrationsmotor gibt präzise Rückmeldung.

Das Pro-Pixel hält auf dem Papier einiges aus: Es ist für eine ausreichende Dauer und Tiefe wassergeschützt nach IP68. Durch das bekanntermaßen robuste „Gorilla Glass Victus“ auf Vorder- und Rückseite soll es äußerst kratz- und bruchfest sein. Das kann auch nicht schaden: Denn die Rückseite ist etwas rutschig und zieht Fingerabdrücke an. Zudem ist das Pro-Modell mit seiner 6,7-Zoll-Größe nichts für kleine Hände. Der An-Aus-Knopf und die Lauter-Leise-Wippe auf der rechten Seite wären andersherum bequemer platziert.

120-Hertz-Display auf Spitzenniveau

Das 6,7-Zoll-Display ist das bisher größte in einem Pixel-Gerät. Die Qualität des OLED-Bildschirms kommt hervorragend zur Geltung: Es ist beim Betrachten extrem scharf, kontrastreich und farbgenau bei einer Quad-HD-Plus-Auflösung (3120 x 1440 Pixel) und einer hohen Pixeldichte von 512 ppi. Das Scrollen und Wischen durch Menüs und Apps klappt ungemein flüssig. Denn das Pixel 6 Pro besticht wie inzwischen viele Spitzenhandys durch ein adaptives Display, das die Bildwiederholrate je nach Inhalt zwischen 10 und 120 Hertz anpasst. Heißt: Bewegungen erscheinen wunderbar weich, andernfalls spart es Akku.

Entsperren lässt sich das Gerät mit einem optischen Fingerabdrucksensor unter dem Bildschirm. Der ist zwar gut platziert, reagiert aber im Vergleich nicht gerade blitzschnell. Eine Gesichtserkennung per Frontkamera fehlt.

Herzstück der beiden Pixel-6-Modelle ist Googles neuer Tensor-Chip. Während viele Android-Hersteller auf Spitzen-Chips von Qualcomm setzen, pflanzt Google seinen Pixel erstmals wie Apple einen aus eigenem Hause ein. Im Praxistest zeigte er keine Schwächen: Menüs, Apps und Spiele: Alles fühlt sich flüssig an. Ein Belastungstest mit speziellen Apps lieferte sehr gute, aber zur Konkurrenz keine Spitzenwerte. Im Zusammenspiel mit üppigen 12 Gigabyte RAM Arbeitsspeicher ist das Pro-Modell eindeutig in der Oberklasse zu verorten und auch für anspruchsvolle Aufgaben gerüstet.

Beeindruckend ist die verbesserte Spracherkennung: Diktiert man dem Google-Handy Chatnachrichten, E-Mails oder Notizen, übertragt die Software das blitzschnell und weitgehend fehlerfrei in Text, Satzzeichen werden automatisch gesetzt. Das klappt gut, selbst bei schnellem Sprechen und längeren Sätzen. Ebenso flott und gut klappt das Übersetzen von Sprache und Text, zumindest bei gängigen Sprachen.

Kamera im Pixel 6 Pro besticht auch im Dunkeln

Das andere Herzstück, das auffällig platzierte Kamerasystem kann im Alltag ebenfalls überzeugen. Denn sie profitiert stark vom Tensor-Chip. Für sich genommen sind die drei Kamerasensoren im Pixel 6 Pro zwar ordentlich: Hauptkamera mit 50 Megapixel (MP, Blende f/1.85), Ultraweitwinkel (12 MP / f/2.2) und vor die Periskop-Zoomkamera (48 MP / f/3.5) sind durchweg sehr ordentlich, aber teils so auch aus anderen Smartphones verbaut.

Das große Pfund der Pixel-Handys ist aber die Kamerasoftware des Tensor, die nach dem Schnappschuss die soliden Fotos dank KI zu richtig guten Fotos aufpeppt. Das dauert bei wenig Licht etwas, erzeugt aber selbst im Dunkeln tolle Ergebnisse – nur leider nicht konstant genug. Im Hellen gelingt jedes Foto, im Dunkeln braucht man etwas Glück mit der Software-Korrektur. Die Selfie-Kamera (11,1 MP) überzeugt genauso wie die Videos mit Googles Flaggschiff. Letztere unterstützen 4K-Auflösung und HDR-Kontraste. Insgesamt gehört die Kamera zu den besten am Markt und kann oft mit der des iPhone 13 Pro mithalten.

Google betont zudem, dass die Kamera Eigenheiten von Hautfarben deutlich besser erkennt, genannt „Real Tone“. Dunklere Hauttöne werden laut Hersteller nun genauer und abgestufter eingefangen als von anderen Smartphone-Kameras. Die Rede ist von der „inklusivsten Kamera überhaupt“.

„Magischer Radierer“ entfernt blitzschnell Objekte aus Fotos

Spannend sind zwei neue spannende Kamera-Modi: Der „Motion Mode“ erfasst bewegte Motive besser. Fotografiert man ein vorbeifahrendes Auto und zieht die Kamera mit, wird das Auto scharf dargestellt, der Hintergrund aber dynamisch verwischt. Die andere Funktion namens „Magischer Radierer“ kann Personen oder Objekte, wie Schilder oder Straßenlaternen, aus Fotos entfernen. Dafür genügt es, auf einem Foto mit dem Finger störende Personen oder Objekte einzukreisen. Diese werden dann in Sekundenschnelle ausradiert und durch den Hintergrund ersetzt. Das klappt meist verblüffend gut, gerade bei einfarbigen Hintergründen.

Und auch die schön lauten und gut klingenden Lautsprecher sind eines Oberklasse-Smartphones würdig. Der Akku wächst im Vergleich zum Vorgänger auf 5000 Milliamperestunden und hält in aller Regel locker bis zum Schlafengehen. Das geht bei Handys dieser Größer aber noch besser. Schade: Ein Netzteil zum Laden liegt nicht bei. Der Hersteller bietet aber ein 30-Watt-Schnelllade-Netzteil, das in 30 Minuten 50 Prozent befüllen soll. Das ist völlig in Ordnung. Aber ein Oneplus 9 Pro lädt in dieser Zeit den Akku komplett auf.

Erstes Smartphones mit frischem Android 12

Als erste Smartphones überhaupt erlauben die Pixel-6-Geräte einen Blick auf das neue Betriebssystem Android 12. Das Update hat Google im Herbst veröffentlicht, es wird schrittweise auch für andere Hersteller ausgerollt. Und das macht richtig Freude. Auffälligstes Merkmal: Die Farben von Menüs, Schaltflächen, Knöpfen und Tastatur passen sich – sofern man das möchte – automatisch farblich an das gewählte Hintergrundbild an. Alles wirkt stimmig und optisch wie aus einem Guss. iPhones mit iOS 15 lassen sich weit weniger auf den Geschmack der Besitzer anpassen.

Darüber hinaus bringt Android 12 zahlreiche neue Funktionen und Privatsphäre-Einstellungen mit. Zukunftssicher: Google verspricht für die Pixel-Geräte ganze fünf Jahre lang Sicherheits-Updates und drei große Funktions-Updates bis einschließlich Android 15.

Pixel 6 Pro – Preise, Farben und Fazit

Das größere Modell Pixel 6 Pro kostet in der Variante mit 128 GB Speicher 899 Euro. Mit 256 GB Speicher sind es 100 Euro Aufpreis. Das Pro-Modell kommt in den drei Farben Stormy Black (Schwarz/Grau), Cloudy White (dunkles Weiß) und Sorta Sunny (Gelb/Orange).

Fazit: Google traut sich etwas mit dem neuem Design, das sich mit seinem Kamerastreifen vom Einheitsbrei der meisten heutigen Smartphones abhebt. Das Experiment wird sicher die Gemüter spalten und auch Kritiker finden, die es zu klobig empfinden. Googles Design-Kniff kommt der Kameraqualität zugute und schafft Platz im Innenraum für den Akku. Zusammen mit dem neuen Android 12 gibt das Pixel 6 Pro einen vielversprechenden Ausblick, wo die Reise in der Android-Welt hingeht.

Mit knapp 900 Euro ist das Pixel 6 Pro zwar kein Schnäppchen, aber im Kreise der aktuell besten Smartphones auf einem Niveau mit dem Oneplus 9 Pro (ab 899 Euro) und ein Stück günstiger als die Konkurrenz-Flaggschiffe iPhone 13 Pro (ab rund 1150 Euro) und Samsung Galaxy S21 Ultra (ab 1250 Euro). Als günstige Alternative empfiehlt sich das kleinere Google Pixel 6 für sehr attraktive 649 Euro. Es ist mit 6,4 Zoll handlicher. Dafür ist das Display etwas schwächer und es kommt ohne Telezoom-Linse.

Stärken

  • hervorragende Kamera mit starker KI-Unterstützung
  • flotter Google-eigener „Tensor“-Chip
  • innovatives Design mit Kamerastreifen auf Rückseite
  • sehr gute Spracherkennung und -übersetzung
  • aktuelles Android 12 mit drei weiteren Updates in Aussicht
  • faires Preis-Leistungs-Verhältnis

Schwächen

  • Glänzende Rückseite etwas rutschig und anfällig für Fingerabdrücke
  • Speicher nicht erweiterbar
  • Knöpfe ungünstig platziert
  • Schnelllade-Netzteil nicht im Lieferumfang
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