Das Pädagogium blickt nach China

Bad Sachsa  Künftig sollen pro Jahr drei bis vier chinesische Schüler im Bad Sachsaer Internat aufgenommen werden.

Feng Pan und Qi Zhao mit Internatsleiter Torsten Schwark.

Foto: Florian Renneberg

Feng Pan und Qi Zhao mit Internatsleiter Torsten Schwark. Foto: Florian Renneberg

Maschinenbau an einer deutschen Universität studieren, zwei bis drei Jahre Berufserfahrung in Deutschland sammeln und anschließend einen guten Job in China finden – so lautet der Plan von Feng Pan. Der 21-Jährige besucht seit drei Jahren das Pädagogium in Bad Sachsa und legt in diesem Sommer sein Abitur ab.

„In China herrscht viel Stress in der Schule, da die Konkurrenz unter den Schülern groß ist.“
Qi Zhao, künftige Päda-Schülerin, über den Schulalltag in China

„Mein Vater wollte mich unbedingt nach Deutschland schicken, weil die Ausbildung hier besser ist als in China“, erklärt Feng. Auf das Internatsgymnasium im Südharz ist er im Internet gestoßen. Die ruhige Stadt, die schöne Umgebung und die frische Luft nennt er als Gründe, die den Ausschlag zugunsten Bad Sachsas gegeben haben. Dort ist er zwar nicht der erste, derzeit aber der einzige chinesische Schüler, der am regulären Unterricht teilnimmt. Das soll sich jedoch ändern.

Deutsche Internate entdecken den chinesischen Markt

Für die deutsche Wirtschaft ist China längst einer der bedeutendsten Partner. Dass sich auch Schulen verstärkt nach Fernost orientieren, mag den ein oder anderen überraschen. Beim Internatsgymnasium in Bad Sachsa ist jedoch genau das der Fall.

„Bis die chinesischen Schüler sich an das deutsche Schulsystem gewöhnt haben, kann es ein bis zwei Jahre dauern.“
Torsten Schwark, Internatsleiter, über die Umstellung für die Schüler

Während es immer schwieriger wird, Internate mit deutschen Schülern auszulasten, gibt es in China eine vitale Nachfrage nach Internatsplätzen in Deutschland, erklärt Torsten Schwark. Der Internatsleiter des Päda wird künftig einmal im Jahr nach Shanghai reisen, um Auswahlgespräche mit Schülern und deren Eltern zu führen. Ziel ist es, pro Jahr drei bis vier Neuzugänge für die 10. Klasse zu gewinnen. Dieses Jahr war er bereits vor Ort – mit Erfolg.

Zu viele chinesische Schüler behindern die Integration

Mehr Schüler auf einmal aufzunehmen, sei nicht sinnvoll, sagt Schwark. Um die Schüler zu integrieren, müssten sie möglichst schnell deutsch lernen. Je mehr chinesische Schüler zusammen seien, desto schwieriger gestalte sich das. Und darunter würden nicht nur deren schulische Leistungen leiden, erklärt Schwark, sondern auch der Ruf der Schule.

„In China fängt der Schultag gegen 7 Uhr an und dauert etwa zwölf Stunden.“
Feng Pan, Päda-Schüler aus China, über den Schulalltag in China

„Chinesische Eltern sind sehr anspruchsvoll“, sagt Schwark. Das liege zum einen daran, dass sie sich die Ausbildung ihrer Kinder in Deutschland viel Geld kosten lassen, zum anderen daran, dass viele chinesische Eltern nur ein Kind haben, in das sie ihre ganzen Hoffnungen setzen.

Dass sie dabei auf deutsche Schulen vertrauen, begründet Schwark unter anderem mit dem hohen Ansehen, das die deutsche Wirtschaft in China genießt. „Das Engagement deutscher Baufirmen beispielsweise ist eine gute Werbung“, sagt Schwark. Zudem gelten die Deutschen in China als pünktlich, fleißig und gründlich.

Dieses Deutschland-Bild hat auch Feng Pan aus China mitgebracht – und zum Teil bestätigt gefunden. Ein anderes Vorurteil hingegen hat sich als übertrieben herausgestellt, nämlich, dass Deutsche schon zum Frühstück Bier trinken. Dennoch gehört die Bierkultur zu den Dingen, die Feng in Deutschland überrascht und nachhaltig geprägt haben: „Nach drei Jahren in Deutschland schmeckt das chinesische Bier wie Wasser“, sagt er lachend.

Frontalunterricht ist darauf ausgelegt, auswendig zu lernen

So schwierig sich die Umstellung auf deutsche Ess- und Trinkgewohnheiten auch gestalten mag, die größte Herausforderung für chinesische Schüler ist das Schulsystem. „In China fängt der Schultag gegen 7 Uhr an und dauert etwa zwölf Stunden“, berichtet Feng. Zudem sei der in China übliche Frontalunterricht in erster Linie darauf ausgelegt, Stoff auswendig zu lernen. Inhaltliche Diskussionen fänden nicht statt.

Das mache sich im Verhalten der Schüler bemerkbar, sagt Schwark: „Chinesische Schüler sind es gewohnt, still zu sitzen und zuzuhören.“ Die deutschen Lehrer müssen daher versuchen, die Schüler in den Unterricht einzubeziehen: „Zehn Jahre wurde ihnen verboten, die Hand zu heben, und jetzt müssen sie es sogar“, sagt Schwark, und Feng ergänzt: „Anfangs hatte ich immer schlechte mündliche Noten.“

Bis die chinesischen Schüler sich umgewöhnt haben, könne es ein bis zwei Jahre dauern, sagt Schwark. Um den Prozess zu beschleunigen, sollen spezielle Schulungen das Verständnis des Lehrerkollegiums für die chinesische Mentalität steigern.

Unterschiedliche Anforderungen an die Schüler

Feng hat sich mittlerweile an die Anforderungen eines deutschen Gymnasiums gewöhnt – und auch an die dort üblichen Zensuren. „Eine 2 ist okay“, sagt er. In China sei das nicht der Fall. Die Erfahrung hat auch die 17-jährige Qi Zhao gemacht. Sie wohnt seit Januar im Internat und besucht täglich einen Deutsch-Intensivkurs am Goethe-Institut in Göttingen. Nach den Sommerferien soll sie die 10. Klasse des Päda besuchen.

„In China herrscht viel Stress in der Schule, da die Konkurrenz so groß ist“, sagt Qi. Neben der Schule hat sie samstags Nachhilfekurse in Mathe und Englisch besucht. „Allerdings nicht, um eine Prüfung zu bestehen, sondern um sie als eine der Besten zu bestehen“, erklärt Schwark. In China reiche eine 1 vor dem Komma nicht aus, im Idealfall sollte auch eine 0 dahinter stehen.

„Die schulische Abschlussprüfung entscheidet über unser Leben“, sagt Feng. Nur die Allerbesten würden an den renommierten Universitäten angenommen. Und von dort aus sei die berufliche Laufbahn quasi vorgezeichnet. Dieser extreme Druck ist ein weiterer Grund für Eltern, ihre Kinder ins Ausland zu schicken. „Wer mit einem europäischen Bildungsabschluss nach China zurückkehrt, hat auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen“, sagt Schwark.

Hochdeutsch ist eines der Argumente für Bad Sachsa

Als Argumente für das Pädagogium führt Schwark bei seinen Reisen nach China neben Landschaft, Luft und dem ruhigen Lernumfeld noch einen weiteren Pluspunkt ins Feld. „Ich habe im Internet gelesen, dass in der Gegend um Göttingen hochdeutsch gesprochen wird“, nennt Qi einen weiteren Grund, warum sie sich für Bad Sachsa entschieden hat.

Für sie bedeutet das Leben in der Provinz eine gehörige Umstellung. In ihrer Heimatstadt Peking leben etwa acht Millionen Menschen – allein in der Kernstadt. „Das Freizeitangebot in Bad Sachsa ist ein bisschen mau“, sagt sie dementsprechend. Das sieht Feng zwar ähnlich, für ihn ist die Umstellung jedoch weniger groß. Seine Heimatstadt Zhong Wei hat etwa eine Million Einwohner. „Das ist in China etwa so wie Bad Sachsa in Deutschland.“

Um die Schule nachhaltig in China zu positionieren, arbeitet das Pädagogium mit der Organisation My Education mit Sitz in Shanghai und Berlin zusammen. Die sucht infrage kommende Schüler aus und informiert die Eltern über Deutschland und das hiesige Schulsystem – schließlich sollen diese wissen, was ihre Kinder in der Fremde erwartet. So könne Missverständnissen vorgebeugt werden, hofft Schwark.

Eine Einbahnstraße soll die Orientierung des Pädagogiums gen China aber nicht sein. So ist für Mitte Oktober eine Reise mit 18 Schülern nach China geplant. Dort besuchen sie eine Woche lang die Huipu High School – die Partnerschule des Pädagogiums in Linhai – und wohnen in Gastfamilien. In der zweiten Woche steht eine Rundreise durch das Land auf der Agenda.

Bereits Mitte Juli besuchen 18 chinesische Schüler mit zwei Lehrern und einem Übersetzer die Uffestadt – pünktlich zum Schützenfest. „Langsam kommt die Partnerschaft in Gang“, freut sich Schwark. Die Absichtserklärung hatten Vertreter beider Schulen im Herbst unterschrieben.

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