Braunschweig. Eintracht Braunschweigs ehemaliger Kapitän Bernd Nehrig rettete sich einst mit St. Pauli aus einer ähnlich misslichen Lage.

Bernd Nehrig spielte in seiner Karriere unter anderem für Eintracht Braunschweig und den FC St. Pauli. Mit den Hamburgern steckte der 37-Jährige in der Saison 2016/17 in einer ähnlich prekären Situation, wie sie das Team von Trainer Daniel Scherning derzeit durchlebt. Doch am Ende gelang der Klassenerhalt. Im Interview spricht der heutige Sportdirektor von Fußball-Regionalligist Viktoria Berlin über Erlebnisse und Lehren von damals und blickt auch auf die Chancen der Eintracht.

Bernd Nehrig, in der Zweitliga-Saison 2016/17 standen Sie mit dem FC St. Pauli nach 15 Spieltagen und nur sieben Punkten abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz. Wie ist es dazu gekommen?

Tatsächlich war das anfangs nicht erklärbar. Wir haben eine gute Vorbereitung absolviert, hatten eine gute Stimmung – alles lief harmonisch. Man konnte auch nicht sagen, dass wir schlecht gespielt haben, aber wir haben es damals nicht geschafft, die Leistung in Ergebnisse umzumünzen.

Inwiefern?

Wir waren vorn zu ineffektiv und hinten zu fehlerhaft. Das konnten wir nicht wettmachen und sind immer weiter abgerutscht. Irgendwann verlierst du dann das Selbstverständnis und ein Stück weit auch den Glauben. Aber es war nie eine Frage der Qualität oder des Zusammenhalts, sondern eine halbjährige Krise, in der auch das Quäntchen Glück gefehlt hat.

Mannschaft spricht sich für Verbleib des Trainers aus

Wie haben Sie mit ihrem Team die Wende geschafft?

Wir waren ehrgeizig und haben mit dem Mannschaftsrat viel mit der Geschäftsführung gesprochen. Trainer Ewald Lienen stand kurz vor der Entlassung, aber die Mannschaft hat sich dagegen ausgesprochen. Stattdessen kam mit Olaf Janßen ein neuer Co-Trainer und damit eine neue Konstellation, neue Ideen und Herangehensweisen und eine neue Diskussionskultur. Lienen, Janßen und wir als Mannschaft haben extrem gut zusammengepasst.

Was passierte dann?

Wir haben uns noch vor der Winterpause ein bisschen Selbstvertrauen geholt und es dank einer guten Wintervorbereitung auch in die Rückrunde transportiert, haben es geschafft, stabil unsere Leistungen zu bringen. Nachdem die ersten Spiele gut gelaufen waren, war es wie ein Rausch. Es war das Gegenteil der Hinrunde. Wir haben gut gespielt und uns super verstanden und sind am Ende noch Siebter geworden. Das war eigentlich ein Wahnsinn.

Es war am Ende also nicht knapp. Hat diese Saison trotzdem Kraft gekostet?

Wir hatten damals ein enges Verhältnis zu den Angestellten des Klubs. Die Geschäftsführung hat uns während der Saison darüber informiert, welche Personalkürzungen auf einen Abstieg folgen würden. Die Hälfte der Leute hätte ihren Job verloren. Das war ein brutaler Druck, denn das willst du nicht verantworten. Die Klub-Mitarbeiter haben dann vor unseren Mannschaftsbesprechungen zu uns gesprochen oder Plakate geschrieben. Es war ein Gefühl des absoluten Zusammenhalts, weil klar war, dass wir den Leuten, die länger hier sind als wir, etwas schuldig sind. Sie waren abhängig von uns. Und das hat uns noch mal einen Push gegeben. Wir wollten das mit jedem Sieg weiter vorantreiben. Und als wir am 32. Spieltag in Kaiserslautern die Klasse gehalten haben, war das pure Ekstase. Zusammen mit den Angestellten sind wir die ganze Nacht um die Häuser gezogen. Im Heimspiel darauf haben sie sich bei uns bedankt. Die Qual, die Geduld und die starken Nerven haben sich dafür definitiv gelohnt.

Nehrig sieht Eintracht Braunschweig wieder positiver

Eintracht Braunschweig steckt in einer vergleichbaren Tabellensituation wie St. Pauli zum gleichen Zeitpunkt damals. Wie blicken Sie auf die Lage bei Ihrem ehemaligen Verein?

Aktuell ein Stück weit positiver. Aber es ist schwierig, weil sich die Situation so anfühlt wie damals in der Saison 2018/19, als ich zur Eintracht kam. Nach dem Klassenerhalt war man eigentlich wieder auf einem guten Weg. Wir hatten eine Mannschaft, die für diesen Verein gelebt und gekämpft hat und auch den Rückhalt der Fans, obwohl es damals den Konflikt wegen der Hannover-Vergangenheit von Felix Burmeister gab. Danach haben wir den Aufstieg geschafft. Und an dem Punkt macht der Verein einen Trainerwechsel und einen Riesenumbruch und damit künstlich vieles wieder kaputt. Wenn es eigentlich lief, hat der Verein sich gegen Konstanz entschieden.

Was macht Ihnen Hoffnung bei der Eintracht?

Dass es mit Marc Pfitzner im Trainerteam und Benjamin Kessel als Sportdirektor besser wird. Mit ihnen besteht die große Chance, die Verbindung zu den Fans wieder zu stärken. Das ist ein absoluter Trumpf, weil dadurch eine Wucht entstehen kann.

Kann die Eintracht schaffen, was St. Pauli 2016/17 geschafft hat?

Jede Mannschaft kann das schaffen, aber ich kann aus der Ferne nicht bewerten, wie es in der Mannschaft aussieht. Mit Ermin Bicakcic hat die Eintracht einen Spieler verpflichtet, der viel Erfahrung aus der Bundesliga mitbringt und der ein Leader sein kann, an dem sich Mitspieler orientieren können. Braunschweig muss in einen Flow kommen, braucht das Momentum und Selbstvertrauen. Der Klassenerhalt ist möglich, aber der Weg dorthin ist sehr hart. Prinzipiell stellt sich aber die Frage, was besser ist: Eine knappe Rettung oder ein Neuaufbau eine Liga tiefer mit mehr Handlungsspielraum.