Braunschweig. Eintracht Braunschweigs Stürmer will schnell auf den Platz zurückkehren. Hier spricht Ujah über die Verletzung und seine Rolle.

Die Fans von Eintracht Braunschweig lieben ihn, doch mit Schulterklopfern müssen sie sich bei Anthony Ujah derzeit noch zurückhalten. Der Stürmer des Fußball-Zweitligisten ist nach seiner vor Wochen erlittenen Schultereckgelenksprengung zwar auf dem Weg der Besserung, Vorsicht ist aber weiterhin geboten. Der 33-Jährige musste hilflos mit ansehen, wie sein Team im Abstiegskampf an Boden verlor. Und das kam so.

Zwei Tore hatte Ujah Mitte September beim 2:2 gegen den 1. FC Nürnberg erzielt, ehe ihn eine folgenschwere Szene für Monate außer Gefecht setzten sollte. „In diesem Moment wollte ich einfach nur ein Tor schießen“, erinnert sich der Nigerianer an die Schlussphase der Begegnung. „Normalerweise gehe ich nicht so rein, aber auf dem Video sehe ich, dass ich einen kleinen Schubser vom Verteidiger bekomme“, sagt er in Bezug auf die Szene, in der er im Strafraum von Nürnbergs Torhüter Christian Mathenia beim Kampf um den Ball rüde abgeräumt wurde.

Christian Mathenia schreibt Eintracht Braunschweigs Anthony Ujah regelmäßig

Es steckte eine Menge Dynamik in diesem Moment, deswegen ist Ujah dem Schlussmann der Franken auch nicht weiter böse. „Ich bekomme immer noch Nachrichten von ihm. Das müsste er nicht machen, aber es zeigt mir, wie er als Mensch ist“, sagt Ujah über Mathenia, dessen knallhartes Knie der Eintracht ein fieses Sturmproblem bescherte. Ujah zog sich im Zweikampf eine Eckgelenkssprengung zu, Bänder rissen, er musste operiert werden. Mehr als 20 Mal schaute er sich die Situation hinterher im Video an. Doch schon während des Spiels ahnte er Schlimmes, als es laut knackte: „In diesem Moment habe ich direkt gedacht: Was hast du gemacht?“

Er wusste sofort, dass er nicht bloß eine oder zwei Wochen in die Zuschauerrolle gezwungen wird. Mehrfach in seiner Karriere erlebte der Offensivspieler schwere Verletzungen. „Die erste Woche war wirklich schwer“, sagt er. Er konnte kaum schlafen, nicht richtig liegen. „Es kam wieder dieses Gefühl hoch, dass ich während meiner langen Verletzung davor hatte.“ Bei Union Berlin fiel Ujah lange wegen rätselhafter Knieprobleme aus. Erst durch den Eingriff eines Spezialisten, bei dem Ujahs Beinknochen angesägt wurde, wurden diese behoben.

Wenige Vereine wollten das Risiko eingehen, ihn zu verpflichten. Die Eintracht tat es im vergangenen Sommer – und daraus entwickelte sich eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. Der Klub hat für seine Verhältnisse einen Topstürmer, Ujah ist Publikumsliebling, Torjäger und Führungsspieler. Aber es setzt ihm zu, dass er aktuell nicht helfen kann. Vor allem zu Beginn seiner Ausfallzeit waren seine Familie, die Klubmitarbeiter und Teamkollegen wichtige Stützen. „Für mich ging es da mehr um den Kopf als um den Körper“, verdeutlicht der Angreifer, der seine Reha in Braunschweig absolviert.

Bei den Spielen seiner Mannschaft ist er immer da. Sein Signal: Er lässt die jungen Mitspieler in der schwierigen Phase nicht allein, auch wenn es ihm wehtut, nicht selbst eingreifen zu können. „Wenn ich am Spieltag im Stadion bin, kann ich nicht ruhig sein“, sagt der sprunggewaltige 1,80-Meter-Mann. „Ich gucke das Spiel und fühle mich, als stünde ich auf dem Platz. Ich kann nicht ruhig sitzen. Meine Beine gehen mit, wenn wir einen Torschuss haben. Bei einem Kopfballduell mache ich mit meinem Kopf mit, weil das meine Stärke ist. Danach gucke ich links und rechts, ob mich jemand dabei beobachtet hat.“

Eintracht Braunschweig gewinnt gegen den VfL Osnabrück

Doch wahrscheinlich würde jeder Zuschauer ihm diese putzige Marotte verzeihen, zeigt sie doch nur, wie sehr sich Ujah mit der Situation identifiziert. „Ich bin mit dem Herz und dem Kopf mit dieser Mannschaft verbunden“, stellt er klar. Zu Saisonbeginn war er einer der wenigen Spieler, die ihre Leistung konsequent auf den Platz brachten. Im Sturm wurde der ehemalige Nationalspieler mit langen Bällen ständig gesucht. Vieles ging über ihn als Einzelkönner, vielleicht zu viel. Die Braunschweiger fanden in der Offensive kaum statt. Das hat sich in ein paar Spielen seit dem Ujah-Ausfall phasenweise gewandelt, besonders beim 3:2 über den VfL Osnabrück am letzten Samstag. „Jetzt wünsche ich mir, dass ich auf dem Platz bin, weil wir die Chancen haben. Das macht es noch schwerer für mich, weil ich nicht helfen kann“, erklärt Ujah.

Doch er hilft trotzdem. Und das schon unmittelbar nach seiner Operation. Er ist präsent bei den Trainingseinheiten, im Kraftraum und bei den Spielen. „Ich bin zwar Teil des Mannschaftsrates, aber das heißt nicht, dass ich immer da sein muss. Das kommt aber von mir selbst, weil wir als Mannschaft sehr eng miteinander sind“, sagt der Fußball-Profi zu seiner aktuellen Rolle im Team.

Ein Gespräch mit den Ärzten soll bald über die nächsten Schritte entscheiden. Momentan fährt Ujah viel Fahrrad und läuft langsam auf dem Laufband. Die Arm-Muskulatur ist einseitig abgebaut, weil die lädierte Schulter wochenlang in einer speziellen Schlinge steckte. Seine Hoffnung ist, dass er im neuen Jahr wieder alles mit der Mannschaft machen kann. Außer vielleicht die Klimmzüge im Kraftraum, aber die hat er auch vorher nicht gern gemacht. „Ich will so schnell wie möglich mit Fußballschuhen auf den Trainingsplatz, aber ich weiß, dass ich noch ein paar Steps machen muss“, verdeutlicht er.

Anthony Ujah ist bei Eintracht Braunschweig Leader und Fanliebling

Eine Rückkehr wäre sportlich wichtig, doch auch als Identifikationsfigur ist der Wert des Routiniers riesengroß. Die Braunschweiger wissen um Ujahs Qualitäten auf dem Platz und als Mensch. An ihm können sich seine Mitspieler auch in schwierigen Zeiten aufrichten. Er ist einer der wenigen echten Leader im Team, die diese Qualitäten in der aktuellen Spielzeit schon unter Beweis gestellt haben.

Dass er so positiv von den Fans wahrgenommen wird, macht Ujah stolz. „Ich habe mich gefragt, ob es nur um die Spiele und Tore geht, aber ich glaube, es geht um mehr. Ich bin immer ich selbst. Das habe ich in meiner Karriere immer so gehandhabt“, sagt er und schiebt bescheiden hinterher: „Was ich momentan hier erlebe, ist speziell. Und das genieße ich jeden Moment. Es gibt mir Kraft, für die Fans zu kämpfen. Aber ich bin ein Teamspieler. Die Mannschaft kommt immer zuerst, erst dann komme ich.“

Man spürt, dass Braunschweig und die Eintracht für den Stürmer nicht irgendeine Station ist. Seine Familie und er fühlen sich hier wohl. „Ich bin sehr glücklich, dass ich so etwas noch einmal erlebe, bevor meine Karriere endet. Das letzte Mal hatte ich dieses Gefühl beim 1. FC Köln.“ Das will etwas heißen, denn auch bei Mainz 05, Werder Bremen und Union Berlin sprechen sie nur in höchsten Tönen über den sympathischen Angreifer.

14 Tore und 6 Vorlagen für Eintracht Braunschweig

Als Zuschauer erlebte der beim Spiel gegen Osnabrück endlich mal wieder einen Sieg seines Teams. Beim entscheidenden Tor durch Ermin Bicakcic rannte auch er los und vergaß für einen Moment die Schmerzen in der Schulter. „Die Art und Weise, wie wir das Spiel gewonnen haben, tat so gut“, sagt der Mann mit der Trikotnummer 14, der überzeugt davon ist, dass er und seine Mannschaft die Situation noch zum Guten wenden können. Ein paar Wochen müssen seine Mitspieler mindestens noch ohne ihn auskommen. Doch Ujah ist zuversichtlich, dass sich die sportliche Situation mit dem neuen Trainer Daniel Scherning bald bessert – aus einem bestimmten Grund. „Wenn ich die Jungs in der Kabine sehe – und die Kabine ist das Wichtigste im Fußball –, dann habe ich ein gutes Gefühl.“

14 Tore und 6 Vorlagen hat er bislang für die Eintracht erzielt. Ein paar sollen schon noch dazukommen, wenn man Ujah zuhört. „Ich vermisse Fußball und diese Mannschaft“, macht er klar, dass er bald wieder auf dem Platz helfen will. Wenn es so weit ist, dürfte auch wieder der eine oder andere Schulterklopfer möglich sein.