Zwischen Schreinen und Friedhöfen: Religionen in Japan

Japan.  Das Erbe von Shintoismus und Buddhismus in Japan manifestiert sich in hunderttausenden religiöser Bauwerke – und in aktuellem Leben und Kultur.

Okunoin - der größte Friedhof Japans am Koyasan, dem Berg der Eremiten. Kleine, mit Mützen und Lätzchen ausgestattete Buddhas sollen Glück für Kinder bringen und sie beschützen, die lebenden wie die verstorbenen.

Okunoin - der größte Friedhof Japans am Koyasan, dem Berg der Eremiten. Kleine, mit Mützen und Lätzchen ausgestattete Buddhas sollen Glück für Kinder bringen und sie beschützen, die lebenden wie die verstorbenen.

Foto: Felix Gräber / HK

Zwischen den riesigen alten Zedern herrscht andächtige Ruhe im grünen Zwielicht, das Graubraun der mächtigen Stämme wechselt sich harmonisch mit dem Graugrün der teils Jahrhunderte alten, moosüberwucherten Grabsteine ab. Der Okunoin hat eine besondere Atmosphäre, überall um uns herum spüren wir sein Alter und die tiefe Bedeutung, die dem Friedhof im japanischen Shingon-Buddhismus beigemessen wird.

Okunoin, das ist der Name des größten Friedhofs in Japan, der über 200.000 Gräber fasst. Sie erstrecken sich auf dem Berg Koyasan, teils mitten im Wald, durch den sich nur wenige Hauptwege ziehen. Viele steinerne Buddhas, von kleinen Figürchen bis zu überlebensgroßen Statuen, wachen an den Grabstellen. Teilweise sind auch gruselig anmutende Wesen an den Gräbern aufgestellt.

Wer abseits der Hauptwege einen Blick auf die Grabsteine und die Statuen werfen möchte, begibt sich auf kaum mehr als Trampelpfade, muss immer wieder über Wurzeln klettern. Manchmal liegen vor Jahren umgefallene Bäume zwischen den Grabstätten.

Bekannt für vegetarisches Essen und Gastfreundschaft

Den Japanern, mit denen meine Lebensgefährtin und ich auf unserer Reise ins Gespräch kommen, ist der Berg Koyasan ein Begriff. Als Rückzugsort ist er vielen bekannt, jedoch nicht nur: Fällt der Name Koyasan, verbinden sie ihn mit den Mönchen, die im gleichnamigen Bergort in Klöstern leben und Gäste aufnehmen.

Obwohl der Tourismus für das Überleben der abgeschiedenen Klöster heute eine wichtige Rolle spielt, ist dies keine moderne Entwicklung. Das Übernachten bei den Mönchen ist eine alte Tradition, unter anderem wurden die Klöster zu eben diesem Zweck gegründet: Um Pilger aufzunehmen. Und noch etwas verbinden praktisch alle, die den Namen hören, mit dem Koyasan: Hier bei den Mönchen wird das beste vegetarische Essen im ganzen Inselstaat serviert, heißt es. Ein Eindruck, den wir nach unseren zwei Nächten im Kloster bestätigen können.

Zu Besuch bei den Mönchen auf dem heiligen Berg Koyasan

Der Tagesablauf der Mönche ist für uns gewöhnungsbedürftig. Um 7 Uhr nehmen wir an der Morgenandacht teil: In der Zeremonienhalle am anderen Ende des Holzhauses, in dem auch wir übernachten, sitzen zwei Mönche im Lotussitz, einer von ihnen hat uns am Tag zuvor im Tempel empfangen. Etwa 20 Minuten lang singen die Männer in dem halbdunklen Raum, vor ihren Gesichtern weiße Atemschwaden, hervorgebracht vom permanenten Strom der Worte.

Einige Hundert Lampions hängen unter der dunklen Holzdecke, erleuchten kaum die Nischen an der Rückwand hinter dem Altar. Dort stehen, wie uns der älterere der beiden Mönche später erzählt, hölzerne Bildnisse von Kukai-Sama, Begründer der buddhistischen Shingon-Schule und des ersten Klosters auf dem Berg. Das Fotografieren ist hier nicht erlaubt.

Durch die mit Papier bezogenen, aus verschiebbaren Türelementen bestehenden Wände zieht die morgendliche Winterkälte. Für uns – die einzigen Gäste im Kloster, denn im Winter verirren sich nur wenige Touristen in die abgelegenen Berge – hat man einen kleinen Heizpilz aufgestellt.

In ganz Japan sind die Mönche vom Koyasan für ihre Gastfreundschaft bekannt, die auch wir kennenlernen. Mit routinierter Gelassenheit und großer Freundlichkeit erklärt uns der alte Mönch, wie wir uns in den Tagesablauf im Kloster integrieren. Ein kleines Hindernis ist hier die Verständigung, doch unser Gastgeber ist vorbereitet: Mit einigen Brocken Englisch – wie er erzählt, habe er vor Jahrzehnten einmal London besucht – und einem nicht einmal handtellergroßen Übersetzungscomputer klappt es problemlos.

Wir erfahren: Nach der Morgenandacht ist Frühstückszeit, in das Gemeinschaftsbad dürfen wir von 16 bis 17.30 Uhr, im Anschluss gibt es Abendessen, später nichts mehr. Und sowohl die Mönche wie auch alle Gäste müssen vor dem Abendessen baden. So wollen es die Glaubensvorschriften.

Zunächst kommt uns das sehr streng vor. Wir wissen nicht, wie unsere Gewohnheiten da hineinpassen. Doch schon kurz nach der Ankunft sind wir dankbar für die festen Abläufe und das heiße Bad, Es macht kaum Sinn, jedenfalls im Winter, nach 18 Uhr noch das Klostergelände zu verlassen.

Denn Koyasan ist eine Kleinstadt: Etwa 7.000 Menschen wohnen auf dem heiligen Berg, mehr als die Hälfte von ihnen sind Mönche. Nachtleben existiert hier nicht. Und so nutzen auch wir unseren Besuch hier, um zur Ruhe zu kommen, uns von Japans Metropolen zu erholen und den heiligen Berg und die beeindruckende Natur um uns herum wirken zu lassen.

Kyoto, Kaiserstadt für über 1.000 Jahre und Touristenmagnet

In Kyoto wird das Stadtbild von vielen Sakralbauten und Palästen entscheidend geprägt. Für unsere Augen sind die einen oft schwer von den anderen zu unterscheiden. Kyoto war über mehr als ein Jahrtausend Sitz des japanischen Kaisers, des Tenno, und ist heute mit den Palästen, Klosteranlagen, Tempeln und Schreinen sowie den weitläufigen Parks das Ziel Nummer Eins für Touristen in Japan.

Deren Zahl übersteigt die der Einwohner bei Weitem: Rund 1,5 Mio. Menschen leben in der alten Kaiserstadt während laut Informationen des japanischen Medienunternehmens NHK über 50 Mio. Besucher pro Jahr gezählt werden, Tendenz steigend.

Frühmorgens haben sich die Menschenmassen an einem der touristischen Hotspots der Stadt glücklicherweise noch nicht eingefunden: Der shintoistische Schrein Fushimi Inari wird auch als Schrein der Tausend Tore bezeichnet. Im Wald hinter dem eigentlichen Schrein stehen sie dicht an dicht hintereinander den Berghang hinauf: die orange-roten Tore. Unter ihnen hindurch erstreckt sich ein Weg, den jeden Tag tausende Menschen entlang laufen, Einheimische wie Touristen.

Jedes der hölzernen und farbig lackierten Tore – einige wenige sind aus Stein – wurde dem Schrein gestiftet, von Unternehmen, Familien oder Privatpersonen. Er ist der Gottheit für Reis und Sake (japanischer Reiswein) gewidmet, die Spender erhoffen sich durch ihre Unterstützung Wohlstand und (wirtschaftlichen) Erfolg. Wenn eines der Tore beschädigt wird oder seines Alters wegen entfernt werden muss, ist der freie Platz in kürzester Zeit wieder vergeben, erzählt ein Stadtführer.

Neben der schieren Masse an Toren beeindrucken mich vor allem die Farben, das leuchtende Orange vor dem Grün des Waldes. Die kann jedoch nur betrachten, wer sich außerhalb des Torweges aufhält. Geht man unter den Toren entlang, kann man zwischenzeitlich schon vergessen, dass dies nicht das Innere eines riesigen Gebäudes ist.

Menschliches und Kosmisches im buddhistischen Kloster

Auf Anraten des Stadtführers verschlägt es uns vom Schrein anschließend in ein nahe gelegenes Kloster. Hier stehen einige der größten komplett aus Holz errichteten Gebäude der Welt, so etwa das traditionelle Eingangstor. Wie es bei historischen Gebäuden in Japan keine Seltenheit ist, ist auch das Tor in der Vergangenheit mehrfach abgebrannt. Doch auch die Rekonstruktion, die heute an Stelle des Originals steht, ist bereits mehrere hundert Jahre alt.

Während das Kloster auf der einen Seite mit den großen Sakralbauten und den harmonisch angelegten Gärten aufwartet – manche sind bepflanzt, andere symbolisieren mit den typischen mit dem Rechen in Form gebrachten Kiesflächen ein idealisiertes Bild vom Paradies – und geschichtsträchtige Erhabenheit ausstrahlt, birgt es auch Zeugnis von sehr Menschlichem: Eines der ältesten noch im Originalzustand erhaltenen Gebäude des Klosterkomplexes ist die Gemeinschaftstoilette. 100 Mönche konnten hier früher ihre Notdurft verrichten, jeder über seinem eigenen Loch im Boden. Aufgrund des Alters ist der Zutritt hier nicht möglich, nur von außen können Besucher einen Blick hinein werfen.

Die öffentliche Klosteranlage ist in die Nachbarschaft eingebettet, drei Brücken führen auf dem Gelände über ein Tal, das berühmt ist für seine besondere Schönheit während der japanischen Kirschblüte im Frühjahr. Viele Einwohner Kyotos, so erzählt uns der Stadtführer, würden zwei der drei Brücken regelmäßig nutzen, kürzen gern mit dem Fahrrad über das Klostergelände ab. Die dritte Querung bietet den schönsten Überblick, kostet dafür aber auch Eintritt.

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