Diskussion um Fracking

Fracking: Kein Platz für Windräder, aber für Löcher im Boden?

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USA, Tunkhannock: Der Bohrturm einer Ölförderplattform, die nach dem Prinzip des „Fracking“ arbeitet.

USA, Tunkhannock: Der Bohrturm einer Ölförderplattform, die nach dem Prinzip des „Fracking“ arbeitet.

Foto: Jim Lo Scalzo / dpa

Osterode.  In der Energiekrise wird wieder über Fracking in Niedersachsen diskutiert – was steckt dahinter? Eine Analyse.

Das kanadische Unternehmen BNK Petroleum hat angekündigt, mögliche Gasvorkommen am Harzrand via Fracking erkunden zu wollen. Diese Nachricht ist ziemlich genau zehn Jahre alt. Nun wird wegen knapper Energie wieder über Fracking zur Gasgewinnung diskutiert und das betrifft vor allem Niedersachsen – hier werden die größten Schiefergasvorkommen vermutet.

Die Argumente der Befürworter fußen vor allem auf dem Bericht einer Expertenkommission, die von der vorherigen Bundesregierung eingesetzt wurde und zu dem Ergebnis kommt: Die Risiken des Frackings sind inzwischen ziemlich gering. Erdbebengefahr, Methanemissionen, Grundwasserverunreinigung – mit heutiger Technik alles kalkulierbare Risiken. Ein Sprecher des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie weist allerdings darauf hin, dass gegenwärtige Forschungsergebnisse für Fracking in Deutschland allein auf der Auswertung von Fachliteratur, nicht etwa auf Probebohrungen beruhten. So könnten keine verlässlichen Daten erhoben werden.

Zahlen zu Fördermengen sind nur Schätzwerte

Die gehandelten Zahlen zu möglichen Fördermengen seien nur Schätzwerte, die medial oft verkürzt dargestellt würden – ob es wirklich Vorkommen in den kolportierten Größenordnungen gäbe, sei ebenso fraglich wie deren tatsächliche Förderfähigkeit, erklärt der Sprecher auf Nachfrage unserer Zeitung. Nur weil es Gasvorkommen in Gesteinsschichten gibt, heißt das nicht zwangsläufig, dass diese auch gefördert werden können. Bekannt sind lediglich Förderpotenziale, über deren Ausschöpfung gemutmaßt wird. So schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe die technisch förderbare Schiefergasmenge auf 230 bis 2.030 Milliarden Tonnen – eine riesige Spannweite.

Der aktuelle Bericht der Expertenkommission wurde unter dem Eindruck der aus dem Krieg resultierenden Energiekrise verfasst. Die Autoren betonen: Ob Fracking zur Gasgewinnung in Betracht gezogen werde, müsse einem umfassenden politischen Abwägungs- und Entscheidungsprozess unterzogen werden. Schließlich müssten Bundestag und Bundesrat das Gesetz ändern, das Fracking zur Zeit verbietet.

Bei einem solchen Prozess spielt auch die öffentliche Meinung eine gewichtige Rolle. In unserem aktuellen „Niedersachsen-Check“ wurden 2.000 Wahlberechtigte dazu befragt – 62 Prozent wollen an dem Fracking-Verbot festhalten, nur 26 Prozent würden es auflösen.

Jede Menge Widerstände

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte kürzlich: „Überall da, wo auch nur über ein solches Projekt nachgedacht wird, bilden sich jede Menge Widerstände. Dann hätte man sofort wirklich jahrelange Streitigkeiten vor der Brust.“

In einer sich zuspitzenden Energiekrise könnten sich die Positionen natürlich schnell wandeln, das zeigen Umfragen zur Atomkraft. Bei der öffentlichen Debatte lohnt aber ein Vergleich mit Windkraftanlagen, deren Ausbau seit Jahren oft an lokalen Widerständen festhängt: Windräder wollen inzwischen fast alle, nur eben nicht vor der eigenen Haustür. Ähnlich könnte es mit Bohrplätzen und -löchern werden.

Andere Bevölkerungsdichte

Diese Position wird beim Fracking besonders kritisiert, weil Deutschland Fracking-Gas aus den Vereinigten Staaten importiert. Dort nehmen wir Bohrlöcher in Kauf, bei uns aber nicht. Das lässt die Flächenverhältnisse der USA außer Acht: Dort wohnen im Schnitt 36 Menschen auf einem Quadratkilometer; in Deutschland sind es 233, in Niedersachsen immerhin noch 168 – fast fünfmal so viele. „In Europa treffen auf engstem Raum verschiedene Flächeninteressen aufeinander, das lässt sich überhaupt nicht vergleichen“, sagt der Goslarer Geologe Friedhart Knolle. In den Vereinigten Staaten finden die Bohrungen fernab der Zivilisation statt, weit und breit ist da nichts als Brachland. Für die Menschen macht das einen Unterschied: Wenn sich außer den Energiekonzernen niemand für die Flächen interessiert, gibt es kaum öffentlichen Widerstand.

Das ist in Deutschland fundamental anders, wie die zähen Diskussionen um den Windkraftausbau zeigen. Es treffen Natur- und Wasserschutz, Ansprüche an Geräuschkulisse und Landschaftsbild aufeinander.

Keine kurzfristige Lösung

Der Bericht der Expertenkommission kommt zu dem Schluss, dass – den politischen Willen zum Fracking vorausgesetzt – die erforderlichen Prüf-, Beteiligungs- und Genehmigungsverfahren mehrere Jahre dauern würden. Anschließend empfiehlt sie eine Vorerkundung von Bohrgebieten, um Erdbebenrisiken, vorhandene Methanemissionen und den Gewässerzustand genau zu ermitteln. Heißt: Nach jahrelanger Bürokratie könnte sich ein Standort bei der Vorerkundung immer noch disqualifizieren; viel Zeit und Geld wären verloren ohne einen geförderten Kubikmeter Gas.

Trotz der laut Bericht mittlerweile handelbaren Probleme scheinen die Risiken von Fracking groß: Mit langwierigen Beteiligungs- und Genehmigungsverfahren auf eine Ressource zu warten, die künftig nicht mehr genutzt werden soll, macht wenig Sinn. Zumal die wirkliche Fördermenge nicht gewiss ist. Über die Gewinnung fossiler Energien zu diskutieren, hält Geologe Knolle jedenfalls für einen Irrweg: „Wir müssen ins postfossile Zeitalter.“