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Ukraine-Krieg: Wie Vitali Klitschko um Kiew kämpft

| Lesedauer: 7 Minuten
Nach russischen Luftangriffen: Ukrainer stehen nach Wasser an

Nach russischen Luftangriffen: Ukrainer stehen nach Wasser an

Nach russischen Luftangriffen auf die Energie-Infrastruktur der Ukraine sind in Kiew hunderttausende Haushalte ohne Strom, 80 Prozent der Hauptstadt-Bewohner sind von der Wasserversorgung abgeschnitten. An öffentlichen Wasserstellen bilden sich lange Schlangen.

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Kiew  Erneut erlebt Kiew Angriffswellen russischer Raketen. Der frühere Boxweltmeister Klitschko stemmt sich gegen die Not des Krieges.

Als die Sirenen durch die Straßen von Kiew heulen, stehen die Box-Legende Vitali Klitschko und der deutsche Justizminister Marco Buschmann gerade vor einer Ruine inmitten von hohen Häusern. Ein paar Wände ragen noch aus den Trümmern, Backsteine liegen auf dem Boden, ein Teil des Daches ist zerfallen im Schutt. „Die Frontlinie war nie in unserer Stadt. Alles, was wir abbekommen, sind Artillerie, Raketen, Drohnen“, sagt Klitschko.

Fünf Menschen seien in dem Wohnhaus getötet worden, eine von ihnen die junge Victoria, gerade im sechsten Monat schwanger. Die Drohne, erzählt Klitschko, zündete erst im Gebäude, sprengte die Mauern auseinander. „Überall war Rauch, unsere Feuerwehrleute haben gekämpft und gerufen, aber keiner hat geantwortet. Sie haben gesagt, dass niemand überlebt hat.“ Aber plötzlich, sagt Klitschko, habe die Feuerwehr eine Oma entdeckt. Sie saß in einem kleinen Zimmer im dritten Stock.

Ukraine-Krieg: Raketenalarm ist wieder zum Alltag geworden

Dann geht die deutsche Botschafterin dazwischen: „Luftalarm. Deshalb sollten wir in die Botschaft fahren.“ Klitschko schiebt noch ein paar Sätze nach: „Jetzt sehen Sie, dass die Leute wochenlang nur im Bunker gesessen haben.“ Die Ukraine brauche die deutsche Hilfe. Minister Buschmann kann nur kurz antworten: „Viel Erfolg! Auch dafür, dass Sie Ihre Menschen weiter schützen.“ Dann rufen schon die Sicherheitsleute: „Alle aufsitzen! Abbruch!“ Der Minister läuft mit schnellem Schritt zu einem schwarzen Van, steigt ein, die Kolonne fährt ab.

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Auf den Straßen von Kiew rennt niemand, die Menschen stehen an Bushaltestellen, tragen ihre Einkaufstaschen, manche telefonieren, andere sitzen im Café. Raketenalarm ist in Kiew wieder zum Alltag geworden. Der Krieg trägt keine stille mehr in die Stadt.

Aber dieser Alltag ist gefährlicher geworden, beschwerlicher. Russland greift seit einigen Wochen verstärkt die ukrainische Hauptstadt an, zielt vor allem auf Stromleitungen und Kraftwerke. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite des zerstörten Wohnhauses steht ein Heizkraftwerk. Mehrfach schlugen hier Raketen ein, kürzlich traf es den „Tower 101“ ein paar Meter entfernt, in dem die deutsche Botschaft ihre Visa-Stelle hatte. Fenster bis in den 22. Stock sind zerstört, Glassplitter liegen unten auf dem Asphalt.

Als die Sirenen noch schweigen, treffen sie sich hier an der Wohnhaus-Ruine: FDP-Justizminister Buschmann, der für einen Tag nach Kiew gereist ist, nachts mit einem Sonderzug aus Polen, die Fenster abgedunkelt, die Scheiben mit Splitterschutz-Folie beklebt. Und Vitali Klitschko: der frühere Box-Weltmeister, 47 Kämpfe, 45 Siege, 41 durch K.O.

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Klitschko aber kämpft jetzt einen anderen Kampf. Er ist seit 2014 Bürgermeister von Kiew, er trägt an diesem Tag Jacke und Hose in olivgrün, darunter schimmert ein blaues Hemd. Er sieht aus wie ein Soldat, nicht wie ein Politiker.

Vitali Klitschko und die Ukraine sind einen weiten Weg gegangen. Seinen letzten Profi-Kampf bestritt Klitschko 2012. In Moskau, ausgerechnet. Ein gutes Jahr später zieht Klitschko als Politiker über den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, demonstriert mit Zehntausenden gegen die pro-russische Regierung. Klitschko wird aus dem Ausland unterstützt, auch von der damaligen Merkel-Regierung. Die EU erkennt den Moment, will den prominenten Sportler zur Figur für die Annäherung der Ukraine an den Westen aufbauen.

Klitschko appelliert an die Welt

Bald folgen in Kiew tagelange Ausschreitungen, Spezialkräfte der Polizei erschießen Protestler auf dem berühmten „Maidan“. Es gibt Bilder, die zeigen Klitschko vor brennenden Barrikaden, andere mit Schmutz der Straße im Gesicht. Es sind die Augenblicke, die Kiew und Klitschko zusammenbringen. Er – der ewige Sieger im Ring, der aber schon zweimal das Rennen um den Bürgermeister-Posten verloren hatte – steigt auf zur internationalen Symbolfigur der Ukraine im Kampf gegen Russlands Machtpolitik. Manche sagen heute, er wolle sogar Präsident werden.

Unermüdlich stellt sich Klitschko seit Monaten vor Kameras, gibt Interviews, appelliert an die Welt zu Waffenlieferungen und Hilfe für sein Land, seine Stadt. Eine Stadt im Krieg – die doch funktioniert. In der Geschäfte geöffnet sind, in der Autos in Staus feststecken. Drei Millionen Menschen leben hier. „Niemand ist nach den jüngsten Raketenangriffen geflohen“, sagt Klitschko.

Und doch: Jede dritte Wohnung sei teilweise ohne Strom. „Als die Infrastruktur am Montag beschossen wurde, war Kiew fast 10 Stunden ohne fließendes Wasser. Bis heute ist ein großer Bezirk ohne Strom.“ Immer montags kamen zuletzt die Angriffe, Raketen trafen eine Straßenkreuzung, einen Spielplatz, Gebäude der Stromversorgung. „Warum immer montags“, will Justizminister Buschmann wissen. „Fragen Sie das Putin“, sagt Klitschko.

Und jetzt naht der Winter, mit teilweise brutalen Minusgraden. „Wir kalkulieren mit dem Schlimmsten“, sagt Klitschko. An 1000 Stellen der Stadt will der Bürgermeister „Heiz-Punkte“ aufstellen lassen. Gerade importiert er Stromgeneratoren aus dem Ausland.

In den ersten Wochen der Invasion war Kiew belagert. Das Regierungsviertel ist bis heute mit Checkpoints abgeriegelt, Betonklötze und Eisenschranken versperren die Straßen. Wer abends durch das Regierungsgebäude geht, läuft durch abgedunkelte Flure, in denen alle 50 Meter Sandsäcke mit Schießscharten aufgetürmt sind. Im Februar schien ein Häuserkampf um Kiew nahe. Im Regierungssitz hätte die ukrainische Führung um jeden Meter, jeden Sitzungssaal gekämpft.

Jetzt aber kommt die Gefahr von oben. Aus der Luft. Ukrainische Sicherheitsleute sagen, dass nach dem ersten Heulen der Sirenen 15 Minuten Zeit bleiben, vielleicht 20, bis die Raketen einschlagen. Die russische Armee feuert sie meist von Trägern im Schwarzen Meer oder aus Belarus ab. Es gab Tage, da donnerten die Einschläge schon nach fünf Minuten durch Kiew.

Gelassenheit und Siegesgewissheit

Ein Großteil der Raketen aber kommt nicht durch. Auch weil die ukrainische Armee mittlerweile deutsche Iris-T-Flugabwehrsysteme zur Verteidigung der Stadt einsetzt. Doch gerade Drohnen sind schwer zu stoppen. Waffen, die Russland aus dem Iran bezieht.

Wenn Klitschko über Wladimir Putin spricht, fallen drastische Worte. Er spricht von „Terror“, von „Genozid“. Russland denke, dass die Menschen in Kiew Panik bekommen würden. „Aber die bleiben hier, das ist ihr Zuhause, die kämpfen.“

In Kiew sieht man die Wucht des Krieges. Zerstörte Häuser, Viertel ohne Strom. Aber man hört auch eine Gelassenheit, eine Siegesgewissheit. Russland werde diesen Krieg verlieren, sagt ein ranghoher Regierungsmitarbeiter an diesem Novembertag. Dafür lohne sich der Kampf, der wenige Schlaf. Früh am Morgen, wenn oft der erste Alarm aufheult, stehe er auf seinem Balkon seiner Kiewer Wohnung. Manchmal fliege die Rakete über sein Haus. Er bleibe dann einfach stehen, und rauche eine Zigarette. „Wenn es deine Rakete ist, wird sie dich treffen, egal, wo du bist. Wenn es nicht deine Rakete ist, trifft sie dich nicht.“ Bisher hatte er Glück.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.