Gleichberechtigung

Warum Politik eine Männerwelt bleibt und junge Frauen fehlen

| Lesedauer: 9 Minuten
Wie vielfältig ist der neue Bundestag?

Wie vielfältig ist der neue Bundestag?

Der 20. Bundestag verfügt mit 736 Abgeordneten über mehr Mitglieder als alle seine Vorgänger. Der Anteil der weiblichen Abgeordneten ist bei den Grünen am größten, von den Berufsgruppen kommen die meisten Parlamentarier aus der Wirtschaft.

Beschreibung anzeigen

Berlin  Ein Bericht von Plan International zeigt: Politik ist für Mädchen in Deutschland wichtig, doch sie sind zu wenig in Parteien vertreten.

Maxima Trabert hat es geschafft. Sie ist jung, gerade 18 Jahre alt, sie ist politisch interessiert. Und sie setzt ihre Ziele jetzt um – in einer Partei, der FDP. Trabert sagt: „Ich wollte schon als Jugendliche Probleme lösen, in meiner Nachbarschaft, in der Schule. Später auch in der Gesellschaft.“

In ihrer Schule in Hessen wird sie politisiert, erlebt, wie Ausstattung fehlt, wie Lehrer am Computer daran scheitern, ein PDF-Dokument zu öffnen, sieht, wie die Schultoiletten defekt sind. Trabert ist noch Schülerin, in ihrem letzten Jahr. Sie sagt: „Ich will das ändern, deshalb mache ich Politik.“ Nicht immer war das ein leichter Weg.

Lesen Sie auch: Femizide – Warum Männer Gewalt gegen Frauen verüben

Deutsche Parlamente: Keines ist gleichwertig mit Frauen besetzt

Seit 1919 dürfen Frauen in Deutschland wählen – und gewählt werden. Doch bis heute ist kein Parlament der Bundesrepublik gleichwertig mit Frauen und Männern besetzt. Zwar liegt der Anteil weiblicher Politikerinnen im Bundestag mittlerweile deutlich höher als in den ersten Jahren der Nachkriegsgeschichte, und doch wächst er auch seit 2000 nicht mehr deutlich an, liegt bei gut 30 Prozent.

In den Länderparlamenten liegt der Frauenanteil laut Bundesfamilienministerium bei 32 Prozent, auf kommunaler Ebene durchschnittlich bei 23 Prozent. Noch immer gebe es „keine gleichberechtigte politische Teilhabe von Frauen“, teilt das Ministerium auf Nachfrage mit, das in der Regierung auch Frauenpolitik verantwortet. Und nur jedes zehnte Rathaus in Deutschland wird von einer Frau geführt.

Junge Frauen streben nicht nach Ämtern in Parteien

Das liegt laut Studien und Umfragen auch daran, dass Mädchen und junge Frauen sich zwar für Politik und Arbeit in Parteien interessieren – aber sich dennoch weniger als Jungen und Männer vorstellen können, auch in Ämtern und Parlamenten für ihre Ideen einzutreten. In Deutschland klafft diese Lücke zwischen den Geschlechtern sogar noch stärker als in vielen anderen Staaten der Welt.

Laut dem „Welt-Mädchenbericht“ der Kinderrechtsorganisation Plan International sagen zwar 95 Prozent der Befragten zwischen 15 und 24 Jahren in Deutschland, dass ihnen politisches Engagement wichtig sei. Zugleich können sich laut dem Bericht nur 14 Prozent der Mädchen und jungen Frauen in Deutschland vorstellen, selbst Politikerin zu werden. Auf die Frage, ob die jungen Frauen berufliches Interesse an dem Amt einer Regierungschefin hätten, antworten demnach nur sieben Prozent mit Ja.

Lesen Sie auch: Das ist die grüne Familienministerin Lisa Paus

Zudem sind nur etwas mehr als die Hälfte der Mädchen und jungen Frauen in Deutschland der Meinung, dass Frauen in Führungspositionen in der Politik akzeptiert würden. 21 Prozent der Befragten erklärten ihre Vorbehalte gegen ein Engagement in Politik und Parteien damit, dass sie nicht genug von Politik verstehen würden.

Für den Bericht zum internationalen Welt-Mädchentag am 11. Oktober hat Plan International weltweit 29.000 junge Frauen in 29 Ländern befragt. 1000 davon in Deutschland. Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Doch die Ergebnisse decken sich mit Studien und Umfragen der vergangenen Jahre. Laut einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligen sich mehr Jungen (56 Prozent) als Mädchen (44 Prozent) politisch-gesellschaftlich. Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen jungen Männern und Frauen beim Engagement in Parteien.

Bei Fridays For Future engagieren sich mehr junge Frauen als junge Männer

Auch die bekannte Shell-Studie sieht in der aktuellen Erhebung „trotz leichter Annäherungen“ mehr Interesse für Politik bei Jungen als bei Mädchen. Allerdings: Vor allem durch die Klima-Proteste von „Fridays For Future“ ist der politische Einsatz von Mädchen und jungen Frauen deutlich stärker medial im Fokus, da die Bewegung mit Greta Thunberg und Louisa Neubauer junge Frauen an der Spitze hat. Eine Analyse des Protests in 13 Ländern von 2019 zeigt: Zwei Drittel sind junge Frauen und Schülerinnen, die sich engagieren.

In den Parteien und Parlamenten findet sich dieser Trend noch nicht wieder. Und auch gerade beim Engagement in Initiativen der Zivilgesellschaft wie „Fridays For Future“ hinkt Deutschland laut Umfragen von Plan International global zurück. 63 Prozent der weltweit 29.000 Befragten gab an, sich in Vereinen, Initiativen und Organisationen zu organisieren. In Deutschland ist es weniger als die Hälfte der jungen Frauen und Mädchen.

Deutschland: Ampel-Regierung will das Hälfte der Macht Frauen gehört

Der Anspruch der Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP ist, dass mindestens die Hälfte der Macht den Frauen gehört. Im Koalitionsvertrag hält die Koalition fest: „Die Gleichstellung von Frauen und Männern muss in diesem Jahrzehnt erreicht werden.“ Frauen könnten erst dann gleichberechtigt mitbestimmen, wenn sie zu mindestens 50 Prozent in den Parlamenten vertreten seien, so das Familienministerium.

„Die Befragung hat gezeigt, dass Mädchen aufgrund ihres Alters und ihres Geschlechts davon abgehalten werden, sich an der Politik zu beteiligen“, sagte Kathrin Hartkopf, Sprecherin der Geschäftsführung von Plan International Deutschland, unserer Redaktion. „Als junge Menschen werden sie als zu unreif abgetan. Und als Mädchen oder Frauen werden sie durch Geschlechterstereotypen und herrschende Ungleichheiten zurückgehalten. Ihnen fehlen laut der Umfrage auch passende Vorbilder.“

Ähnlich schildern es auch junge Frauen in anderen Teilen der Welt. „Frauen in Führungspositionen werden unterschätzt. Die Außenwelt denkt häufig, dass sie es nicht schaffen. Darin sehe ich eine große Herausforderung“, sagt die 16 Jahre alte Darna von den Philippinen der Organisation Plan International.

Krieg und Armut: Oftmals sind Frauen damit belastet, für Familie und Kinder zu sorgen

Aus der weltweiten Umfrage geht auch hervor, dass Mädchen und junge Frauen die Politik zumeist als „abstrakt Staatsangelegenheiten“ empfinden – und weniger als Einsatz etwa lokal in Ortsverbänden oder Initiativen. Genau dort aber sind die jungen Menschen meist aktiv, befassen sich mit Umwelt, Armut und Bildung. Politische Themen, die sie direkt betreffen.

Allerdings gilt auch: In vielen Regionen der Welt fehlt jungen Frauen oft die Zeit und das Geld, um sich politisch zu engagieren. Oftmals sind sie damit belastet, für ihre Familie und die Kinder zu sorgen. Die 16 Jahre alte Alice aus dem westafrikanischen Benin sagt: „Viele Menschen haben kein Geld, um Mais zu kaufen. Die Mädchen, die im Haus direkt neben uns leben, essen nur einmal am Tag und müssen um Essen betteln.“

Lesen Sie auch: Geraubte Leben – wie Mädchen in Nigeria Opfer des Terrors werden

Existenznot im extremen Fall, aber auch „veraltete Geschlechterrollen sowie Anfeindungen und Belästigungen, denen Politikerinnen und Aktivistinnen ausgesetzt sind“, würden junge Menschen davon abhalten, politisch aktiv zu werden, so der Plan-Bericht. Vielen Mädchen fehlen Vorbilder, andere Frauen, die Erfolg in der Politik haben. Auch das heben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Analyse von politischer Teilhabe immer wieder hervor.

Und das gilt auch für Deutschland. „Alteingesessene Männernetzwerke verhindern häufig eine stärkere Präsenz von Frauen in der Politik“, schreibt das Familienministerium. Sitzungen in Parteien und Politik sind oftmals abends, zugeschnitten auf einen Alltag, in dem ein Elternteil abends Zeit für die Kinderbetreuung hat. In vielen Fällen ist das noch immer die Frau.

Sexistische Sprüche und Klischees: Womit junge Frauen in der Politik konfrontiert sind

So erzählt es auch die junge Maxima Trabert. Anders als bei den Jungen Liberalen, der Jugendorganisation der FDP, war ihr Einstieg in der großen Partei nicht so einfach. „Ich hatte das Gefühl, als ‚junges Küken‘ wahrgenommen und nicht politisch ernst genommen zu werden“, sagt sie. Das habe sich aber schnell geändert. Aus Gesprächen mit anderen jungen Politikerinnen weiß sie, dass Frauen oftmals auf ihr Äußeres reduziert würden, sich von Männern „eher sexistische Sprüche anhören“. Da würden nur klare Ansagen helfen, sagt Trabert. Mittlerweile sitzt sie im Vorstand ihres FDP-Ortsverbands. Und im Landesvorstand bei den Jungen Liberalen in Hessen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.