Videoschalte

Giffey und der falsche Klitschko: Doch kein Deep Fake?

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Franziska Giffey im Gespräch mit dem falschen Vitali Klitschko.

Franziska Giffey im Gespräch mit dem falschen Vitali Klitschko.

Foto: Senatskanzlei Berlin/dpa

Berlin.  Franziska Giffey hat mit einen falschen Vitali Klitschko telefoniert. Neue Hinweise sprechen allerdings gegen die Deepfake-Theorie.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) ist einem Betrüger aufgesessen. In einer Videoschalte sprach Giffey mit jemandem, der sich fälschlicherweise als Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko ausgegeben hatte. Nach einer halben Stunde fiel der Fake auf und das Gespräch zum Krieg Russlands gegen die Ukraine wurde beendet.

Die Berliner Senatskanzlei verbreitete kurz nach dem Gespräch die These eines ausgeklügelten Betrugs: "Es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass die Videokonferenz nicht mit einer echten Person geführt wird. Allem Anschein nach handelt es sich um einen Deep Fake."

Deep Fake: Technologie überzeugt in Echtzeit nicht

Als sogenannte Deep Fakes bezeichnet man eine KI-Software, die auf Basis von Video- und Tonaufnahmen die Stimme, Mimik und Gestik einer anderen Person lernt. Damit können einer Person prinzipiell erstmal alle Worte in den Mund gelegt haben – sogar wenn diese Person nie über das entsprechende Thema geredet hat.

Mehrere Hinweise sprechen allerdings gegen die Theorie, Giffey sei von einem Deep Fake getäuscht worden. Zwar sei die Technologie heute schon vorhanden, "um die Mimik und Lippenbewegungen einer Person in einem Video zu manipulieren, gegebenenfalls auch deren Stimme", erklärt Florian Gallwitz, Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg und Experte für die automatische Verarbeitung von Sprache, Bildern, Videos und Musik, dem "Spiegel".

Diese Technologien seien allerdings noch schwer zu bedienen und wirkten gerade während eines Live-Gesprächs noch nicht sehr überzeugend. Gallwitz führt aus: "Deshalb würde ich in diesem und in vergleichbaren Fällen immer erst von einfacheren Tricks ausgehen."

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Klitschko-Gespräch mit Giffey: Hinweise sprechen gegen Deep Fake

Weitere Hinweise darauf, dass Giffey nicht zum Opfer eines Deep Fakes wurde, hat der rbb-Investigativjournalist Daniel Laufer auf Twitter gesammelt. Seiner Analyse nach stammen die Aufnahmen aus Giffeys Videoschalte mit dem falschen Klitschko aus einem Interview, dass Kiews Bürgermeister im April einem ukrainischen Journalisten gab.

Mehrere Details machen den Experten Daniel Laufer stutzig. Ein erstes Indiz, dass gegen einen Deep Fake spricht, ist der Hintergrund. Klitschko sitzt auf dem Bildmaterial vor dem ukrainischen Wappen und einer Flagge. Beim Generieren von Videomaterial in Echtzeit käme es zu "sichtbaren Artefakten", die für eine Fälschung sprechen, etwa eine Delle in der ukrainischen Flagge.

Ein weiteres Detail ist, dass alle veröffentlichten Bilder aus der Videoschalte mehr oder weniger identisch mit Screenshots aus Klitschkos April-Interview sind. Laufer fragt auf Twitter: "Worin sollte dann die KI-Manipulation liegen?" – und antwortet sich selbst: "Wäre das ein echtes Deep Fake, gäbe es diese perfekten Übereinstimmungen meiner Einschätzung nach eher nicht".

Franziska Giffey war nicht das einzige Opfer des falschen Klitschkos

Der Investigativjournalist hat eine andere Theorie. "Denkbar wäre: Jemand hat einzelne Videoschnipsel aus dem Original schlau vorgeschnitten und sie in Echtzeit neu zusammengesetzt". Damit wäre Franziska Giffey zwar immer noch einer Fälschung aufgesessen – allerdings eher einem sogenannten "Shallow Fake" oder "Cheap Fake" und keinem technisch anspruchsvollen Deep Fake, erklärt Laufer.

Laufer betont allerdings auch, er könne nicht eindeutig beweisen, dass es sich nicht um einen Deep Fake handele. Die von ihm aufgeführten Hinweise sprechen allerdings dafür. Franziska Giffey ist jedenfalls nicht das einzige Opfer des falschen Klitschkos. Auch Madrids Bürgermeister José Luis Martinez-Almeida und Wiens Bürgermeister Michael Ludwig wurden von dem unbekannten Betrüger getäuscht.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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