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"Star Wars: Andor": Die beste Serie des Jahres auf Disney+

| Lesedauer: 7 Minuten
Gauner Cassian Andor entdeckt seine wahre Bestimmung.

Gauner Cassian Andor entdeckt seine wahre Bestimmung.

Foto: IMAGO / Picturelux

Berlin  Auf Disney+ ging am Mittwoch „Star Wars: Andor“ zu Ende. Gesehen haben das Meisterwerk bislang wenige – dabei ist es brennend aktuell.

Was passiert, wenn es sich Menschen in einem faschistischen Terrorstaat bequem machen? Wenn sie beginnen, nur noch auf das eigene Überleben zu achten und ihre Mitmenschen vergessen? Der Faschismus breitet sich aus, wird mächtiger und beherrscht am Ende jeden Aspekt des eigenen Lebens.

Die Einzigartigkeit jeden Lebens wird nicht mehr bewahrt, es dominieren stattdessen: Willkür, Angst, Hass und Gleichförmigkeit. Und doch: Was in Vergessenheit gerät, lässt sich wieder erlernen. Widerstand ist nicht zwecklos, sondern erste Pflicht, auch wenn es das Wenige gefährdet, was an eigenem Leben noch geblieben ist.

"Star Wars: Andor" erzählt eine packende Geschichte

Das ist nicht nur eine Lehre aus den beispiellos mutigen Protesten im Iran oder dem erbitterten Widerstand der Ukraine gegen Russlands Raketen-Angriffskrieg, sondern zentrale Botschaft von "Star Wars: Andor". Die zwölf Episoden lange Disney+-Serie ging am Mittwoch mit einem fulminanten Finale zu Ende. Lesen Sie auch: Warum Markus Lanz die Antworten seiner Gäste nicht gefallen

Gesehen haben "Andor" – im Vergleich zu Serien wie "Die Ringe der Macht" (Amazon Prime Video) und dem "Game of Thrones"-Prequel "House of Dragons" (HBO/Sky Atlantic) wenige. Selbst im Hauseigenen "Star Wars"-Streamingkosmos landet "Andor" auf dem letzten Rang.

Dabei ist die Serie nicht nur das beste "Star Wars" seit "Rogue One", vielleicht sogar seit "Das Imperium schlägt zurück". Sie ist auch anknüpfungsfähig für alle, die mit "Star Wars" gar nichts anfangen können. Wer "Skywalker" für einen Sportschuh hält, kann "Andor" bedenklos eine Chance geben, denn: Auf Lichtschwerter, fiese Weltraumzauberer und eine Geschichte im Schwarz-Weiß-Schema verzichtet Tony Gilorys Ausflug in die weit entfernte Galaxie komplett.

Stattdessen verhandelt "Andor" Ideen, die brandaktuell sind. In einer düsteren, perfekt in Szene gesetzten Science-Fiction-Erzählung, die Cyberpunk-Elemente vom Kaliber eines "Blade Runner" mit spannenden Heist-Movie-Passagen mischt, sich zeitweise wie ein Spionage-Thriller anfühlt und dabei nie seine ausgezeichneten Charaktere aus den Augen lässt.

"Star Wars: Andor" hat nachvollziehbare Charaktere

Da ist der Titelgebende, Cassian Andor (Diego Luna), ein rücksichtsloser Kleingauner, dem der Widerstand gegen das faschistische Imperium in jungen Jahren ausgetrieben wurde. Ihm folgt die Erzählung, wie er beim völlig unideologischen Versuch, sich mit geklauter Kriegstechnik ein besseres Leben zu erkaufen, hineingezogen wird in den aufkeimenden Widerstand gegen die Unterdrücker.

Bis er schließlich dazu verdammt wird, sich in einem Arbeitslager zu Tode zu arbeiten, wiederentdeckt, was ihn einst antrieb, und den Satz sagen kann: "Lieber sterbe ich beim Versuch, die Tyrannei zu beenden, als dabei zu sterben, wie ich ihr gebe, was sie will."

Es ist das klassische Motiv von "Gebt mir Freiheit oder gebt mir den Tod", das Gilroy hier bedient . Und doch ist es faszinierend, dabei zuzusehen, wie Cassian Andor zu diesem Punkt gelangt. Auch das ist eine Stärke der Serie: Sie nimmt sich Zeit für ihre Figuren, hetzt nicht, ist gerade zu Beginn fast träge. Andor darf sich entwickeln.

Seine Geschichte wird immer wieder kunstvoll verwoben mit anderen Charakteren – wie der Senatorin Mon Mothma (Genevieve O’Reilly), einer Idealistin, die heimlich den Widerstand aus eigener Tasche finanziert und dabei feststellen muss, dass am Ende jede persönliche Freiheit der guten Sache zum Opfer fallen kann, ja muss, wenn es denn dem viel größeren Ziel der Freiheit aller dient.

Ihren Gegenpol stellt Luthen Rael (Stellan Skarsgård), der – obwohl beide auf derselben Seite kämpfen – wenig gemein hat mit den hehren Idealen der Senatorin. Wo sie sich um die Folgen eines Überfalls sorgt, hat er nur das Ziel vor Augen. Getrieben von der Angst, der Faschismus könnte einst so mächtig werden, dass er nicht mehr zu brechen ist, opfert Rael ohne Wimpernschlag Mitstreiter, wenn es sein muss und verliert dabei – wissentlich – jeden Rest seiner Menschlichkeit.

„Andor“ hebt mit den beiden Figuren ab auf die unbedingte Opferbereitschaft, den Willen zum Risiko und die Ruchlosigkeit, die eine Revolution verlangt. Eine tragische Gewissheit, die den Revolutionären erst dämmert, wenn sie schon viel zu weit gegangen sind, um jemals umkehren zu können.

„Andor“ macht Bösewichte zu Menschen

Selbst die ausgemachte Gegenspielerin der vielschichtigen Helden ist derart nachvollziehbar gezeichnet, dass Betrachtende in der ersten Hälfte der Staffel einen Menschen sehen, und dabei vergessen, dass sie mit Dedra Meero (großartig: Denise Gough) Sympathien hegen für eine grausam-effiziente, richtiggehend blutlüsterne Beamtin einer faschistischen Geheimpolizei.

Ihre Figur – bezeichnenderweise die einzige Frau im ansonsten männerdominierten Imperialen Sicherheitsbüro, der "Star Wars"-Version der Gestapo, – ist die Einzige, die die Bedrohungslage richtig einzuschätzen vermag, während ihre arroganten Kollegen sich in blasiertem Zuständigkeitsgezanke ergehen.

Selbst in Nebenfiguren mag das Drehbuch von „Andor“ noch zu überraschen und liefert mit der Rolle von Kino Loy, umwerfend verkörpert von „Herr der Ringe“-Star Andy Serkis, einen der emotionalsten Twists der jüngeren Serien-Geschichte.

Den Figuren und ihren Geschichten lässt sich auch deswegen so gut folgen, weil „Andor“ zwar eine große Geschichte erzählt, diese aber geschickt strukturiert in jeweils drei Episoden umfassende Handlungsstränge, mit klarem Beginn, einem vertiefenden, die Spannung aufbauenden Mittelteil und dann einem jeweils fulminanten Finale, die mitunter atemberaubendes Fernsehen liefern. Denn nicht nur die Geschichte passt, auch visuell überzeugt „Andor“ auf ganzer Linie.

„Andor“ steht für sich

Hier findet sich noch am ehesten jener Fanservice, der „Star Wars“-Unkundige vielleicht von einem ersten Ausflug in das George-Lucas-Universum abhält. Statt auf die Klassiker wie Tatooine (eine Sandwüste), Hoth (eine Eiswüste) oder Jaku (noch eine Sandwüste) nimmt „Andor“ mit in Science-Fiction-Welten, die mit ihren eigenen Traditionen eine ebenso fremdartige wie merkwürdig-vertraute Kultur atmen, sich schlicht „echt“ anfühlen. Man muss „Star Wars“ nicht kennen, um sich hier zurecht zu finden.

Trotzdem gelingt es der Serie, den (visuellen) Bezug zum Ursprungsstoff nicht zu verlieren. Die Sturmtruppenrüstungen glänzen auch in „Andor“ makellos weiß, TIE-Jäger jaulen so effektvoll wie 1977 und selbst ein tödliches Arbeitslager fügt sich mit seinem sterilen Design in das „Star Wars“-Universum ein, als hätten Konzeptzeichner Colin Cantwell und Ralf McQuarrie höchstpersönlich die Vorlage geliefert.

Und dennoch: Gilroy hätte das alles nicht gebraucht, um seine Geschichte zu erzählen. „Andor“ steht für sich, und am Ende für die Idee, dass Tyrannei in ihrem Versuch, alles zu beherrschen, nur versagen kann. Denn die Freiheit schlüpft durch jede Faust, egal wie fest sie geballt ist.

Alle 12 Folgen von "Star Wars: Andor" können Sie jetzt bei Disney + streamen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.